IV.
Er war enteilt. Auf der Gasse erst, in frischer Luft, durch die hindurch man nahe Wälder zu spüren glaubte, fiel ihm ein, daß er heute den ganzen Tag bisher in der Familie verlebt hatte, noch keinen Augenblick allein. Das war ihm seit Jahren nicht mehr geschehn, noch gestern hätte er es für unmöglich gehalten. Vielleicht hing auch seine eigentümliche Verwirrung damit zusammen, die ihn förmlich hinderte, klar geradeaus zu sehn und sich über das, was er sah, Gedanken zu machen. Die Häuserfronten liefen nur so wie lange Gartenmauern, ohne Abwechslung, an ihm vorbei und er bemerkte es nicht, ob er über breite Plätze schritt oder durch einen Park, an einem goldglänzenden Kaiser-Josef-Denkmal vorbei. Nur, daß hier und da, mitten zwischen eleganten Häusern, auch noch solche Schindelhütten standen, wie die der Großmutter, fiel ihm auf, dann daß die meisten Firmatafeln kleine schwarze Glasplatten mit eingeritzten Buchstaben waren, was einen zierlichen sauberen Eindruck machte. Doch beschäftigte ihn dies nicht weiter. Nur die eine Frage hatte er im Sinn und wiederholte sie oft an Vorübergehende: »Wie komm ich hier zu Doktor Heiger?« Mechanisch folgte er ausgestreckten Fingern, eindringlich undeutlichen Worten, ging bergauf bergab, die zweite Gasse hinter der Ecke wieder geradeaus. Endlich fand er das Haus, immer mit summendem Geräusch im Kopf, stieg Steinstufen hinauf, die ihn daran erinnerten, daß er noch in Österreich war, wenn auch nahe der Grenze (in Deutschland gibt es nur Holztreppen, dachte er), an einem Kontor vorbei, vor dem Kisten beinahe den Weg versperrten (aha, der Export). Dann trat er in ein menschengefülltes Wartezimmer ein. Im Arm einer Frau schrie ein schwarz verbundenes Kind leise auf. Manche von den Leuten standen in stumpfsinnigem Brüten direkt vor der Tür ins Ordinationszimmer, wie bereit, sofort mit höchster Aufregung hineinzuspringen. Andere seufzten auf dem Kanapee, in bequemen Fauteuils saßen sie in unbequemen Haltungen, gelbe Zettelchen in der Hand, vielleicht von einer Krankenkasse. Arnold erkundigte sich, er lief ungeduldig wieder hinaus, jemand sagte ihm: »Ja, bei Doktor Heiger da muß man sich in Geduld fassen«. »Ist er drin?« fragte Arnold. »Ich weiß nicht.« – Was für idiotische fischblütige Leute, sie kamen ihm wie seiner unwürdig vor, er hatte das Gefühl, als errege er hier allgemeines Aufsehn, als schlage er mit Armen und Beinen um sich, obwohl er äußerlich ruhig blieb. – Wie ein Labsal, eine Zuflucht erschien ihm nun die Erinnerung an die Großmutter. Was war es denn eigentlich, was ihn an ihr so entzückte, diesen Bürgern hier so Entgegengesetztes? Ihr Charakter doch nicht? Es fiel ihm ein, daß ihm manche ihrer Eigenschaften an einem andern Menschen förmlich widerlich gewesen wären. Man konnte es auch nicht als Tüchtigkeit oder als Ehrwürdigkeit bezeichnen, als die Weisheit des Alters, nicht so und nicht so. Vielleicht ein Zug von Freiheit, von unbewußter und derber Hoheit? Eine Figur aus dem Alten Testament? Nein auch das wollte nicht ganz stimmen. Und was hätte sie gesagt, wenn er Ähnliches zu ihr selbst geäußert hätte? Was für Augen hätte sie gemacht? Wofür hielt sie eigentlich sich selbst? Dachte sie je darüber nach? Glaubte sie an Gott?… O da war etwas, wofür es in keiner Menschensprache noch ein Wort gab! Er verstand es nicht –, nur dunkel fühlte er, daß sie unterhalb der Zuckungen seines forschenden Verstandes, tief irgendwo in Regionen dunkler Instinkte, Vererbungen, Verwandtschaften ihn wie mit gebietender Stahlhand ergriff und seine Eingeweide in eine neue Ordnung zurechtzerrte. Unklare Pläne stiegen in ihm auf, mit denen seinem ganzen Leben bisher und von hier an ein neuer Sinn zu geben wäre, Funken ins Pulverfaß, ja selbst genaue Entschlüsse für die nächste Zukunft, an die er aber sofort wieder vergaß im Bewußtsein, daß sie ihm auch so unverloren nahe blieben. Im ganzen befand er sich in einem Zustand äußerster Verwirrung und Ordnung zugleich, ähnlich einem guten Schüler vor dem Examen, in dessen Kopf alles gegenwärtig ist und doch nichts faßbar, und dieses nicht Faßbare, nicht Sichtbare wieder nicht in starrer Ruhe, sondern in unaufhörlicher Bewegung wie unter einer dünnen Hülle kreisend und in solcher Menge, daß nichts vortreten kann außer auf einen äußern Anlaß hin, aber dann wird schon das Richtige in Hülle und Fülle aus dem Chaos herausmarschieren, und diese Zuversicht gibt dem dumpfen satten Kopf schon jetzt eine Art von schöpferischer Einheit, wenn er auch vorderhand noch zerstreut andern Dingen nachtaumelt, die er gerade vor sich sieht … In dieser Verfassung starrte unser Mann durch das Fenster in einen benachbarten Garten und nur ganz oberflächlich, ohne daß es seine Seele in der eigentlichen Arbeit störte, kamen ihm Gedanken wie der etwa, daß diese Aussicht nicht sehr schön sei – oder daß das Bild dort an der Zimmerwand »Apollo und die Musen« oder den »Athenäenzug« vorstellen möge, kurz etwas Klassisches und daß es wohl ein Gymnasialkollege dem Doktor gemalt und geschenkt habe, vielleicht als Pfand für ein Darlehn gegeben; denn kaufe ein Landarzt Bilder? Was für Dinge übrigens! Was ging ihn dieses Bild an, die Griechen, die andere Welt, die fremde Kultur … Plötzlich dauerte es ihm zu lange. Er stürzte wieder aus dem Zimmer, in die Küche, gab der Köchin ein Billett für den Doktor und lief weg.… Ein Festzug hielt ihn auf. Was, da gab es ja auch dekorierte Häuser, Musik. Das Schützenfest, ach so! Was für ein naiver Unsinn! Deutlich fühlte er, daß dieses helle, blonde, einfache Treiben nicht seine und seiner Großmutter Welt war. Für Bobenheim hätte das gepaßt. Auch Fahnen hatten sie im Zug, bunte, wirklich komisch … Er suchte durchzukommen. Mit Gewalt drängte er sich in die Menschenmassen wie in etwas Feindliches und war erstaunt, als man ihm höflich Platz machte. Dann fiel ihm ein, daß er sich eine neue Krawatte hatte kaufen wollen, der Großmutter zu Ehren. Er kaufte eine, die violett und blau changierte. Wie wenig hatte er die Frau überhaupt geehrt, nicht einmal etwas mitgebracht aus eigenem Antrieb. Er kaufte beschämt Pfirsiche, Kirschen, Schoten … das alles nur, während im Innern seine Seele nach ganz andern grundlegenderen Dingen suchte … Je mehr er sich aber der Wohnung der Greisin näherte, desto mehr klärten sich seine bis zur Qual verfitzten Ideen, sie senkten sich gleichsam aus den Wolken zur Erde herab, kristallisierten sich und verwandelten sich eben in den steilen Fußpfad und Großmutters Hütte in demselben Augenblick, in dem er an dem eleganten Zweistock vorbei diesen Fußpfad und die Hütte erblickte.
Er stieg die Treppe hinauf und sah dabei flüchtig zur Seite in die Vorderwohnung, wie anständig und rein konnte es also in so einer Hütte aussehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern Gang, wo überall leere rötlich durchscheinende Lagerbierflaschen standen, klopfte ihm das Herz, alles war so anheimelnd und doch unbekannt, so von Zärtlichkeitswolken erfüllt. Er stieß an ein großes umgestürztes Holzschaff, endlich fand er die Türe.
Ein überraschender Anblick bot sich ihm. Drei alte Frauen saßen und standen am Bett der Großmutter und plauderten mit ihr in einem solchen Schwall von Jargon und schlesischem Dialekt, daß nichts zu verstehn war. Sie sah jetzt viel besser aus, das Gesicht war größer, die Wangen in einem natürlichen Rosa, die Falten milder. »Nu, kommste doch, jech hab scho gemant, dü kommst nix mehr.«
Er mußte sich entschuldigen: daß er beim Doktor gewesen war und Obst gekauft hatte. Die Großmutter nahm seine Hand und schaute ihn liebevoll an: »Ganz schön wär's doch, wenn du ach noch dazü e Madele hättst, Regie.« Dabei wandte sie sich, etwas furchtsam, an Arnolds Mutter, die auf dem Kanapee saß. – »Ich dank dir« war die unfreundliche Antwort. Jetzt erst bemerkte Arnold, daß die Mutter rote Augen hatte. Er setzte sich neben sie und erfuhr alles. Natürlich, sie hatten die kurze Zeit, die sie unter vier Augen allein waren, zu einem ausgiebigen Zank benützt. Zuerst war die Großmutter ohne sichtbaren Anlaß, aus sich selbst heraus, in Aufregung geraten, hatte geweint und sie tausendmal um Verzeihung gebeten, sie solle ihr nur, ehe sie sterbe, alles verzeihn, was sie ihr angetan habe. Darüber natürlich war die gute Mama in Rührung und unendliche Tränen geraten. Nach einer Weile, bei einer geringfügigen Sache, die Mama wollte ihr eine Schüssel mit Sand ausreiben, habe die Großmutter wie verrückt geschrien: »Ich waß, du willst, ich soll sterben, und just tu ich dir nicht den Gefallen.« Darauf seien die Freundinnen gekommen … Es sei wirklich nicht mehr auszuhalten … Aber Gott sei Dank, die Sardinenbüchse habe sie über Mittag fast leer gegessen, sie esse eben am liebsten nur, wenn sie allein sei … Arnold tröstete sie, er fühlte eine tiefe Liebe zu dieser netten friedlichen Dame, seinem Mamachen, die in ihrem weichen Herzen alles so ganz anders auffaßte als er selbst, doch zugleich empfand er freilich auch über diesen neuen Vorfall eine schwer erklärliche Freude an der Großmutter, wie an einem seltsamen Naturschauspiel, einem Nordlicht vielleicht. – Und daß sie in diesem Alter noch Freundinnen anzog, jüngere rüstigere Weiber, die von ihr beherrscht, kaum neugierig nach ihm zu blicken wagten, daß ihre enge Stube menschengefüllt war: riß ihn zur Bewunderung hin. Also war sie doch nicht so verlassen. Und nun mahnte sie sogar die drei zum Aufbruch: »Es is Wochenmarkt heunt« und stellte sich damit selbst mitten in ihre Unternehmungen, in das regelmäßige tätige Leben. Gar nichts von einer Ausgedingerin hatte sie, das war schnell zu sehn, gar nichts von der humpelnden lästigen Halbtoten, die sich hinter dem Ofen wärmt.
Die Mutter wollte die drei mit städtischer Höflichkeit hinausbegleiten, knüpfte ein Gespräch an, aber vom Bett her flüsterte es: »Loß se geihn. Gib ihnen ka Tschüwe«, – auch im leisen Reden wurden die betonten Worte gesungen, manchmal mit zwei oder drei verschiedenen Noten gleichsam.
»Also der Doktor kommt gegen fünf Uhr« sagte Arnold, als sie allein waren.
Aber kaum hatte sich die Türe geschlossen, so begann die Großmutter in den erbittertsten Tönen von diesen Frauen zu sprechen, von der einen besonders, die sie soeben noch mit »mei goldene Frau Keller« angeredet hatte. »Verschwarzt soll se gehn« rief sie, auf Arnolds Erkundigungen. Flüchtig erinnerte er sich an seine unwillkürliche Doppelzüngigkeit gegen seine Freunde, der Vergleich mochte wohl nicht zutreffen?… Die Mutter aber war über dieses Benehmen entrüstet: »Schämst du dich nicht.« Aber der alte trockene harte Körper schämte sich nicht, er erklärte im Gegenteil, aufstehn zu wollen, es sei ihm schon ganz gut und das Faulenzen habe keinen Zweck. Als man dies abgewendet hatte, erneuerten sich die Klagen des Vormittags: »Mei Zores, mei Kopf« … »Was für Sorgen« wandte sich die Mama ziemlich derb an die Großmutter »du hast ausgesorgt. Was du brauchst, schicken wir dir. Wenn du mehr willst, mußt du uns nur zwei Worte schreiben. Du hast nichts zu tun als zu essen, zu trinken und spazieren zu gehn.« Ein Projekt kam zur Sprache, das die Großmutter schon einmal vorübergehend gebilligt hatte, nämlich: sie solle ganz zur Frau Fischmann, zu einer der drei Freundinnen übersiedeln, dort zur Miete wohnen. »Die Klafte« schrie sie, daß die Kissen sich bewegten »die rotzedige Klafte!« Nicht herauszubringen, woher dieser Groll sich schrieb. Kurz, sie lehnte es ab, sie geniere sich (dieses Fremdwort brachte sie vor) unter fremden Leuten, einmal wolle sie spät schlafen gehn und einmal bald und einmal nach Bequemlichkeit den Topf benützen und einmal etwas verdienen, mit einem Wort sie wolle selbständig bleiben. Und sie fügte hinzu, wie erdichtend, um ihren Worten mehr Nachdruck zu geben: »Die Fischmann, die is doch gechitzt. Die is doch plem-plem« und fuhr mit der Hand, mit gekrümmten vier Fingern nahe an der eigenen Stirn auf und ab.
Um sie auf andere Gedanken zu bringen, erzählte ihr Arnold, daß er bald nach Berlin fahren werde. Wirklich war einmal die Rede davon gewesen, daß er in ein Konfektionshaus in Berlin als Volontär für ein Jahr eintreten sollte, die steinerne Treppe bei Doktor Heiger hatte ihn wieder daran erinnert. Zugleich aber fiel ihm jetzt im Reden ein, daß er ja in Berlin zugleich diesen von Eisig angebotenen Journalistenposten annehmen könne und, obwohl er das nicht aussprach, verließ ihn der Gedanke nicht mehr. »Gib nur schön acht und sei gesund. Da is ach zü der Hausfrau neilich e Mädel zugezogen aus Wien und nebbich nach e paar Täg is se gestorben.«
Arnold verstand wieder den Zusammenhang nicht, erst später, als von etwas anderem die Rede war, fiel ihm ein, daß »Luftveränderung« das Bindeglied gewesen sein mochte.