Damit in Verbindung steht dann die für alle Religion so absolut notwendige Anschauung, daß die Gottheit sich erbitten läßt, unverdiente Gnaden erweist, verdiente Strafe erläßt. Im Polytheismus wird sogar eine Gottheit gegen die andere angerufen. In jenem Istar-Liede sagt der Flehende:
Löse meine Brust und schaffe mir Fülle!
Lenke meinen Schritt, daß ich
Froh und frei mit den Lebenden die Straße ziehe!
Gib du Befehl, daß auf deinen Befehl der erzürnte Gott wieder gut werde,
Daß die Göttin, die sich zürnend abgewandt, wieder gut werde.
So wird Istar auch der „Stern der Klagen“ genannt, und dieses trotz der Schilderung ihrer willkürlichen, absoluten Übermacht, die Freunde verfeindet und auf dem Schlachtfelde herrscht. Seltsam, mehr wunderlich, klingt die fast stehende Versöhnungsformel an die Gottheiten, daß „ihr Herz sich beruhigen möge“ oder „sie selbst sich beruhigen mögen“, wie überhaupt die babylonischen Texte soviel von der Unruhe der Gottheiten sprechen, ja von ihrem Lärmen, wodurch auch so viel Kampf und Streit zwischen ihnen entsteht; so der kosmogonische Kampf Apsus und Tiamats gegen sie. Vielleicht treffen unsere Übersetzungen nicht den richtigen Sinn. Es sind auch Kollektivlieder für jede beliebige Gottheit gedichtet und bekannt. Wenn der Mensch sein Wohlverhalten dem Gotte vor Augen stellt, so geschieht das nicht selten in der Weise, daß er sagt, die und die Sünde hätte er nicht begangen. Das 125. Kapitel des ägyptischen Totenbuches ist dafür sehr charakteristisch. Die Vorschrift lautet: „Was NN (als Toter) spricht, wenn man zur Halle der beiden Wahrheiten ([S. 189]) gelangt, nachdem NN sich losgemacht hat von allem Bösen, das NN getan hat, um das Antlitz aller Götter zu schauen“. Und nun kommen die Bekenntnisse. „Ich habe nicht falsch gehandelt gegen die Menschen“ usf. Dreiundsechzig solche negative und kaum zehn positive, unter den letzteren freilich das so schöne:
Ich habe dem Hungernden Brot gegeben,
Und dem Dürstenden Wasser,
Und dem Nackten Kleider.