Aber ob eine Frau ein Heim bei ihren Eltern hat oder nicht, eine jede normale Frau sehnt sich nach ihrem eigenen Heim, und ein Mädchen, das sogar die Blumen auf der Mittagstafel der Mutter ungerne herrichtet, wird in der Ehe ganz unappetitliche Hausarbeit gerne tun, in jenem Heim, das sie ihr eigen nennt.

Diese leiden­schaftliche Liebe zum Heim ist eines der charakter­istischesten Merkmale der Frau. Ich meine nicht die Vorliebe „daheim“ zu sein, da die Neigungen der modernen Frauen gewöhnlich anderswo liegen, aber die Liebe zu dem Ort selbst, und der Wunsch, ihn zu besitzen. Eine große Anzahl Frauen heiraten einzig und allein um dieses heißbegehrten Besitzes willen. Und was jene anbetrifft, die es nicht tun, so erzählen die Spalten der „Christ­lichen Welt“ und anderer Zeitungen klägliche Geschichten über ihre Sehnsucht darnach. Frauen von „Herkunft“ (eine schwulstige und unsinnige Partikel) sind fast zu allem bereit, nur um einen bescheidenen Winkel, einen ganz untergeordneten Platz in der fremdesten Familie zu finden. Sie wollen Haushälterinnen, Dienerinnen, Gesell­schaft­erinnen, Sekretärinnen, Helferinnen für „kleinen Gehalt und ein Heim“ sein, und manchmal auch ganz ohne Gehalt. Sie wollen packen, nähen, ausbessern, unterrichten, überwachen; sie bieten ihre Kenntnisse jeder Art an, wie z.B. ihre musikalischen Fähigkeiten, ihre Sprachen, ihre Gesundheit und Kraft, ihre Dienstbereit­schaft und alle ihre Tugenden, die angeborenen oder die erworbenen, alles das für ein bißchen Nahrung und Wärme und das schützende Obdach jener vier Wände, nach denen ihr ganzes Streben geht, die ihren höchsten Wunsch ausmachen, ein Heim! Schöne Frauen, begabte, brave Frauen verkaufen sich täglich, um nur ein Heim zu gewinnen. Sogar Hedda Gabler, die degenerierteste von allen modernen Heldinnen, die den Selbstmord der Mutter­schaft vorzog, verkaufte sich in einer lieblosen Ehe nur des Heims halber. Und doch lesen wir fortwährend eine Liste von trivialen phantastischen Gründen, warum die Frauen nicht heiraten.

Eine Studentin, die gezwungen war, ihre meiste Zeit in einem ungemüt­lichen Mietkabinett zu verbringen, erzählte mir einst, daß ihr einziger Wunsch sei, einen Raum zu haben, der einen Kasten mit ihren wenigen Kleidern und kleinen Besitztümern beherbergen könne. Sie gab sich ohne ein Heim zufrieden, aber sie sehnte sich sehr nach einem solchen Kasten. „Ich werde Tony bald heiraten müssen,“ sagte sie, „schon wegen der Annehm­lichkeit, einen Platz für meine Kleider zu haben. Ich habe ihn nicht gern und ich möchte noch gerne warten, bis jemand kommt, den ich lieb habe, aber wenn ich ihn je nehme, sehen Sie, dann wird es wegen des Platzes für den Kasten sein.“ Ich muß hinzufügen, daß dieser „jemand“ kam und daß sie jetzt mehrere Kleiderkästen besitzt und drei kräftige Kinderchen, und daß Tony ihr ausweicht, wenn er ihr auf der Straße begegnet.

Dieser leiden­schaftliche Wunsch nach dem Heim findet sich noch häufiger in jener Gesell­schafts­klasse, die man gewöhnlich die niedere nennt. Ich habe gelegentlich eine arme Frau beschäftigt, die seit dem Tode ihres Mannes, also seit neunzehn Jahren, als Köchin diente. Während dieser ganzen Zeit hat sie auf „ihr Heim gehalten“, d.h. auf ein einzelnes Zimmer, das ihre Möbel beherbergt. Sie konnte kaum irgendwann das Zimmer benützen, höchstens ein oder zwei armselige Tage lang und mußte viel von ihren knappen Mußestunden hergeben, um es rein zu halten. Durch neunzehn Jahre hat sie lieber drei Schillinge und sechs Pfennig per Woche für das Zimmer gezahlt, ehe sie ihre Möbel verkauft hätte. Die so ausgegebenen einhundert­zweiundsiebzig Pfund hätten reichlich die Möbel überzahlt und die Frau sieht den Unsinn vollkommen ein, aber ihre Erklärung ist: „Ich konnte mich einfach von dem Heim nicht trennen.“

Noch ein Beispiel: Als ich einmal an der See wohnte, hatte ich das Unglück, ein Gefäß aus dickem blauen Glas zu zerbrechen, das sein Leben augenscheinlich als Parade­marmeladeglas begonnen hatte, aber später aus einem mir unerfind­lichen Grunde zur stolzen Rolle einer Kaminverzierung avanciert war. Zu meiner Überraschung weinte die würdige Wirtin bitterlich über den Scherben und als ich prunkvolle Gegenstände erwähnte, mit denen ich ihren Schatz ersetzen wollte, erklärte sie mir schnippisch: „Nichts kann diesen Schaden gut machen. Denn dieses blaue Glas war das erste Stück meines Heims.“

Kehren wir nun zu unserem Gegenstand zurück. Das traurigste an der Sache ist, daß selbst, wenn jeder Mann über fünfundzwanzig Jahren heiraten würde, es noch eine enorme Zahl lediger Frauen gäbe. Das ist wirklich sehr ernst und die Ursache vieler Übel. Um dem so viel als möglich zu steuern, sollte jeder Mann, jeder gesunde Mann mit genügendem Einkommen, heiraten. Wenn es bloß „nicht gut für den Mann ist, daß er allein sei“, so ist es sehr schlecht für die Frau. Jede Frau sollte einen männlichen Gefährten haben, einen Mann, mit dem sie leben könnte, wenn es auch nur wäre, um die Billets zu nehmen, das Handgepäck zu tragen und in der Nacht aufzustehen, um zu sehen, was denn da für ein Lärm ist. Da die Gesell­schaft in ihrer jetzigen Struktur das Zusammenleben von Mann und Frau als Gefährten nicht hingehen läßt, so ist es klar, daß jede Frau einen Gatten haben sollte.

Bernard Shaw schreibt: „Gebt den Frauen das Stimmrecht, und in fünf Jahren werden wir eine drückende Junggesellen­steuer haben.“ Es sollte eine solche geben, die gewissen Unterschieden von Alter und Einkommen unterworfen wäre. Das ist eine der vielen Angelegenheiten, in denen wir von den Japanern lernen sollten, wo alle Junggesellen über einem gewissen Alter besteuert sind. Auch in Frankreich wird ein diesbezüg­liches Gesetz diskutiert. Zur Zeit, wo ich dies schreibe, sind die Frauen voller Zukunftsträume über ihre baldige Befreiung, und es wird sehr viel darüber gesprochen, wie sie ihr Wahlrecht anzuwenden gedenken. Ich muß leider sagen, daß, obgleich einige unsinnige Drohungen über die Abschaffung jener Gabe an die Frauen — die Männerklubs — verlauten, bis jetzt, abgesehen von einer Ausnahme, nichts über die ratsame Einführung einer Junggesellen­steuer im Druck erschienen ist. Die eine Ausnahme ist eine sehr interessante, anonym erschienene Novelle, „der Morgenstern“, welche unter anderen wohldurch­dachten Vorschlägen für politische Reformen auch dringend für eine Junggesellen­steuer plädiert. Es ist offenkundig nur gerecht, daß der Mann, der nichts für den Staat durch Gründung einer Familie tut, zugunsten desjenigen besteuert werden sollte, der eine gründet. Wir hören so viel über die sinkende Geburtsziffer und die Pflicht eines jeden verheirateten Paares, Nachwuchs zu haben, und doch wird alles getan, um jene, die einen solchen haben, zu entmutigen. Der Gewerbsmann, der schuftet, um sagen wir, tausend Pfund jährlich zu verdienen und drei bis vier Kinder für den Staat heranzuziehen, wird genau so besteuert wie der Junggeselle, der gar nichts für den Staat tut und sogar die anderen Steuern dadurch vermeiden kann, daß er, wenn es ihm beliebt, im Hotel oder in einer Pension lebt.

Aber selbst wenn wir eventuell eine vernünftige Gesetzgebung bekommen sollten, die jenen, welche für die Erhaltung der Geburtsziffer ihr Teil tun, Belohnungen anstatt neue Lasten bieten würden, selbst wenn ein Junggeselle über fünfundzwanzig ein so seltener Gegenstand auf unseren Inseln würde wie eine alte Jungfer in mohammed­anischen Landen, selbst dann würde noch ein enormer Überschuß von ledigen Frauen sein. Warum ist das so? Warum soll Großbritannien als das Paradies der alten Mädchen betrachtet werden?

Warum sollten wir mehr alte Jungfern haben als andere Länder? Ist es, weil unsere Kolonien soviel junge Männer verschlingen? Warum können sie denn nicht auch eine gleiche Anzahl von Frauen verschlingen? Man könnte wünschen, daß der Staat und ein „Institut der Ermunterung zur Ehe“ unter staatlichen Begünstigungen diese äußerst wichtige Sache in die Hand nehmen. Eine der Pflichten dieses Instituts wäre es, jährlich eine Anzahl Frauen zur Auswanderung zu bewegen, um so das geeignete Gleichgewicht der Geschlechter in den heimat­lichen Ländern zu erhalten und jedem Mann in den Kolonien die Aussicht zu verschaffen, eine Frau zu bekommen. Ich hörte neulich von einem sehr gewöhn­lichen Mädchen in den Kolonien, die elf Männer hatte, die sie alle heiraten wollten. Elf Männer! Und doch gibt es Scharen von reizenden englischen Mädchen, die alt werden und versauern, ohne je einen einzigen Heiratsantrag bekommen zu haben.

Eine andere Pflicht eines „Instituts der Ermunterung zur Ehe“ wäre es, die Tausende von einsamen Männern und Frauen des Mittelstandes in den Großstädten, die den ganzen Tag in der Arbeit sind und keine Gelegenheit haben, einander zu treffen, irgendwie zu vereinigen. Ich habe eben Francis Gribble’s sehr interessante Novelle „Der Wolkenpfeiler“ gelesen, in welcher er die Existenz von sechs Mädchen in „Stonor House“ beschreibt, einer jener düsteren Baracken für heimatlose, den ganzen Tag durch die Arbeit angehängte Frauen. Der rasende Wunsch dieser Mädchen, mit Männern ihrer Klasse zu verkehren, ist betrübend echt, und dieser Wunsch ist nicht so sehr der Ausdruck der natürlichen Bestrebungen des jungen Weibes, mit jungen Männern zusammen zu kommen, sondern er besteht, weil alle diese Männer für die Mädchen Ehemänner sein könnten, und die Heirat die einzige Möglichkeit ist, aus „Stonor House“ und der freudlosen Existenz daselbst herauszukommen.