Aber das Gesetz der Zukunft ist so mächtig, dass keine Biene angesichts dieser Unsicherheit und dieser Gefahren zaudert. Die Begeisterung des zweiten und dritten Schwarmes kommt der des ersten gleich. Sobald der Mutterstock seine Entscheidung gefällt hat, findet jede der gefährlichen jungen Königinnen eine Schaar von Arbeitsbienen, die ihr Glück mit ihr versuchen wollen und sie auf ihrer Reise begleiten, auf der viel zu verlieren und nichts zu gewinnen ist, als die Hoffnung auf Befriedigung eines Triebes. Wer giebt ihnen diese Energie, die wir nie haben, mit der Vergangenheit zu brechen, wie mit einem Feinde? Wer wählt aus der Menge die aus, welche aufbrechen sollen, und die, welche bleiben? Es ist nicht die und die Altersklasse, die geht oder bleibt: hierher die Jüngsten, dorthin die Ältesten. Um jede der auf Nimmerwiedersehen aufbrechenden Königinnen scharen sich ganz alte und ebenso ganz junge Bienen, die sich zum ersten Mal dem schwindeltiefen Luftraum anvertrauen. Ebensowenig ist es der Zufall, die Gelegenheit, das vorübergehende Aufflackern oder Verblassen eines Gedankens, Instinktes oder Gefühls, was das Stärkeverhältnis des Schwarmes bestimmt. Ich habe mich oft bemüht, das Zahlenverhältnis zwischen den bleibenden und scheidenden Bienen festzustellen, und ich habe, wiewohl die Schwierigkeiten des Experimentes nicht zu mathematisch genauen Resultaten führten, doch feststellen können, dass dieses Verhältnis, – die Stärke des Brutnestes, d. h. der bevorstehenden Geburten, eingerechnet, – konstant genug ist, um eine wirkliche geheimnisvolle Berechnung durch den Geist des Bienenstockes anzunehmen.

Wir wollen den Abenteuern dieser Schwärme nicht folgen. Sie sind zahlreich und oft verwickelt. Bisweilen vermischen sich zwei Schwärme, manchmal kommt es auch vor, dass zwei oder drei der gefangenen Königinnen in der Aufregung des Aufbruches ihren Wachen entrinnen und der sich bildenden Traube anschliessen. Bisweilen benutzt auch eine der jungen Königinnen, wenn sie von Drohnen umringt wird, die Gelegenheit des Schwärmens, um sich befruchten zu lassen, und reisst dann ihr Volk zu einer ausserordentlichen Höhe und Entfernung mit fort. In der Praxis der Bienenzucht führt man diese zweiten und dritten Schwärme dem Mutterstocke wieder zu. Die Königinnen treffen im Baue wieder auf einander, die Arbeitsbienen bilden einen Kreis um ihren Kampfplatz, und wenn die Tüchtigere gesiegt hat, so entfernen sie in ihrer Ordnungsliebe und Emsigkeit alsbald die Leichen aus dem Stock, beugen künftigen Gewaltthätigkeiten vor, vergessen das Vergangene, klettern wieder in die Zellen hinauf und fliegen von neuem auf friedlichen Pfaden zu den ihrer harrenden Blumen.

Zur Vereinfachung unserer Darstellung wollen wir die Geschichte der jungen Königin da wieder aufnehmen, wo die Bienen ihr erlauben, ihre Schwestern in ihren Wiegen zu ermorden. Wie ich schon sagte, dulden sie diesen Mord oft nicht, auch wenn sie nicht die Absicht zu hegen scheinen, einen zweiten Schwarm auszusenden. Oft aber lassen sie ihn auch zu, denn der politische Sinn der einzelnen Bienenstöcke desselben Bienenstandes ist eben so verschieden, wie der der Nationen desselben Erdteils. Aber es steht fest, dass sie eine Thorheit begehen, wenn sie ihn zulassen, denn wenn die Königin bei ihrem Hochzeitsausfluge umkommt oder sich verirrt, so ist niemand da, der sie ersetzen könnte, und die Arbeitsbienenlarven sind zu alt geworden, um in Königinnenlarven verwandelt werden zu können. Doch die Thorheit ist nun einmal geschehen, und die erstgeborene unter den jungen Königinnen ist von ihrem Volke als alleinige Herrin anerkannt worden. Sie ist aber noch Jungfrau. Um ihrer Mutter, an deren Stelle sie getreten ist, in allen Stücken zu gleichen, muss sie in den ersten zwanzig Tagen nach ihrer Geburt den Gatten finden. Geschieht dies aus irgend einem Grunde später, so bleibt sie unwiderruflich Jungfrau. Nichtsdestoweniger ist sie, wie ich schon gesagt habe, auch als solche nicht unfruchtbar. Es handelt sich hier um jenes grosse Mysterium, jene Vorsicht oder Laune der Natur, die man Parthenogenesis nennt und die sich bei einer Reihe von Insekten findet, z. B. bei den Blattläusen, den Schmetterlingen der Gattung Psyche, den Hautflüglern aus der Familie der Gallwespen (Cynipidae) u. s. w. Die jungfräuliche Königin vermag also Eier zu legen, als ob sie befruchtet wäre, aber aus allen diesen Eiern, mögen sie in grosse oder kleine Zellen gelegt werden, entstehen nur Drohnen, und da diese nie arbeiten, sondern stets auf Kosten der (weiblichen) Arbeitsbienen leben, ja, nicht einmal ihre eigne Nahrung suchen noch für ihren Unterhalt sorgen können, so tritt wenige Wochen nach dem Tode der letzten erschöpften Arbeitsbienen der völlige Ruin und Untergang des Stockes ein. Die Jungfrau gebiert also nur tausende von Drohnen und jede dieser Drohnen oder männlichen Bienen besitzt Millionen von Samenfäden, von denen doch kein einziger in ihren Organismus eindringen kann. Das ist nicht erstaunlicher, wenn man will, als tausend analoge Erscheinungen, denn wenn man sich mit dergleichen Problemen beschäftigt, insbesondere mit denen der Zeugung, so scheint das Wunderbare und Unerwartete gar kein Ende mehr zu nehmen, und alles macht einen noch viel fabelhafteren Eindruck, als in den seltsamsten Märchen und Zaubergeschichten; man gerät auch bald in ein so beständiges Staunen, dass man ziemlich schnell das Gefühl der Verwunderung verliert. Aber die Thatsache ist darum nicht minder verwunderlich. Wie soll man sich andererseits die Absicht der Natur erklären, wenn sie die verderblichen Drohnen auf Kosten der nötigen und nützlichen Arbeitsbienen derart begünstigt? Fürchtet sie, der weibliche Verstand würde danach trachten, die Zahl dieser Schmarotzer über Gebühr zu beschränken? Oder ist es eine übermässige Reaktion gegen das Unglück einer unfruchtbaren Königin? Ist es einer jener Fälle von zu gewaltsamer, blinder Vorsicht, welche den Grund des Übels nicht erkennt, über das Ziel hinausschiesst und, um einem schlimmen Zufall vorzubeugen, eine Katastrophe herbeiführt? In der Wirklichkeit – doch vergessen wir nicht, dass diese Wirklichkeit nicht ganz die natürliche, primitive Wirklichkeit ist, denn im Urwalde könnten die einzelnen Kolonien weit mehr zerstreut werden, als heutzutage, – in der Wirklichkeit liegt, wenn eine Königin nicht geschwängert wird, die Schuld meist nicht an den Drohnen, die immer zahlreich sind und von sehr weit herbeikommen, sondern an Regen oder Kälte, durch die sie zu lange an den Stock gefesselt wurde, oder wohl gar an ihren unvollkommenen Flügeln, die es ihr unmöglich machen, den Drohnen auf ihrem hohen Fluge zu folgen. Trotzdem kümmert sich die Natur nicht im mindesten um diese tieferen Ursachen und hat nur das eine leidenschaftliche Streben, möglichst viel Drohnen hervorzubringen. Sie durchkreuzt noch andere Gesetze, um dies Ziel zu erreichen, und man kann in weisellosen Stöcken oft zwei oder drei Arbeitsbienen von einem solchen Verlangen nach Erhaltung der Art ergriffen sehen, dass sie sich trotz ihrer verkümmerten Eierstöcke zum Eierlegen zwingen. In der That schwellen diese Organe unter dem Drucke eines verzweifelten Willens auf und ergeben einige Eier, aber aus ihnen, wie aus denen der ungeschwängerten Königin, entstehen nur Drohnen.

Man kann hier einen überlegenen, aber vielleicht unüberlegten Willen, der den bewussten Willen einer Lebensform unrettbar kreuzt, gewissermaassen auf frischer That und mitten in seinem Eingreifen beobachten. Derartige Eingriffe sind in der Insektenwelt nicht selten. Es ist sehr eigenartig, sie hier zu beobachten; diese Welt ist bevölkerter und vielfältiger als die andern, gewisse Absichten der Natur treten deutlicher hervor und man überrascht sie hier bei Versuchen, die man für unabgeschlossen halten könnte. Sie hat z. B. ein grosses allgemeines Bestreben, das sie überall offenbart: die Verbesserung der Art durch den Sieg des Stärksten. Gewöhnlich bewegt sich der Kampf in ganz bestimmten Bahnen. Die Hekatombe der Schwachen ist ungeheuer, doch was verficht das, wenn dem Sieger nur ein wirksamer und gewisser Lohn zu teil wird? Aber es giebt Fälle, wo man sagen möchte, sie habe noch keine Zeit gehabt, ihre Kombinationen ins klare zu bringen, wo der Lohn nicht erfolgt, oder das Schicksal des Siegers ebenso verhängnisvoll ist, wie das der Besiegten. Um z. B. bei unseren Bienen zu bleiben, so wüsste ich nichts, was in dieser Hinsicht auffälliger wäre, als die Geschichte der Triangulinen der Gattung Sitaris colletis. Übrigens ist dabei zu bemerken, dass verschiedene Einzelheiten dieser Geschichte der des Menschen durchaus nicht so fern stehen, wie man versucht sein könnte, zu glauben.