Von den Griechen haben namentlich die Pythagoräer und Platon die Wiedergeburt gelehrt. Jene beschränkten die Seelenwanderung auf die Tiere und Menschen; Pflanzen sollte eine Seele nicht zukommen. Zwischen zwei Leben liegt ein reiner Seelenzustand, wie ja auch bei den Indiern, Kelten und bei Platon. Ob dieser Zustand in Verbindung steht mit Lohn und Strafe, die die Pythagoräer wie auch Andere lehrten, läßt sich schwer entscheiden, denn bekanntlich hat sich durch Pythagoras’ Lehre ein Wust von allen möglichen mystischen Ansichten ergossen. Eigenartig noch ist die Meinung, daß die Seele nicht in jeden Körper eingehen kann, sondern nur in den, der ihrer Harmonie (davon später) gemäß ist. Im allgemeinen betrachteten sie, wie die Indier, die Verbindung der Seele mit dem Körper als unwillkommen. Indessen sagten sie doch auch, daß die Seele durch die Organe, die der Körper ihr bietet, Gelegenheit zur Erkenntnis bekomme, und daß sie darum den Körper liebe, ein Gedanke, der ganz und gar den Anschauungen der Indier widerspricht. Pythagoras selbst soll Waffen im Heratempel zu Argos als die bezeichnet haben, die er in einem früheren Dasein vor Troja geführt habe, und in einem Hund die Seele eines verstorbenen Freundes erkannt haben; wenn ersteres kein Märchen, letzteres kein boshafter Witz ist.
Platons Ideen von der Seelenwanderung sind namentlich in seinem Phaidros auseinandergesetzt. Max Müller weist auf die, zum Teil allerdings verblüffende, Übereinstimmung mit indischen Ideen hin; namentlich die Lehre, daß die Seelenbekörperung neun Stufen hat, entspricht der in Manu’s Gesetzbuch, wo gleichfalls neun Stufen vorgesehen sind. Auch der Zwischenzustand der Seele zwischen zwei Leben und der Endzustand muten stark indisch an. Platon hat alles in ein mythisch-dichterisches Bild gekleidet. Er behandelt Menschen und Götter in eins, was abermals indischem Verfahren entspricht. Das Bild vergleicht die Seele „der zusammengewachsenen Kraft eines befiederten Gespannes und seines Führers. Der Götter Rosse und Führer nun sind selbst gut und guter Abkunft, die anderen aber vermischt.“ „Die Kraft des Gefieders besteht darin, das Schwere emporhebend hinaufzuführen, wo das Geschlecht der Götter wohnt.“ Sie wächst vom Göttlichen und schwindet vom Bösen. „Der große Herrscher im Himmel, Zeus“ zieht mit seinem Gespann den Himmel hinauf voran, ihm folgen alle Götter und dann die Seelen, „wer jedesmal will und kann“. Zeus und die Götter lenken leicht und sicher und schauen völlig alle Herrlichkeiten. Die Gespanne der anderen Seelen aber steigen schwer und in Unordnung, so daß die Seelen von den Herrlichkeiten gar keinen oder nur teilweisen Genuß haben. Auf des Himmels Rücken angelangt und vom Umschwung fortgerissen, blicken die Götter in das, „was außerhalb des Himmels ist“ und sehen „farblose, gestaltlose, stofflose, wahrhaft seiende Wesen“ und sie „lassen sich wohl sein, bis der Umschwung sie wieder an die vorige Stelle zurückgebracht hat“. Die ganze Fahrt vollbringen von den Menschenseelen einige, die der Gottheit am nächsten „folgten und nachahmten“, wenn auch in Ängsten und Beschwerden und „kaum das Seiende erblickend“. Andere erhoben sich bisweilen und tauchten dann unter im Sträuben der Rosse. Die übrigen aber werden nur im unteren Raume umhergetrieben, einander stoßend und drängend. „Und dieses ist das Gesetz der Adrasteia“, sagt der Dichter-Philosoph, daß die Seele, welche als des Gottes Begleiterin etwas vom Wahrhaften erblickt hat, keinen Schaden erleidet und, soweit an ihr liegt, unverletzt bleibt. Die Seele aber, die nichts sieht, fällt zur Erde und beginnt den Kreislauf der Wiedergeburten, die also, wie schon bemerkt, neun Stufen haben. Die besten können als weise Männer geboren werden, oder als der Musen und der Liebe Lieblinge. Die folgenden als verfassungsmäßige oder kriegerische Könige, dann die nächsten als Staatsmänner usf., bis zu den letzten, welche das dem Griechen Verächtlichste werden — Tyrannen. Eine Seele kann mehrere Wiedergeburten erfahren. Die höchststehende kehrt schon nach dreitausend Jahren dorthin zurück, woher sie gekommen ist. Anderen Seelen mag dieses nicht unter zehntausend Jahren gelingen. Innerhalb der Wiedergeburten, nach jedem Tode, kommt die Seele vor das Gericht. Die böse verfällt dem unterirdischen Zuchtorte, wo sie tausend Jahre Strafe erleidet, die bessere wird nach einer Stelle des Himmels entrückt, wo sie, gleichfalls tausend Jahre, wie im letzten Leben verweilt. Dann kann jede der beiden Seelen ihre fernere Wiedergeburt frei wählen. Und so ist auch tierische Wiedergeburt nicht ausgeschlossen. Der Philosoph leitet aus den Wiedergeburten die Tatsache des Erinnerns ab, daß uns so manches, das wir zum erstenmal sehen oder lernen, bekannt vorkommt. Die Ähnlichkeit der Platonischen Anschauung mit indischer, sowohl in den Zwischenzuständen als im Endzustand und in den Verwandlungen, ist nicht zu verkennen. Platon ist von dieser Anschauung in anderen Schriften mehrfach abgewichen. Gleichwohl muß sie für ihn doch grundlegende Bedeutung gehabt haben. Wir sehen das an dem tiefen Ernst, mit dem Sokrates, Platons Wortführer, sie vorträgt.
Es ist oft selbst von Griechen behauptet worden, daß Pythagoras und Platon ihre Wiedergeburtanschauungen von den Ägyptern entlehnt haben. Auch sagt Herodot von den letzteren: „Auch sind die Ägypter die ersten, die den Satz aufgestellt haben, daß des Menschen Seele unsterblich ist, und wenn der Leib vergeht, so fährt sie in ein anderes Tier, das immer gerade zu der Zeit entstände, und wenn sie herum ist, durch alle Tiere des Landes und des Meeres und durch alle Vögel, so fahre sie wiederum in einen Menschenleib, der gerade geboren würde, und käme in dreitausend Jahren herum.“ Wenn Herodot dann fortfährt: „Diese Meinung haben einige Hellenen auch vorgebracht, die einen früher, die anderen später. Ihre Namen weiß ich zwar, will sie aber nicht nennen“, so kann er damit nur Pythagoräer und Orphiker meinen. Aber es ist immerhin eigenartig, daß auch Platon die dreitausend Jahre hat, wenn auch nur für die auserwählten Seelen. Eduard Zeller lehnt die Wiedergeburtslehre für die Ägypter ab. Es ist für uns schwer, eine Entscheidung zu treffen, da die Ägypter sehr viel vom Animismus in ihren Anschauungen besaßen. Die außerordentliche Mühe, die die Ägypter sich gaben, ihrer Seele Wohnstätten auf Erden zu beschaffen, spricht gegen den Glauben einer Wiedergeburt bei ihnen. Der, freilich späte, Pausanias (zur Zeit Hadrians und der Antonine) meint, die Griechen hätten ihre Anschauungen von den Chaldäern und Indiern erhalten. Vielleicht hat er nicht so unrecht. Klingt es nicht ganz indisch, wenn Empedokles sagt: „Ich war bereits einmal Knabe, Mädchen, Pflanze, Vogel und flutentauchender stummer Fisch“ und wenn er über das furchtbare Geborenwerden klagt?
Es ist noch zu erwähnen, daß auch bei den Chinesen eine Schule des Lao-tsse ([S. 210]) bestand, die Seelenwanderung und Wiederbekörperung lehrte. Der bedeutende Mann sagt im Tao-te-king: „Wer nicht einsieht, daß es eine Fortdauer gibt, und daß auch er fortdauere, der bereitet sich durch seine Unüberlegtheit selbst Unheil. Wer aber von der hohen Bedeutung der Fortdauer überzeugt und durchdrungen ist, der ist sicher auch groß gesinnt, edel und vortrefflich“. Der Tod bedingt Auflösung in die Grundstoffe. Aber hiernach erfolgt immer ein Wiederaufleben zu einem neuen Zweck, zu einer neuen Bestimmung, zu neuem Leben. Lao-tsse, der etwas später als Buddha blühte, ist in Indien gewesen, er wird aus den dortigen Philosophenschulen manches gelernt haben. Aber sein Taoismus ist doch kein Brahmanismus, geschweige gar ein Buddhismus. Es ist, wie schon bemerkt, auch nicht zu ersehen, wie er sich das Ende dachte, ob als ein Aufgehen im Tao, oder als überhaupt nicht vorhanden, so daß die Wandlungen ins Unendliche fortdauern.
24. Seele und Unsterblichkeit, Leben-Reihe.
Leicht erkennt der Mensch, daß das Leben nach zwei Richtungen sich abspielt, nach der animalen und nach der geistigen. Früh ist deshalb schon zwischen einer animalen Seele und einer geistigen unterschieden worden. Der ersteren Seele Tätigkeit geht auf Entwicklung des körperlichen Lebens, Erhaltung dieses Lebens, Befriedigung der sinnlichen Begierden und Lüste und auf Zusammenleben mit der äußeren Welt. Die zweite Seele hat es mehr mit dem Absehen von dem körperlichen und äußeren Leben zu tun, und mit Denken, Schließen und Erkennen. Platon hat von dieser zweiten Seele einen Teil abgetrennt, den er θυμός (Mut) nennt. Wir wollen ihn mit „Verstand“ bezeichnen. Er wirkt gegen die bösen und schlechten Triebe der ersten Seele und leitet, im Gegensatz, die Wünsche und die Handlungen zum Guten. Alsdann bleibt von der zweiten Seele das rein Geistige übrig, der νοῦς, Nus, die „Vernunft“. Diese Dreiteilung nach Platon (ἐπιθυμητικός, θυμός, νοῦς) erschöpft die Seelentätigkeiten zweifellos nicht. Wenn aber die Stoiker eine Siebenteilung der Seele vornahmen und davon fünf Teile an die Sinnentätigkeit vergaben (nach den fünf Sinnesorganen), einen Teil auf die Fortpflanzung rechneten (wie die Pythagoräer) und den letzten auf die Sprache, d. h. das Denken, so kann dieses noch weniger befriedigen. Der Leser weiß, daß die Psychologie meist eine Dreiteilung vornimmt: in Denken, Fühlen, Begehren, die kaum für die Zwecke des reinen rationalen Teiles dieser Wissenschaft ausreicht, und auf die übrigens auch nicht viel Wert gelegt wird. In der Tat haben wir es hier mit Teilungen der Seele nur mit Rücksicht auf die voraufgehenden Unsterblichkeitslehren zu tun. Denn naturgemäß entsteht die Frage, was denn von der Seele unsterblich sein soll. Wir wollen darum die Tätigkeit der Seele sorgfältiger unterteilen. Eine eingehendere Untersuchung aller Seelentätigkeiten zeigt, daß man die Seele für unseren Zweck, und wohl auch allgemeiner, in folgende Klassen zerlegen kann.
Animale Seele, zur Entwicklung, Erhaltung und Bewegung des Körpers.
Trieb-Seele, zur Befriedigung von sinnlicher Lust und von Trieben.
Sinnen-Seele, zum Wahrnehmen der Außenwelt und aller Reize an und in unserem Körper.