An Stelle der übrigen zahlreichen Kritiken, die »Gebt uns die Wahrheit« durchaus günstig besprachen, sei hier der Verfasserin Selbstanzeige aus der »Zukunft« wiedergegeben:

»In der Arbeit, die ich nun dem Leser vorlege, habe ich jenes gefährliche Wagestück unternommen, vor dem selbst einem alten Teufelskumpan wie dem Doktor Faust heimlich graute: Ich bin zu den Müttern hinabgestiegen. Die Mädchenerziehung ist von jeher eine heiss umstrittene Frage gewesen. Alle Damen, alle Herren haben darüber höchst löblich und leidenschaftslos gesprochen, und nur uns selbst, den Hauptpersonen in dieser beliebten Farce, wurde jede selbständige Willensregung einfach abgeschnitten. Wir blieben stumme Trägerinnen unserer naiv-sentimentalen Rollen, die uns im letzten Akt die notwendige Lustspiellösung bringen mussten. Das ist im Grunde einfache Logik der Thatsachen. Ein nach den Regeln der Gesellschaft gedrilltes weibliches Wesen vergisst nur zu rasch, über sich und seinen Entwickelungsgang nachzudenken. Als junge Dame hat sie weit wichtigere Funktionen zu erfüllen, als ihr Innenleben einer Betrachtung oder gar einer Kritik zu unterziehen. Auf Grund, wie ich kühn behaupten darf, ehrlicher psychologischer Forschung versuchte ich, in meinem Buch eine Darstellung jener gefährlichen Mischung der äusseren Welterziehung und der geheimen Selbstenthaltung zu geben, die später so schädigend auf die Entwickelung unserer physischen und psychischen Kräfte zurückwirkt. Keine frivole Absicht, nicht die Sucht, mit der Verneinung des Althergebrachten modern zu wirken, hat mich dazu bestimmt. Doch das Aussprechen gewisser Thatsachen wirkt in unserer, an keuschen ... Ohren so reichen Gesellschaft immer weit verletzender als deren Ausübung. Ist einer von uns ein unangenehmes Abenteuer passiert, so breitet die Welt unter salbungsvollen Reden den fadenscheinigen Mantel ihrer Nächstenliebe darüber. Denn das kann jeder Mutter Kind geschehen. Aber spricht eine von uns darüber, schreibt sie durchlebte, durchlittene Gedankentragödien, die das Leben in tausend und abertausend Fällen zur Wirklichkeit macht, gar nieder, dann giebt es Skandal – und die Steine fliegen. Denn da ist man wohl sicher: Das braucht wirklich nicht jeder zuzukommen. Möge denn das Büchlein seinem Schicksal entgegengehen; vielleicht wird mein eigenes Geschlecht zuerst wider mich aufstehen; auch jene ganz Reinen, für die es in lichterfüllten Stunden niedergeschrieben wurde.«

[1] Tacitus, Germania, § 8.

[2] Tacitus a. a. O. § 8.

[3] Karl Weinhold, Die deutschen Frauen in dem Mittelalter, I. 218 ff.

[4] Tacitus a. a. O. § 19.

[5] Der 37. Artikel: Wer eines Mannes ehelich Weib öffentlich behuret, oder sonst ein Weib oder Magd notzöget, nimpt er sie darnach zur Ehe, eheliche Kinder gewinnet er nimmermehr bey ihr. (Übers. von Jacob Friedrich Ludovici 1750.)

[6] Caesar, De bello gallico, VI. 21.

[7] Einhard, Das Leben Karls d. Gr. Übers. und erl. von H. Althof, S. 42 ff.

[8] Einhard a. a. O. S. 45.