Bekleidet sind sie wie Vögel mit Flügelkleide

Und das Licht schauen sie nicht, in Finsternis wohnen sie.

Das ist die erste babylonische Beschreibung der Unterwelt und ihrer Toten. Und es finden sich in der Unterwelt alle Menschen: Tiarenträger, Hohepriester und Priesterknechte, Beschwörer und Bettelpriester, Helden und Feige. Eine fast wörtlich gleiche Beschreibung gibt die berühmte „Höllenfahrt der Istar“. Die Unterwelt heißt Kurnugea (Land ohne Rückkehr). Und die Todesgöttin Ereskigal selbst sagt, daß das Los der Toten bejammernswert ist. Warum Istar die Unterwelt besucht, ist nicht gewiß; sie erzwingt sich vom Pförtner Einlaß durch die Drohung, die Tore zu sprengen und die Toten herauszulassen. Auf Ereskigals Befehl öffnet der Pförtner und soll Istar „gemäß alten Geboten“ behandeln. Durch sieben Tore muß sie wandeln und an jedem wird ihr vom Pförtner ein Teil ihres Schmuckes und ihrer Bekleidung fortgenommen. Als sie vor der Todesgöttin steht, ist sie gänzlich entblößt. Sie fährt drohend gegen diese auf, wird aber auf deren Befehl vom Vezier Namtar, der auch Krankheitsdämon ist, eingeschlossen und mit sechzig Krankheiten behaftet. Da hört alle leibliche Liebe auf Erden auf und alle Befruchtung und Fortpflanzung. Samas weint darob vor Sin (Mondgott und Istars Vater) und Ea, und letzterer schafft einen babylonischen Orpheus, Asusu-namir, einen Spielmann. Dieser soll vor Ereskigal spielen, bis sie sich erfreut, und dann den Schlauch mit dem Lebenswasser verlangen. So geschieht’s. Ea’s Geschöpf wird zwar wegen der angewandten List verflucht, der Niedrigsten Niedrige zu sein. Aber er erhält den Schlauch, Istar wird vor die Annunaki (Richter in der Unterwelt) geführt, mit dem Lebenswasser besprengt und aus der Hölle entlassen. An jedem Tore empfängt sie die ihr dort abgenommenen Gegenstände. Das Gedicht ist in starker Unordnung, Greßmann meint, durch Schuld des Abschreibers. Am Schluß steht etwas, das darauf schließen läßt, daß die Toten auch zur Erde emporsteigen, und zwar in den Klagetagen des Tamuz (Dumuzi), des babylonischen Adonis, den seine Schwester Belili (eine Unterweltsgöttin, anstatt Aphrodite) beweint. Der Unterweltsgott ist Nergal; er ist es in sonderbarer Weise geworden. Die Götter veranstalten ein Mahl; da Ereskigal die Unterwelt nicht verlassen darf, soll sie sich das Essen holen. Sie sendet ihren Vezier Namtar hinauf. Alle Götter erheben sich vor ihm, nur Nergal (Gottheit alles Schlimmen, der Sonnenglut, des Krieges, der Pest) bleibt sitzen. Darüber ergrimmt die Todesgöttin und verlangt Nergals Auslieferung, um ihn zu töten. Nach großem Jammern wird Nergal seinem Schicksal entgegengesandt. Aber er nimmt sich vierzehn Geister mit und läßt von jedem ein Tor der Hölle bewachen (hier sind also vierzehn Tore vorhanden, nicht sieben). Nun stürmt er auf Ereskigal los und will sie seinerseits töten. Auf ihr Bitten jedoch läßt er sie leben. Sie gibt die „Tafeln der Weisheit“ (?) in seine Hand und wird seine Gattin, er wird dadurch Gott der Unterwelt. Nergals Hauptkultort ist Kutha (wie Marduks Babylon), danach heißt die Unterwelt auch Kutha. Es gibt noch mehr babylonische Unterweltsberichte, aber neues ist nicht zu ersehen. Die Unterwelt entspricht etwa dem Hades-Orcus. Totenrichter sind vorhanden (die Annunaki), ein Totengott und eine Totengöttin herrschen, eine Schreiberin und Dämonen aller Übel stehen ihnen zur Seite. Alfred Jeremias sagt: „Die Anzeichen häufen sich, daß die Babylonier mit ihrem Unsterblichkeitsglauben die Anschauung von einem Strafgericht bzw. von einer Strafbefreiung nach dem Tode verbunden haben“. Und das ist wirklich alles, was man einstweilen behaupten kann.

Mehr wissen wir von den Ägyptern. „Pyramidentexte“ (Zaubertexte, die zwischen 2600 und 2500 v. Chr. in den Grabkammern der Pyramiden eingegraben wurden, die toten Könige für das Jenseits auszurüsten) und das „Totenbuch“ (wohl ebenso alt, vielleicht noch älter und dem gleichen Zwecke dienend) geben Auskunft. Außerdem unzählige bildliche Darstellungen. Das unterirdische Totenreich ist Amenti, das „Westland“, oder Achernuti, die „heilige Unterwelt“, oder Aalu, „Schlangenfeld“. Außerdem ist eine Art Elysium vorhanden, wie Sonnenberg, Am-Sesennu. Doch kann das Totenreich auch jene Tiefe, untere Welt, Dat, sein. Sie ist mit Dämonen und Ungetümen erfüllt. Der Tote, der sie von West nach Ost zu durchwandern hat, muß sich durch alle Gefahren winden, und besteht sie nur bei richtigem Kult auf Erden für ihn ([S. 102]). Sein Geleiter ist Anubis (daher Hermes-Anubis, Hermanubis bei den Griechen). Dieser hat ihn auch auf der Totenbarke über ein Wasser (entsprechend dem Acheron) zu fahren. Alle Gegenstände, die der Tote trifft, selbst die leblosen, muß er auf ihre Anfrage bei Namen nennen ([S. 105]). Ist er zu den „Hallen der Wahrheit“ gelangt, so richten ihn Thot und Anubis. Und Osiris, der eigentliche Herrscher der Tiefe, mit 42 Richtern künden das Urteil. Ein ungünstiges vernichtet den Toten ganz. Oder es treibt ihn zu Qualen, oder auf die Erde in Tiere, oder in die Luftregion. Dort wird seine Seele von Stürmen gepeitscht und allmählich geläutert (also eine Art Fegefeuer). Ein günstiges bringt die Freuden des Jenseits. Der Tote zieht zum Sonnenberg ([S. 181]) im Osten (eine Art Paradies), darf aber überhaupt seine Zukunft beliebig wählen ([S. 102] f.). Im Totenbuch heißt es (der Tote spricht): „Ich bin angekommen in dieser Welt der leuchtenden Geister, nämlich der Götter neben der Sonnenwohnung“. „Offen stehen mir die Türen des Himmels, offen mir die Türen der Erde, offen mir die Riegel des Erdgottes Qeb, offen das erste Haus (die erste Zone des Sonnenlaufes).“ Bekannt ist, daß der Tote sich mit jeder der Gottheiten identifiziert. „Ihr Vordergötter reicht mir eure Hände; ich bin nämlich geworden zu dem, was ihr seid.“ In unendlichen Wiederholungen spricht der Tote: „Ich bin Rā“, „ich bin Tum“, „ich bin Osiris“ usf. und vindiziert sich alle Eigenheiten des betreffenden Gottes, als sei er selbst dieser Gott. „Ich der Gott Atumu, ich bin der Seiende. Ich war allein.“ „Ich bin der Lichtgott Rā in seinen ersten Aufgängen.“ „Ich bin Gott, der Große, das Werden, er selber.“ „Ich bin der gestrige Tag, ich kenne auch den morgenden Tag, das ist Osiris.“ Lepsius sagt: „Der Gedanke lag durchgehends zugrunde, daß der reine und gerechte Mensch zugleich ein Einzelwesen und zugleich der höchste Gott selber sei, oder nur freiwillig die Existenz und Form des einzelnen Menschen angenommen habe, mit dessen Tode aber in seine göttliche Existenz zurückkehre... Der Gerechte würde also nach dem Tode zum Gotte, er ginge in Gott selbst über.“ Vielleicht eilt das etwas zu hoch; es entspräche dem Gedankenkreise der doch bei weitem tiefsinniger und ethischer denkenden Indier.

Wenden wir uns zu den Ariern, so haben die eben genannten Indier ihr Paradies mit allen Wonnen, ihre Hölle mit allen Qualen aufs ausschweifendste ausgestattet. Wo die Gefilde der Seligen liegen, und wo die Orte der Schrecken, ist schon erwähnt ([S. 176]). Das höchste Paradies, das rein geistige, ist die Nirvana, von der später gesprochen wird. Das göttlich-menschliche Paradies ist angefüllt mit Gandharvenjungfrauen, schöngeformten Asparasen, prachtvollen Blumen und Bäumen, Eß- und Trinkhäusern; überall Tanz, überall Gesang, Schatten, Duft. In Sänften, auf Wagen und Elefanten kommen die Seligen zur Behausung Yamas, des Herrschers, dessen Antlitz schöner als Lotos. Und viele Paradiese sind übereinander, mit steigender Seligkeit, zu denen die Menschen nach ihrem inneren Wert schweben. Die Hölle ist grauenvoller, als die Paradiese schön sich bieten. Sie besteht aus mehr Abteilungen untereinander als das Paradies übereinander; jeder Art von Verbrechen ist eine Hölle zugewiesen. Eigenartig berührt es, daß die Frauen den Männern in die Hölle folgen müssen, ob auch in das Paradies, weiß ich nicht. Eine hübsche Sage im Krishnajogâras erzählt Wollheim da Fonseca: „Einst floh eine von Tigern aufgescheuchte Gazelle aus dem Walde, um ihr Leben zu retten, dem Palaste des Königs zu. Als der Fürst sie kommen sah, erwachte die Jagdlust, und aufspringend tötete er die Gazelle rasch mit dem Schwerte. Also brachte der König die bei ihm Schutz Suchende um. Deshalb ist er mit seiner Gattin von dir (nämlich dem Totenrichter Yama) zu bestrafen. Darauf ward nun der Fürst samt seiner Gemahlin in die Hölle gebracht“. Der gleiche Verfasser teilt auch nach dem gleichen Werke eine Schilderung der Höllenstrafen mit, die ein erlöster König gibt: Hunger, Durst, Liegen in glühenden oder umflammten Eisenbetten, Umarmen von Feuersäulen, Besprengtwerden mit Höllenstein, auf Dornen wandeln, von Blutströmen überflossen werden, von Tieren fortwährend zerrissen werden sind noch das Mildeste. Dante hat nichts Schrecklicheres gesehen als jener indische König. Yama ist der Totenrichter, Tschitraguptas der Toten-Staatsanwalt, Zeugen sind — außerordentlich schön gedacht — Sonne, Mond, Feuer, Äther, Erde, Wasser, sogar Tageszeiten und Gesetz. Als Diener fungiert Tschandas mit andern. Die Dauer der Höllenstrafe richtet sich nach dem Verbrechen, die geringste beträgt 26 Jahre, die längste 800 Millionen Kalpas (zu 432 Millionen Jahre gerechnet), also bei weitem mehr als die Welt selbst besteht. Eine vorzeitige Befreiung kann „durch Gebet, Opfer und fromme Spenden der Nachkommenschaft“ (oder anderer) erzielt werden, was bis zu einem gewissen Grade mit katholischen Lehren übereinstimmt. Nach Verbüßung der Strafe tritt die Möglichkeit einer Läuterung ein, indem die Seele eine Wanderung durch Körper unternimmt; sie beginnt meist mit dem niedrigsten Tier und steigt zum Menschen empor, zunächst in die verachtetste Kaste, um dann, wenn sie sich in Tugend bewährt, zu den höheren Kasten und zuletzt in das Paradies ([S. 181]) zu gelangen. Doch läutert auch schon ein heiliger Ort. Wie ein Sünderpaar, das aus der Hölle entlassen zu Heuschrecken wurde und durch einen Sturm in den Ganges geweht und in diesem so heiligen Wasser ertrunken war, sogleich in das Paradies einging. Wir kommen darauf zurück. Die Anschauung von der Hölle (späterer Name Naraka) ist viel jünger als die vom Paradiese. In dem Rigveda wird nur allgemein von jener gesprochen, als von einem tiefen Ort, dem Orte der niederen Finsternis, der Grube (Karta). So heißt es IX, 73: „Der weise Hüter des Gesetzes läßt sich nicht hintergehen, er hat Krinigar (das Gewissen) ins Herz gelegt; wissend sieht er auf alle Dinge und schleudert die Bösen und die Ruchlosen in die Grube“. Auch von dem Verschlungenwerden durch einen Wolf oder von vieräugigen grauen Hunden nach dem Tode ist die Rede. Ebenso allgemein sprechen die Upanishaden: „Es gibt in der Tat jene unseligen Welten, welche in dichte Finsternis gehüllt sind; Menschen, die unwissend, nicht erleuchtet sind (also Frevler), gehen nach ihrem Tode zu diesen Welten“. Von Interesse ist, daß hier auch der Totenweg erwähnt sich findet, der später als Brücke bezeichnet wird, also Totenbrücke ist. „Derselbe Pfad führt entweder zu den Göttern oder zu den Vätern. Auf beiden Seiten brennen immerdar zwei Flammen; sie versengen den, der verdient versengt zu werden, und lassen den vorübergehen, der verdient vorüberzugehen.“

Die Jenseitslehre, Eschatologie, der Indier ist mit dem obigen bei weitem nicht abgeschlossen, wir werden ihr bald wieder begegnen. Die der Eranier stellt sich relativ einfach dar. Drei Nächte verweilt die Seele bei dem Körper zu seinen Häupten; in Lust und Wonnen, wenn der Geschiedene gerecht gelebt hat, in Übelbefinden und Abscheulichem, während der Dev Vajis, der Höllenwächter, sie ständig mit Schrecken ängstigt, bei dem Ungerechten. Dann geht es auf gefahrvollen Wegen zu der noch gefahrvolleren Cinvatbrücke, der Totenbrücke ([S. 176]). Dort wird die Seele von Roshnu, dem Gerechten, nach ihrem Übeltun und Wohltun gewogen. Für die gutbefundene Seele weitet sich die Brücke viele Speerbreit, und jene geht ein nacheinander in die vier Paradiese der guten Gedanken, guten Worte, guten Taten, endlosen Lichter, und bleibt im letzten vor Ahuramazda in ewiger Freude. Die Seelen der Guten (Ferver, Fravardin, Fravashi) sind die Helfer Ahuramazdas im Kampfe gegen das Böse. Der Gott sagt zu Zarathustra (im Fravardin Yasht): „Wenn die starken Schutzengel der Tugendhaften mir nicht Beistand leisten würden, dann würden Vieh und Menschen, die beiden letzten der hundert Klassen von Wesen, für mich nicht mehr existieren, dann würde des Teufels Macht, des Teufels Ursprung beginnen, die ganze lebendige Schöpfung würde dem Teufel gehören“. Eine so hohe aktive Bedeutung haben die Guten. Den Schlechten zieht sich die Brücke fadenbreit zusammen und sie stürzen in die Hölle. Der Dämon Vizaresha schleppt sie dahin. Die Totenbrücke ist vom späteren Judentum und wahrscheinlich auch von den Arabern übernommen. In einem hebräischen Werke des 10. Jahrhunderts, das aber, wie Max Müller sagt, „Bruchstücke viel älteren Datums enthält“, heißt es: „In dieser Stunde (des Jüngsten Gerichts) ruft Gott die Götzen der Völker ins Leben zurück, und er sagt: ‚Jedes Volk gehe mit seinem Gott über die Brücke des Gehinom, und wenn sie über dieselbe gehen, so wird sie ihnen wie ein Faden erscheinen und sie fallen in das Gehinom hinunter‘.“ Diese jüdische Ansicht soll nicht von den Mohammedanern entlehnt sein, also wohl von den Persern. Die Eranier kannten auch ein jüngstes Gericht und eine Auferstehung, Apokatastase, die mit dem Weltende ([S. 166] f.) verbunden wird. Die Auferstehung beginnt mit den Urwesen, Urmenschen und dauert 57 Jahre. Sie ist eine körperliche: „Von der Erde werden die Knochen, vom Wasser das Blut, von den Bäumen die Haare, vom Feuer der Lebenshauch, wie sie in der Schöpfung ergriffen worden sind, zurückgefordert“. Die Seelen erkennen die wieder aufgebauten Körper. Dann werden die Frommen von den Gottlosen getrennt. Jene kommen in den Himmel, diese erleiden drei Tage und drei Nächte körperlich in der Hölle Strafe. Darauf werden alle Sünder in den durch den Weltbrand geschmolzenen Metallen ([S. 166]) gereinigt. Die Frommen sollen die Schmelze nur wie warme Milch fühlen, die Gottlosen aber wie glühende Schmelze. Und alles lebt vor Ahuras Angesicht. Die Weltschlange Dahaka geht in der Schmelze unter, Ahriman stürzt in die Tiefe. Ein allgemeines Opfer leitet die neue selige Zeit ein. Jedenfalls haben wir es mit einem Unsterblichkeitsglauben zu tun. Was Xenophon dem hinscheidenden Kyros in den Mund legt: „Mag ich nun bei der Gottheit oder nichts mehr sein“, ist nicht persisch gedacht, sondern griechisch-philosophisch.

Die Anschauungen der Griechen und Römer von Unterwelt und Paradies sind so bekannt, daß nur das Bedeutendste gesagt zu werden braucht. Daß sie bis zu einem gewissen Grade den Anschauungen der Hebräer gleichen, habe ich schon hervorgehoben ([S. 183]). Jedenfalls sind sie im allgemeinen unerfreulich und wenig von ethischem Geiste getragen. Vergehen gegen die Götter und Wohltun gegen die Götter spielen eine bei weitem größere Rolle als Böses gegen die Menschen und Gutes gegen sie. Indessen büßen die Danaiden doch für Gattenmord, und heißt es von dem milden Menelaos in der Odyssee:

Doch dir ist nicht geordnet, du göttlicher, o Menelaos,

Im roßweidenden Argos den Tod und das Schicksal zu dulden,