„Und doch, wieviele verheiratete Frauen gehen heutzutage darauf ein“, sagte Miranda. „Gibt es nicht so viele Frauen, die die Untreue ihres Gatten verzeihen und sie so gut als möglich ertragen um der Kinder oder anderer gesellschaftlicher Vorteile willen, oder weil sie ihrem Manne so ergeben sind, daß sie es vorziehen, ihn mit einer anderen zu teilen, als allein ohne ihn zu leben? Und was ist das anderes, als die Polygamie hinnehmen?“
„Ja, aber dann sind die anderen Frauen nur Geliebte“, rief Isolda aus. „Das mag man unfreiwillig dulden, aber eine andere gesetzliche Frau mit ebensolchen Rechten wie die unseren, und was noch schlimmer ist, mit Kindern, die den unseren gleichgestellt werden — niemals!“
„Gut, vielleicht nicht,“ gab Miranda zu, „ich vermute, eine gesetzliche und ständige Nebenbuhlerin wäre etwas anderes, und schließlich kann man ja nur von dem Mittelstand in England als ausgesprochen monogamisch reden. Die oberen und die unteren Gesellschaftsschichten sind so polygamisch als nur möglich. Wir tun nur in unserer britischen Heuchelei so, als ob bei uns die Monogamie die Regel wäre.“
„Ziehe nicht gegen die britische Heuchelei los,“ sagte Amoret träge. „Es ist unser kostbarstes Nationalerbe. Die Heuchelei hält den Gesellschaftsbau zusammen.“
„Zugegeben“, sagte Isolda. „Wir müssen des Friedens halber und dem Ideal zuliebe so tun, als ob wir glaubten, daß die Monogamie die Regel ist. Natürlich weiß jeder, daß es überall eine Menge polygamer Männer und eben deshalb auch polyandrischer Frauen gibt, aber die Heuchelei ist eine zu große Stütze der Schicklichkeit, und eine Nation muß, in der Theorie wenigstens, Schicklichkeit haben, wenn schon nicht in der Praxis, sonst würden wir — hm — dem Niedergang zusteuern wie die Römer.“
„Darauf war ich gefaßt, daß eine von euch die Römer erwähnen wird,“ warf Amoret ein, die bei all ihrer Leichtfertigkeit eine gewisse humoristische Verschmitztheit besitzt. „Das ist ein unvermeidlicher Zug aller Diskussionen über die Ehe. Sowie nur jemand etwas von dem Vorschlag verlauten läßt, daß die Ehebande geschmeidiger gestaltet werden sollten, um sich den modernen Verhältnissen anzupassen, zieht jeder der Anwesenden, ausgenommen die unglücklich Verheirateten, ein langes Gesicht und zitiert das entsetzliche Beispiel der Römer. Nun ist mir eine glänzende Idee für die Lösung des Eheproblems gekommen.“
„Sag sie uns“, riefen die drei Anwesenden einstimmig.
„Noch nicht, erledigen wir erst die Römer. Ich vertraute neulich einem Mann meine Idee an; nachdem er mir wie üblich die Römer vorgesetzt hatte, ging ich und sah im Gibbon nach.“
Allgemeines Lachen unterbrach sie. Die Vorstellung, daß unser Schmetterling Amoret über dem Gibbon büffeln sollte, war zu komisch.
„Ja wirklich, ich hab es getan,“ fuhr sie fort, „und was ich herausfinden konnte, war, daß nicht ihre leichtfertigen Ideen über die Ehe ihren Niedergang verursachten, sondern ihre — wie soll ich’s nennen? — allgemeinen lockeren Sitten . . .“