Denn Osiris hört ihr Schreien nicht —

Und die Klage errettet niemanden aus dem Grabe.

Alles dieses klingt so allgemein menschlich aus urältester Zeit, und klingt noch heute.

Es ist nur ganz natürlich, daß der Mensch gerne sein Schicksal erkennen möchte. Die Chaldäer vornehmlich haben dazu die Astrologie geschaffen, die sich aber fast überall auf der Erde vorfindet, sei es daß die Gestirne, als Gottheiten, in ihrer Stellung bei der Geburt und später, ihren Willen kundtun, sei es daß höhere Mächte das Geschick wie Schrift am Himmel ordnen ([S. 179]). Es wird jedem Stern an sich eine Bedeutung für das menschliche Wesen und für die Welt beigemessen — wer denkt nicht an den Stern bei Christi Geburt! — und auch in Verbindung mit den anderen Sternen. Und es gilt, aus der Kombination der Sterne das Wahre zu erraten, oder am Himmel wie in einem Buche zu lesen. Das verstehen nicht alle, sondern nur gewisse Leute. Sonst hat die Menschheit noch die Orakel der Gottheiten ausgebildet, wofür die Griechen wohl die merkwürdigsten Beispiele besitzen. Oder Wahrsagungen durch Geister Verstorbener, oder von weisen Männern und Frauen, — die Beschwörung der Hexe von Endor, zu der der gewaltige und unglückliche Saul wandert, gehört hierher. — Auch Zeichen an Tieren, namentlich bei den in dieser Hinsicht recht törichten Römern, die sich von ihren eigenen Deutern verspotten lassen mußten, oder solche an Gewitter, Wind und allen möglichen Begegnissen spielen eine große Rolle. Von diesem allen zu sprechen ist nicht meine Aufgabe. Die „Geheimlehre“ ist eine sehr ausgebreitete Wissenschaft mit Horoskop, Beschwörung, Hölzchenwerfen, Kartenlegen und allem so sonderbaren Unfug, Zauber und Spuk. Sie hat noch jetzt, wie die vielen Prozesse zeigen, die dabei doch immer nur flagrante Fälle treffen, eine außerordentliche Bedeutung in vielen, nicht selten geistig sehr wenig gebildeten oder von Aberglauben durchsetzten Kreisen. Ich wüßte aus meinen Kreisen die unglaublichsten Dinge zu erzählen, wie ein, an sich ganz verständliches Drängen des Menschen, seine Zukunft und die Folgen seines Tuns und Lassens zu erkennen, zu größten Albernheiten ausartet. Wieviel Unheil die griechischen Orakel angerichtet haben, meist durch Zweideutigkeit, oft auch durch Dienstfertigkeit gegen eine Person oder einen Stamm, wie des delphischen Orakels gegen die Spartaner, ist bekannt. Aber die erleuchtetsten Geister der Griechen haben doch an sie geglaubt. Da ist es nicht zu verwundern, wenn Ägypter, Chinesen, Amerikaner, Indier usf. gleichfalls an solche Dinge glaubten, und daß Weissagungen zu Staatseinrichtungen wurden. Der delphische Gott hat fast die ganze alte Kulturwelt, bis tief nach Asien hinein und bis zu den Säulen des Herakles durch seine Aussprüche beherrscht. Wir kennen deren eine große Zahl. Und wie gerne denkt man an die Prophezeiungen der gewaltigen Propheten mit ihrer so immensen ethischen und religiösen Bedeutung! Und, in weitem Abstande freilich, doch zum Teil von poetischem Geist getragen, stehen die sibyllinischen Weissagungen, aus so viel späterer Zeit. Auch in den babylonischen, ägyptischen und anderen Texten haben wir Prophezeiungen, namentlich aber viele Beschwörungen von Göttern und Dämonen. So sehr bildeten diese einen Bestandteil des Lebens, daß sie sich zu Formeln verdichteten, in die, ähnlich wie bei den Bittliedern ([S. 184]), nur der jedesmalige Name des Gottes oder Dämons des Beschwörenden, oder desjenigen für den etwas beschwört werden sollte, und die Bitte (z. B. um Heilung von der und der Krankheit) einzutragen war. So beginnt ein babylonischer Text:

Ich rufe euch an, ihr großen Götter,

... Gott und Göttin, Herrn der Erlösung,

Wegen NN, Sohnes des NN, dessen Gott NN, dessen Göttin NN ist,

Der krank und zerschlagen, voll Trauer und Kummer ist.

Und bei solcher Beschwörung wurden, harmlos genug, Blüten, Früchte, Wolle usf. verbrannt. Eine der großen babylonischen Beschwörungen unter dem Namen Ea und Atrahasis ([S. 161]), betrifft Unheil und Sünde, die das ganze Land ergriffen haben, und Plagen, die Ellil gesandt hat, richtet sich aber wesentlich auf Hilfe für schwangere Frauen. Ea und Atrahasis scheinen die Helfenden zu sein. Selbst die Gottheiten benutzen bei ihrem Tun Beschwörungsformeln; in demselben Text bilden (symbolisch?) Ea und die Göttermutter Mami oder Aruru Wesen aus Lehm, dabei spricht Mami eine Beschwörung und speit auf den Lehm. Bei dieser Beschwörung spielen sieben „Mütter“ (man denkt unwillkürlich an die Mütter im „Faust“) eine Rolle. Selbst Ormuzd bedient sich einer Beschwörungsformel, des Honover, gegen Ahriman und stürzt ihn dadurch zu Grunde. Die ungeheure Bedeutung des Spruches bei den Indiern habe ich mehrmals hervorgehoben. Und der Römer konnte ohne Abwehrformeln überhaupt nicht leben; wie auch gegenwärtig der Bauer, und nicht bloß dieser, gegen Beschreien, bösen Blick, Katzen, die ihm über den Weg laufen u. a. Abwehrformeln murmelt oder sich bekreuzigt.