Der Pater Vaughan sagt auch, daß diese Abneigung gegen die Fortpflanzung „das Erlöschen der christlichen Sittlichkeit“ bedeutet und „Trotz gegen Gott“ darstellt. Es ist mir nicht klar, warum ein ehrsames Paar aus dem Mittelstande, das zu dem Schluß gekommen ist, bei einem Einkommen von — sagen wir — 300 Pfund im Jahre drei Kinder für angezeigter zu halten als zwölf oder vierzehn, wegen dieses Beweises von Klugheit und Selbstbeherrschung des „Trotzes gegen Gott“ geziehen werden sollte. Herrscht die Vorstellung, daß die Kinder uns nur geschenkt werden, wenn der Allmächtige sie uns zu schenken wünscht und ist es deshalb gottlos, die Zahl zu regeln? Geradesogut könnte man ein junges Mädchen, das einige Heiratsanträge ausschlägt, beschuldigen, „Gott zu trotzen“, da ER sie offenbar zu verheiraten wünscht. Körperkrankheiten und Unfälle kommen mutmaßlich von derselben göttlichen Instanz, und doch hält es niemand für eine Sünde, gegen dieselben durch Mittel zu kämpfen, die die Wissenschaft für solche Zwecke in Bereitschaft hält. Warum macht man uns mit den Mitteln zur Beschränkung des Nachwuchses bekannt, wenn wir sie bei bedrohlicher Übervölkerung nicht anwenden sollen? Die Lehre vom „Freien Willen“ wird geradezu zur Posse, wenn der Pater Vaughan recht hat. Wenn er seine Bemerkungen auf jene beschränken würde, die vorsätzlich gar keine Kinder haben wollen, dann hätte er viele Anhänger gefunden, aber er wird durch die Übertriebenheit seiner Anklagen unserer Sympathie verlustig. Sogar das Bestreben, die Geburten nicht zu rasch aufeinanderfolgen zu lassen, was für die Gesundheit der Mutter von solcher Wichtigkeit ist, brandmarkt er als unmoralisch. Er scheint es angemessen zu finden, wenn eine Frau ungefähr alle elf Monate ein Kleines bekommt, ungeachtet des beschränkten Einkommens des Mannes, bis sie ein kränkelndes, gebrochenes Wesen wird oder infolge der zu vielen Geburten stirbt und eine mutterlose Kinderschar zurückläßt. Seine Bemerkungen richten sich natürlich hauptsächlich an die „vornehme Welt“, aber da der Pater Vaughan Mittellosigkeit nicht als Entschuldigung für eine „vorsätzliche Regulierung des Nachwuchses“ gelten läßt, muß seine Kritik auf alle Gesellschaftsklassen bezogen werden. Man wäre versucht, mit einer Person aus „The Merry-Go-Round“ auszurufen: „In dieser Welt sind’s die Braven, die alles Unglück anrichten!“
Im Jahre 1872 erschien, noch bevor die Geburtsziffer merklich zu sinken begann, ein Artikel von Montagu Crackenthorpe in der „Fortnightly Review“, der behauptete, daß kleine Familien eher ein Zeichen des Fortschrittes als des Rückschrittes seien. Dieser Artikel erschien kürzlich in einem Buche „Bevölkerung und Fortschritt“ wieder. Über dieses Thema gibt es eine Menge anderer Bücher, und auf sie muß ich jene meiner Leser verweisen, die ausgebreitetere Kenntnisse über diesen höchst wichtigen Gegenstand zu erwerben wünschen. Der Raum hier gestattet mir leider keine erschöpfende Behandlung desselben. Die Sache wird von den meisten von einem engen, persönlichen Standpunkt aus betrachtet; denn man kann unmöglich von Leuten, die im Daseinskampfe stecken, erwarten, daß sie „imperalistisch“ denken und die Bedürfnisse des „Imperiums“ über die Beschränkungen ihres Einkommens setzen. Vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus wurde die Frage von dem Meister der Nationalökonomie, Sidney Webb, in einer Broschüre unter dem Titel „Das Sinken der Geburtsziffer“ (im Verlage der Fabian Society) erschöpfend behandelt.
Ich wollte, ich könnte die Leute davon überzeugen, was für ein Unrecht es ist, nur ein Kind zu haben. Der Verlust für die Eltern ist schwer und für das Kind unberechenbar. Alle Eltern, die in dieser Lage waren, kennen die Nachteile bei der ersten Erziehung, „wenn niemand da ist, mit dem man spielen kann“ und niemand, der das Spiel wieder aufgibt und das Kind sich selbst überläßt, — vielleicht die wichtigsten Lehren, die das Leben uns erteilt. Zwei oder mehrere Kinder, die zusammen aufwachsen, sind noch einmal so leicht zu lenken und zu unterrichten als eines allein und in jeder Hinsicht unvergleichlich glücklicher. Später füllen Schulkameraden bis zu einem gewissen Grade die Lücke aus, aber das einzige Kind ist ebenso wie seine Eltern noch immer zu bedauern. Alle Hoffnungen der Eltern konzentrieren sich auf das eine Kind, und da die Umstände fast unausweichlich dazu beitragen, es zu verderben, werden ihre Hoffnungen mehr oder weniger getäuscht. Zu spät sehen dann die Eltern ein, daß sie einen Fehler begangen haben.
Ich war vor kurzem in einer Kindergesellschaft, wo solche „einzige Hoffnungen“ in der Majorität waren. Ein herziges kleines Familientrio, aus einem Knaben und zwei winzigen Mädchen bestehend, wurde viel bewundert, und die Mutter geradezu beneidet. Mehrere der anwesenden Mütter meinten, sie hätten sich oft für John oder Tommy ein Brüderchen oder Schwesterchen gewünscht; da wenige der betreffenden Kinder älter als fünf Jahre waren, schien die Schwierigkeit nicht unüberwindlich zu sein. Aber es herrschte nur eine Meinung unter den Damen: daß es zu spät sei, „wieder mit der Kleinkinderstube zu beginnen“. „Es täte nur gut, wenn beide zusammen aufwachsen könnten; fünf Jahre sei ein zu großer Altersunterschied“ und so weiter. Gewiß werden sie dereinst ihre Zaghaftigkeit bitter bereuen, wie es bei vielen Frauen aus meiner persönlichen Bekanntschaft der Fall war. — John oder Tommy können ihnen genommen werden, oder, was schlimmer ist, sie können lieblos und ungehorsam werden, und in jener traurigen Zeit werden sie kein anderes Kind als tröstenden Ersatz haben.
Wenn die seichten Verfasser jener endlosen Zeitungsartikel über die Degeneration der modernen Frauen ihre Sache wirklich gut machen wollen, dann sollten sie ihre törichten Klagen aufgeben über die Unfähigkeit der Frauen, das Spinnrad zu drehen oder Früchte einzulegen oder zu anderen, durch den maschinellen Fortschritt unnötig gewordenen Leistungen. Statt dessen sollten sie ihre auf den Beweis der Degeneration zielende Aufmerksamkeit lieber auf die seltsame Hilflosigkeit lenken, die den Frauen des Mittelstandes bei Aufziehung ihrer Kinder eigen ist, und auf ihr Grauen vor Komplikationen in der Kleinkinderstube. Ich kenne so manche Frau, deren finanzielle Begabung und organisatorische Fähigkeit ans Geniale grenzt, die gewiß nicht in Verlegenheit wäre, mit einem Einbrecher zu verhandeln, jedoch unter keiner Bedingung den Schrecken einer längeren Eisenbahnfahrt mit ihrem zwei Jahre alten Kinde trotzen würde, während die Tatsache, das Kleine einmal während der Abwesenheit der Kinderfrau nachts übernehmen zu müssen, ein nervenerschütterndes Experiment bedeutet, das zumindest einen Tag vollständiger Bettruhe nötig macht.
„Mit der Kleinkinderstube und ihrem vielverzweigten Apparat wieder zu beginnen“, wenn das „Einzige“ über das Zahnen hinaus ist, gehen, allein essen kann und umgänglich ist, das ist eine Sache, vor der die modernen Mütter zu verzagen scheinen. Um dem abzuhelfen, sollte man die Zahl der kleinen Stubenbewohner vermehren, ehe Nr. 1 der Kinderstube entwachsen ist, so daß dieselbe um viele Jahre länger belebt ist, als es heutzutage modern, jedoch durchaus nicht eine unbegrenzte Zeit lang, wie es der Pater Vaughan und andere im Zölibat lebende, der Kleinkinderstube und ihrer Forderungen total unkundige Priester lehren!
[ III.] Die Elternschaft — die höchste Bestimmung
„O seliger Gatte! Seliges Weib!
Der köstlichste Segen, den der Himmel gewährt,
Das lieblichste Kleinod aus des Lenzes Kranz,