Vorwort[III]
Vorbemerkungen. Charakteristik, Prinzipe und Einteilung der Welt- und Lebenanschauungen.
1. Bedeutung der Welt- und Lebenanschauungen[1]
Ursprung [1]. — Verhalten der Menschen [2].
2. Naturvölker und Kulturvölker[4]
Schwierigkeiten bei den Naturvölkern [4]. — Schwierigkeiten bei den Kulturvölkern [6].
3. Hauptfragen und Stammannahmen[7]
Formulierung der Hauptfragen [7]. — Liste der Stammannahmen [9].
4. Vergleichung der Anschauungen, Parallelen[10]
Gleichartigkeit der Menschheit [10]. — Beispiele für Parallelen [12]. — Völkerzusammenhänge [13].
5. Einteilung der Welt- und Lebenanschauungen[13]
Formelle Einteilung [13]. — Sachliche Einteilung [14].
Erstes Buch. Psychisch-religiöse Welt- und Lebenanschauungen.
Erstes Kapitel. Anschauungen der Naturvölker.
6. Irdisch-menschliche Anschauungen[16]
Irdischer Standpunkt des Naturmenschen [16]. — Übertragung auf das Himmlische und Kosmogonische [17]. — Naturmenschlicher Egoismus und Unverstand [22].
7. Über den Ursprung der Religionen, Vorläufiges[23]
Bedeutung und Entstammung der Religion [23]. — Ursprung aus der Sprache [24]. — Religionsstufen [27]. — Ursprung aus der Macht [28]. — Ursprung aus dem Kategorischen [29]. — Ursprung aus Offenbarung [30]. — Ursprung aus Lehre [31]. — Verschiedene Ursprungsmöglichkeiten [31].
8. Allgemeine Belebung[32]
Wie der Naturmensch überall Leben sieht [32]. — Behandlung der Gegenstände als lebende [35].
9. Seele und Beseelung, Animismus, Fetischismus[36]
Entdeckung der Seele [36]. — Art der Seele [37]. — Beseelung der Gegenstände, Fetischismus, Animismus [39]. — Verhalten der Seele [40] — Die Seele und der Tote [41].
10. Schamanismus, Totemismus, Seelen-, Ahnenkult[43]
Freiheit der Seele vom Körper [43]. — Die Seele als Gegenstand [44]. — Seelen- und Ahnenkult [46]. — Tierseelen [47].
11. Geister- und Dämonenglaube, Götzendienst[48]
Tabuismus [48]. — Götzen und Götzendienst [48]. — Vergottete Gegenstände [50]. — Vergottete Menschen [52].
12. Zauberwesen[53]
Beschwörungen [53]. — Spuk und Überlebsel [55].
13. Höhere Anschauungen bei Naturvölkern[56]
Götterglaube, Mythologie [56]. — Höhere Gottheiten [57]. — Höhere theogonische und kosmogonische Ideen der Ozeanier [62].
14. Seele und Jenseits bei den Naturvölkern[71]
Unterhaltung und Vernichtung der Seelen [71]. — Aufenthalt der Seelen, Jenseits [72]. — Totenvögel, Totenkähne u. ä. [73]. — Totenwanderung [75]. — Polynesische Hölle [76]. — Schicksal der Seele [77]. — Resurrektion [79].
Zweites Kapitel. Religiöse Welt- und Lebenanschauungen der Kulturvölker.
15. Die Kulturvölker als Naturvölker[80]
Wann begann die Kultur? [80]. — Unterschied zwischen Kultur- und Naturvölkern [82].
16. Allgemeine Religionsanschauungen bei den Kulturvölkern im Kreise der Menschheit[83]
Begriff des Wilden [83]. — Höhere Anschauungen aus Naturanschauungen [84]. — Anschauungen der Littauer, Preußen und Slawen [85]. — Anschauungen der Germanen [88]. — Anschauungen der Kelten [94]. — Anschauungen der Griechen und Römer [95]. — Anschauungen der Ägypter [100]. — Anschauungen der Hebräer [106]. — Anschauungen der Phönizier [108]. — Anschauungen der Babylonier und Assyrier [108]. — Anschauungen der Eranier [110]. — Anschauungen der Indier [113]. — Anschauungen der Chinesen, Tibetaner und Japaner [120]. — Anschauungen der amerikanischen Kulturvölker [124].
17. Polytheistische, henotheistische und antagonistische Anschauungen[127]
Die Gottheiten des Polytheismus [127]. — Gegenstandsgottheiten und Gottheiten über Gegenstände [128]. — Schöpfer und Leiter [131]. — Schicksalsgottheiten [136]. — Ethische Gottheiten [138]. — Begriffsgottheiten [140]. — Henotheismus [144]. — Antagonistische Gottheiten [148].
18. Monotheistische Anschauungen[151]
Entstehung des Monotheismus [151]. — Monotheistische Unterströmungen [153].
19. Anschauungen von Welt, Menschheit und Weltkatastrophen[155]
Entstehung von Welt und Menschheit [155]. — Paradies und Sündenfall [159]. — Flutsagen [161]. — Weltuntergang [166]. — Messiasidee [169].
20. Weltbau[170]
Stellung der Erde [170]. — Gestaltung der Welt [171].
21. Leben und Gottheit[182]
Zufall, Freiheit usf. [182]. — Menschenschicksal und Götterneid [184]. — Lebensweisheit [186]. — Orakel und Beschwörungen [189]. — Glückliche und unglückliche Tage [191].
22. Nachleben und Jenseits (Eschatologie) der Kulturvölker[192]
Naturmenschliches [192]. — Eschatologie der Hebräer [192]. — Eschatologie der Babylonier und Assyrier [196]. — Eschatologie der Ägypter [198]. — Eschatologie der Eranier [202]. — Eschatologie der Griechen und Römer [203]. — Eschatologie der Germanen [206]. — Eschatologie der Kelten [208]. — Eschatologie der Mohammedaner [208]. — Eschatologie der Chinesen und Japaner [210].
23. Seelenwanderung und Wiederbekörperung[211]
Anschauungen der Indier [211]. — Anschauungen des Buddhismus [214]. — Anschauungen der Eranier [216]. — Anschauungen der Kelten [216]. — Anschauungen der Pythagoräer und Platons [217]. — Anschauungen des Lao-tsse [220].
24. Seele und Unsterblichkeit, Leben-Reihe[220]
Unterteilung der Seele [220]. — Worauf sich die Unsterblichkeit bezieht [223]. — Leben-Reihe [224].
Zweites Buch. Philosophisch-deistische und theosophische Anschauungen.
Drittes Kapitel. Pandeistische und Panpsychistische Anschauungen.
25. Pandeistische Anschauungen[227]
Ägypter [228]. — Indier [229]. — Ionische Naturphilosophen [231]. Stoiker [232]. — Pythagoräer und Platoniker [234]. — Japaner [235].
26. Panpsychistische Anschauungen, Hylopsychismus, Hylozoismus[235]
Ionische Naturphilosophen [236].
Viertes Kapitel. Pythagoras, Anaxagoras, Sokrates, Platon, Aristoteles.
27. Anschauung aus Gesetz, Harmonie, Weltvernunft, Ideen und Formen[239]
Pythagoras und die Pythagoräer [239]. — Anaxagoras, Weltvernunft [243]. — Sokrates und Platon, Ideenlehre, Akademie [244]. — Aristoteles und die Peripatetiker [249].
Fünftes Kapitel. Anschauungen aus Theosophie, Deismus und Emanismus.
28. Orphiker und Neu-Pythagoräer[255]
Orphiker [255]. — Neu-Pythagoräer [256].
29. Indische Theosophie und Sufismus[258]
Indische Theosophie [258]. — Sufismus [260].
30. Philon von Alexandrien[261]
31. Der Logos und die Sophia[265]
Der Logos [265]. — Die Sophia [266].
32. Die Gnostiker und Manichäer[267]
Dualistischer Gnostizismus [267]. — Monistischer Gnostizismus [271]. — Goethes gnostische Dichtung [275].
33. Der Neuplatonismus[277]
Plotinos und seine Lehre [277]. — Dionysios der Areopagite [280].
34. Übergang zum Mittelalter[281]
Zurückdrängung der Gottheit [281]. — Augustinus [282]. — Scotus Erigena, Prädestination und doppelte Wahrheit [283].
35. Islamisch-arabische Theosophie[286]
Koran und Philosophie [286]. — Muatazile und Motakhallim [287]. — Avicenna und Averroes [288].
36. Jüdische Theosophie und Kabbala[290]
Salomon Ben Gabirol [290]. — Die Kabbala [291]. — Maimonides und Jehuda Halevi [293].
37. Die mittelalterliche Theosophie der christlichen Scholastiker und Mystiker[293]
Scholastiker, Nominalisten und Realisten [293]. — Albert der Große [294]. — Thomas von Aquino [296]. — Dante [297]. — Duns Scotus [298]. — Roger Bacon [299]. — Anselm von Canterbury [300]. — Hugo und Richard von St. Victor [300]. — Alanus, Bonaventura, Gerson [303]. — Meister Eckehart [303]. — Ruysbroek [304].
38. Theosophie und Emanismus in neuerer Zeit[305]
Untergang der Scholastik [305]. — Nicolaus Cusanus [306]. — Gemistos Plethon [309]. — Marsilius Ficinus und Giovanni Pico [309]. — Reuchlin und Agrippa [311]. — Pomponatius [313]. — Die Reformatoren und ihre Nachfolger [314]. — Paracelsus [316]. — Telesius und Patritius [317]. — Giordano Bruno [317]. — Campanella [322]. — Jakob Böhme [323]. — Schelling und Krause als Böhmianer [327]. — Baptist van Helmont u. a. [328]. — Ausgang in die moderne Theosophie [330].
39. Deistischer Rationalismus[333]
Descartes und der Cartesianismus [333]. — Geulincx, Malebranche und der Okkasionalismus [336].
40. Prästabilierte Harmonie, Determinismus, Monaden, Korpuskeln, Realen, Samen[338]
Mercurius van Helmont [338]. — Leibniz, Monadologie und prästabilierte Harmonie [340]. — Christian Wolff [345]. — Moses Mendelssohn [345]. — Lessing [346]. — Herbart und die Realen [347].
Drittes Buch. Metaphysische und physische Welt- und Lebenanschauungen.
Sechstes Kapitel. Welt- und Lebenanschauungen des Idealismus.
41. Phantomismus (Illusionismus), Eleaten, Skeptiker[350]
Phantomismus und Illusionismus der Indier [350]. — Die Eleaten [351]. — Die Skeptiker [355].
42. Phänomenaler Idealismus[356]
Berkeley [356]. — Fichtes Phänomenalismus [358]. — Humes Phänomenalismus [358].
43. Kants transzendentaler Idealismus. Organisierte Wesen und Naturzweck[359]
Kants transzendentaler Idealismus [359]. — Anschauungsformen und Kategorien [360]. — Antinomien und Paralogismen [362]. — Ideen und Ideale [364]. — Regulative Prinzipe [365]. — Teleologie [367]. — Organisierte Wesen und Naturzweck [369].
44. Ich, Nicht-Ich; Thesis, Antithesis, Synthesis; Naturphilosophie[373]
Fichtes erste Philosophie [373]. — Schellings Idealismus und Naturphilosophie [375]. — Hegel [376]. — Schleiermachers spinozistischer Idealismus [378].
45. Die Welt als Wille und Vorstellung, Pessimismus, Philosophie des Unbewußten[379]
Schopenhauer und die Welt als Wille und Vorstellung [379]. — Der Wille zum Leben, Pessimismus [384]. — Nietzsches Willenslehre und Idealismus [385]. — Eduard von Hartmann und die Philosophie des Unbewußten [386]. — Weltende [390]. — Andere Idealisten [390].
Siebentes Kapitel. Spinozismus und Neuspinozismus sowie Neuidealismus.
46. Spinozismus[390]
Spinoza und der Pantheismus, Substanz, Attribute und Modi [391]. — Das System [392]. — Parallelität von Geist und Körper [393]. — Transzendentalität [394]. — Ethik und Unsterblichkeit [395].
47. Neuspinozismus und Neuidealismus[396]
Lotze [396]. — Fechner, Psychophysik [398]. — Wilhelm Wundt, assoziative Psychologie [399]. — Riehl, Lasson u. a. [401].
Achtes Kapitel. Empirismus, Sensualismus, Realismus, Naturalismus, Positivismus.
48. Die englische Trias: Bacon, Locke, Hume[402]
Bacon von Verulam und der Empirismus [402]. — John Locke und der Empirismus, Sensualismus und Positivismus [402]. — David Humes sensualistisch-positivistische Anschauung, Assoziationsprinzipe [407].
49. Die weitere Entwicklung[411]
Condillac, Montesquieu, Rousseau u. a. [411]. — Beneke und die Prädetermination [413]. — Comte und der Positivismus [415]. — Eugen Dührings Wirklichkeitsphilosophie [416]. — Ernst Machs sensualistischer Posivitismus [417]. — Herbert Spencer und der Agnostizismus [420].
Neuntes Kapitel. Physische Welt- und Lebenanschauungen.
Definitionen [421].
50. Materialismus und Mechanismus, Atomistik[422]
Der griechische Materialismus und die griechische Mechanistik [422]. — Atomistik, auch indische und arabische [423]. — Epikuros, Lucretius Carus [425]. — Materialismus und Mechanismus im Mittelalter [428]. — Mechanistischer Monismus [428]. — Gassendi [431]. — Hobbes [432]. — Boyle, Newton [434]. — Aufklärungsphilosophie [434]. — Baron Holbach und das Système de la nature [435]. — Lamettrie [437]. — Ludwig Feuerbach u. a. [438].
51. Allgemeine und besondere Naturgesetze, Entwicklungslehre[439]
Die Weltgesetze [439]. — Die Sondergesetze [443] .— Vererbungsgesetz [444]. — Abstammungslehre [445]. — Urwesen [446]. — Evolution und Epigenesis [447]. — Panspermie [447]. — Phylogenie und Ontogenie, biogenetisches Grundgesetz [449]. — Morphologisch-biologische Vererbungsgesetze, morphologische Potenz [450]. — Phylogenetische Evolution [452]. — Restitution und Regeneration [453]. — Biologisch-harmonische Gesetze, Regulationen [453].
52. Energetische Anschauungen; Ostwald und Häckel[454]
Ostwalds physische und psychische Energetik [454]. — Zwiespältigkeit der Energie [457]. — Scheinmonismus [458]. — Energetik und Mechanistik [459]. — Häckel als Spinozist [461]. — Psychom und Psychoplasma [461].
53. Über die physischen Welt- und Lebenanschauungen überhaupt; Weltende, Unsterblichkeit[463]
Gang der physischen Welt und Weltende [463]. — Anfang der Welt und Schöpfung [464]. — Endlichkeit der Welt [466]. — Zehnders Bild der Lebenmechanistik [467]. — Die psychischen Energien als auslösende [468]. — Zusammenwirken der physischen und psychischen Energien [470]. — Schwierigkeiten aus den regulierenden psychischen Tätigkeiten [473]. — Was eine physische Theorie des Lebens zu leisten hätte [477]. — Unmöglichkeit einer physischen Theorie des Lebens [479]. — Unsterblichkeit aus einem physischen Weltgesetz [479]. — Auerbachs Ektropismus [480]. — Du Bois Reymonds Welträtsel und Ignorabimus [483]. — Letzte Anschauung [484].

VORBEMERKUNGEN.
Charakteristik, Prinzipe und Einteilung der Welt- und Lebenanschauungen.

1. Bedeutung der Welt- und Lebenanschauungen.

Es liegt schon in der Natur des Menschen, von sich selbst und von allem, was ihn umgibt und störend oder unterstützend in sein Leben eingreift, sich eine Ansicht zu bilden. Vielfach und bedeutungsvoll sind die Fragen, die dabei gestellt werden, und mit deren Beantwortung die Menschheit, seit sie ihrer sich bewußt ist und die Fähigkeiten ihrer Seele auch geistig anzuwenden gelernt hat, sich müht und plagt. Und diese Beantwortung bildet eine Welt- und Lebenanschauung; vollständig, wenn sie alle Fragen betrifft, fragmentarisch, wenn sie nur in das Einzelne dringt. Es gibt Anschauungen, die nur aus träger Gedankenlosigkeit oder aus trotziger Verbitterung oder gar aus pathologischer Denkweise hervorgehen. Diese lassen wir beiseite. Die Weltanschauungen, mit denen wir es hier allein zu tun haben, können auf naiver Naturbetrachtung und naivem Egoismus beruhen, sodann auf Kultgebräuchen und Religionslehren, auf philosophischen Untersuchungen und Meinungen, endlich auf naturwissenschaftlichen und soziologischen Feststellungen. Alle diese Grundlagen mögen gesondert stehen oder miteinander verbunden sein. Bei wenigen Menschen haben die Anschauungen nur eine objektive, rein wissenschaftliche Bedeutung. Die meisten wollen neben der Erkenntnis auch eine Beruhigung für das Dasein und darüber hinaus gewinnen. Indessen bilden sich eine eigene Anschauung nur wenige Menschen. Den anderen wird sie durch Erziehung oder Religionsvorschriften eingeimpft. Letztere waren ja früher gerade bei den Kulturvölkern von so zwingender Gewalt, daß eine andere Anschauung als die, welche die Religion allein zuließ, gar nicht gehegt, geschweige geäußert werden durfte. Viele standen und stehen freiwillig unter dieser zwingenden Gewalt, indem die Glaubenssätze der Religion für sie über jeden Zweifel erhaben sind. Andere beugten und beugen sich ihr aus Weltklugheit oder weil das Beispiel des Widerstandes sie schreckte. Auch Lehren, die gerade mit besonderer Kraft ausgesprochen sind oder in Mode stehen, werden gerne ergriffen. Denn es handelt sich, wenn man eine Welt- und Lebenanschauung sich bilden will, immer um eine tiefe und schwere Gedankenarbeit, und mitunter um einen harten Kampf mit sich selbst und mit Anderen. Und bei der Unsicherheit des Kennens und Erkennens fällt der Mensch von Zweifeln in Zweifel und nimmt darum gerne an, was ihm autoritativ übermittelt ist. Mitunter muß der Name an Stelle der Sache treten. Wie wenige von einer Religionsgemeinschaft wissen, was eigentlich die Lehren dieser Religion sind, zumal, wenn diese Lehren von vornherein als „geoffenbart“ vorgetragen werden. Viele wollen sie gar nicht einmal wissen; die symbolischen Formeln genügen ihnen, das übrige soll der Seelsorger verantworten. Und was hat für die meisten Nietzscheaner Nietzsche eigentlich gelehrt? Man darf nicht fragen, ohne auf die hohlsten Redensarten zu stoßen, wenn man überhaupt eine Antwort und nicht eine Widerfrage oder eine Abweisung erhält. Am ehesten auf eine bestimmte sachliche Welt- und Lebenanschauung stößt man bei Naturmenschen und bei unreifer Jugend, nur daß es sich dabei teils um widersinnige, teils um töricht übereilte Äußerungen handelt. Für die Naturvölker werden wir das später eingehend verfolgen, da es ein anthropologisches Interesse hat. Wer die junge Kulturwelt belauschen will, braucht nur ihre modernen Dichtungen zu lesen, die bei schönen Worten und reizvollen Wendungen gedanklich oft recht blühenden Unsinn enthalten und Anschauungen wiedergeben oder erraten lassen, bei denen selbst einen mild urteilenden harte Ungeduld ergreift. Die ernst und selbständig denken, suchen sich allmählich zu einer sie befriedigenden Welt- und Lebenanschauung durchzuringen. Da hierzu auch Kenntnisse gehören und namentlich auch Disziplin des Denkens, kommen nur sehr wenige Begünstigte schon früh zu einer brauchbaren solchen Anschauung. Viele gelangen erst in späten Jahren dazu, und noch mehr mühen sich ihr Leben hindurch umsonst ab und müssen sich mit einem Stück einer Anschauung oder mit mehreren Anschauungen begnügen, zwischen denen sie nicht zu vermitteln vermögen.

Ich habe unbestimmt von einer Welt- und Lebenanschauung gesprochen. Die Welt- und Lebenanschauung gibt es noch nicht. Selbst bei den Kulturvölkern sind unzählige Anschauungen im Schwange, und eine Anschauung wird von der anderen bekämpft, und von jeder Anschauung kann man nachweisen, daß sie hier oder da unrichtig sein muß, von keiner aber, daß sie richtig ist. Die wichtigsten Dinge, die in einer Welt- und Lebenanschauung zur Sprache kommen, sind zeitlich, räumlich und sinnlich unerreichbar. So ist niemand bei der Schöpfung zugegen gewesen; der eine kann sie also ganz leugnen, der andere ebenso sicher absolut bejahen. Daher handelt es sich hier fast ausschließlich um Meinungen. Und diejenige Meinung wird die größte Wahrscheinlichkeit für sich haben, welche mit den Vorgängen im All, jetzt und früher, am besten in Einklang ist. Hier aber spielen subjektive Ansichten mit, gerade wie in der Religion; und was dem einen erwiesen scheint, weist der andere weit von sich. Und wie oft geradezu Widersinniges für sicher genommen wird, werden wir an vielen Beispielen sehen. Ich habe einmal in einer sehr wichtig und bedeutend tuenden Broschüre gelesen, unsere Welt sei die Schlacken oder auch die Auswurfstoffe aus der vierten Dimension. Wie töricht! wird der Leser ausrufen. Aber wir haben noch viel seltsamere Ansichten.

2. Naturvölker und Kulturvölker.

Wir unterscheiden zunächst die Anschauungen der Naturvölker von denjenigen der Kulturvölker. Die Völker der Halbkultur folgen wesentlich den Naturvölkern. Auch steht so mancher Kulturmensch ganz auf dem Standpunkt des Wilden. Trifft er sich dort, so mag er in sich gehen und in die ihm gehörige Klasse überwandern.