Eines Tages erklärte der Vater, das Söhnchen habe nun genug gebummelt – und am nächsten Morgen schon ging Arnold in dem großen Geschäft auf und ab, die Schachteln an den Wänden mit neugierigen Blicken musternd.

Der Abschied von der Universität wurde ihm nicht schwer. Daß aus den allenthalben verzettelten Kollegien nichts Gescheites werden könne, war ihm längst klar geworden. Nun hoffte er, durch eine vollständige Umwandlung seines Lebens, wie sie der Eintritt ins Geschäft bedeutete, sich zu konzentrieren; Dinge, die er nur aus Treue gegen das einmal Begonnene mit Unlust weiterbetrieb, abzuschütteln; ein Mann zu werden. Vielleicht im Geschäft. Doch täuschte er sich da nicht in der Voraussicht, daß der Vater in seinem pedantischen Geschäftseifer keinen wichtigen Teil des Betriebs selbst aus der Hand lassen würde. Zunächst versuchte Arnold allerdings Einfluß zu gewinnen, das Geschäft umzudrehn, da er natürlich sofort, noch ehe er den naturgemäßen Lauf der Sache kannte, schon Umwälzungsideen im Kopf hatte. Aber da war er an den Unrechten gekommen; mit nicht mißzuverstehender Verwunderung wehrte der Alte ab. Und so gewöhnte sich Arnold bald daran, Vormittags im Kontor Bücher seines Geschmacks zu lesen und an Nachmittagen sich überhaupt nicht mehr im Geschäft blicken zu lassen. Auf dem einförmigen Boden des Geschäfts- und Familienlebens wucherten seine Launen nun noch üppiger und bunter als vordem.

Doch stand er bei seinen Eltern nicht minder hoch als bei seinen Freunden im Wert. Schon seit seiner Jugend, da er als »Wunderkind« frühzeitig aufsagen, lesen und schreiben gelernt, hatte sich ein großer Stolz auf ihn in ihren Herzen eingebürgert. Dann war er der Einzige geblieben, und immer lebhaft, bei den Mahlzeiten gesprächig, heiter und ausgelassen, was den Eltern Freude machen mußte. Auch zärtlich wurde er zu angemessenen Zeiten. Sie lobten ihn überall deshalb, in den nahen Familien wurde sein Beispiel als eines hochbegabten Musterknaben im Munde geführt. Einen Zirkel älterer Damen, der sich an regelmäßigen Nachmittagen bei Frau Beer einfand, entzückte er durch sein Klavierspiel. Die Freunde seines Vaters unterhielt er, bei ihren Kartenabenden manchmal, mit den letzten Kuplets, die in seinem Jugendkreise eben aufkamen. Er war der Liebling, die Hoffnung aller. Und Arnold fragte sich vergebens, wodurch er so viel Enthusiasmus erregt haben konnte. Ja es nützte auch gar nichts, wenn er einmal sich vornahm unliebenswürdig zu sein. Ein Besuch kam aus Berlin, eine Geheimratswitwe, schwarzgekleidet, überlaut und temperamentvoll, vor der er in einem fort seine Arme, Beine und Wangen in Sicherheit bringen mußte. Zur Strafe sprach er kein Wort mit ihr, erwiderte ihre mütterlich-verliebten Blicke mit möglichst gleichgiltigen. Es half nichts, einige Tage nachher schickte sie ihm, in einem Brief an Frau Beer, spezielle Grüße, zerschmelzende: »Dem lieben lieben liebenswürdigen Sohn, den ich so schnell liebgewonnen habe.« »Aber warum denn? – Ich hab sie gar nicht liebgewonnen. Ich war doch auch gar nicht lieb zu ihr« fragte er die Mama. »Du hast sie an ihren Sohn erinnert« war die Antwort. Er seufzte, sein guter Ruf war stärker als er … Nur einmal, erinnerte er sich, in frühester Jugend war diese Weihrauchwolke um ihn zerrissen worden – durch die Großmutter, die sonst in Wintertal lebte und nach einer von Spektakeln erfüllten kurzen Besuchszeit dahin wieder abreisen mußte. Sie hatte an allem etwas auszusetzen gefunden, auch ihm einmal einen Stoß vor die Brust gegeben, weil er ihr nicht schnell genug auswich, das wußte er noch genau … Doch da sie als unverträglich bekannt war, man sprach von ihr als von einer »Furie«, dem »bösen Geist der Familie«, tröstete er sich schnell über diesen Mißerfolg und die alte Glorie war bald wieder hergestellt. – Besondere Triumphe feierte er im Musikzimmer der Kurorte. Oder beim Kurkonzert, wo er in Potpourris die neuen, aber auch die altmodischen Opern wie »Zampa«, »Wasserträger« vom weiten erkannte, zum allgemeinen bewundernden Erstaunen, das ihn dann immer mit Abscheu erfüllte. Von solchen Philistern gelobt werden, pfui! Beschämt gestand er sich selbst, daß das nur daher komme, weil er seinen Mund nicht halten könne, immer gleich sagte, was er wußte. Er überlegte eben nicht, vor wem er sprach; jedes Publikum war ihm recht. Dann fiel ihm ein, daß ja wiederum solche Leute in keine andere als eine höchst bewundernde Stellung ihm gegenüber gehörten. Wenngleich er selbst sich für nichts Besonderes halte, diese dürften schon von ihrem Standpunkt aus ruhig es tun, ja sie müßten es, und kniefällig dazu. So mischte sich bei ihm Stolz und Ekelgefühl, Schmeichelei und Überdruß, und diese Mischung beschwingte ihn zwar nicht, doch drückte sie ihn auch nicht nieder, sie wurde seine gewöhnliche Atmosphäre … Von allen Anfechtungen unbesiegt blieb er der charmante junge Mann, der gute Gesellschafter, die Seele des Heims, und selbst der Bruder der Mama, Poldi Goldberg, der als armer Verwandter mit der ganzen Familie zerfallen war, machte ihm gegenüber eine Ausnahme, dankte ihm freundlich auf seinen Gruß … So hätte nicht viel gefehlt, daß er ganz in der Sphäre häuslichen Wohlgefallens eingeschlossen geblieben wäre, in der er so viel Beifall erntete; aber seine Eltern waren zu schwach, um ihn andauernd zu fesseln. Die Mutter eine sanfte Hausfrau, die alles in peinlichster Ordnung hielt, ohne daß man je ein lautes Wort aus ihrem Munde gehört hätte; der Vater mit all seiner nicht unbeträchtlichen Energie im Geschäft, sein einziges Glück »sich zu vergrößern«, daß heißt: den Laden jedes Jahr umzubauen, Wände durchzubrechen, Keller des Nachbarhauses mit seinem Hof zu verbinden oder wegen der Portale mit der Stadt zu prozessieren. Beide waren ordentliche gute gewissenhafte Leute, aber ohne jede Spur von Romantik, beide alt; und so wurde eben Arnold zunächst ins Eisigsche Haus, dann in die Kolonnen seiner Freunde getrieben, wo es so viel Resonanz für sein lautes Geschrei gab.

Sein Kreis hatte sich indessen in den wenigen Jahren nach dem Austritt aus der Hochschule einigermaßen geändert; Arnold wußte selbst nicht recht, wie es gekommen war. Da er nicht mehr in die Vorlesungen ging, hatte er die regelmäßigen Treffpunkte mit einigen verloren. Andere blieben aus, weil er die studentischen Vereine nicht mehr besuchte. Mit Krause, der immer fanatischer das Jüdische herauskehrte und gegen die »Assimilanten« loszog, hatte er sich nach einem Wortwechsel ganz zerschlagen. Dafür war Philipp Eisig nach mehrjährigem Aufenthalt in Amerika wieder aufgetaucht, gänzlich verändert in seinem Äußern, einem eingeborenen Ur-Chicagoer nicht nur in der Kleidung, sondern zum Erstaunen auch in den Gesichtszügen gleich, als hätte das fremde Land ihn von Grund aus umgeboren. Die alte Jugendliebe blühte unverwandelt wieder auf und mit ihr auch das alte Pumpverhältnis. Während nämlich Eisig für die väterliche Firma große Reisen unternahm und jedesmal mit einem dicken Haufen von Banknoten, die er sich angeblich erspart hatte, in die Stadt zurückkam, wurde Arnold für seine kärgliche Betätigung mit einem schmalen Taschengeldchen abgefunden und hatte immer unbefriedigte Bedürfnisse. Eisig stotterte nun auch nur unbedeutend, das hatte er in einer Anstalt drüben sich abgewöhnt, und behauptete überhaupt in allem die Oberhand, mit seiner tiefen mürrischen, aber sehr entschiedenen Stimme, seinem wankenden Korpus, dem sich der breite Kopf nur ungern nachschob, so daß er manchmal in der Luft zurückzubleiben schien, unsicher schwebend. Er hatte jetzt breite Schultern, ein reines Gesicht mit flachem braunem Haar in Wellen, das in der Mitte gescheitelt war, fast wagrechte Augenbrauen, helle mutige Augen, den Mund regelmäßig, die Stirn kindlich. Und dieses neue Gesicht trug er mit derselben Selbstverständlichkeit wie die neue überseeische Tracht, den niedrigen, wie ein weißer Ring ganz zusammenschließenden Kragen, die schön hellgelben Stiefel, die nach vorn in Keulen statt in Spitzen ausliefen. Unter seinem sehr langen Rock – er fiel bis fast ans Knie, ein unscheinbarer Stoff, doch von vollendetem Schnitt – konnte man keine Weste vermuten, eher den Leibgurt eines Trappers oder Patronenreihen. Und ebenso bequem wallten die Hosen herab, oben breit, am Fußgelenk schmal, wallten wie Fahnen im Wind und man hatte das Gefühl, darunter müsse gleich das Fleisch nackt und gesund sich regen. So zog er mit Arnold durch die Nachtlokale der Stadt, von denen keines ihm wüst genug war, und statt diesen alltäglichen Dingen zuzuschauen, gab er lieber selbst einen Tanz zum Besten, einen lustigen Niggertanz, der ihm lauten Beifall eintrug. Da trappelte er mit kleinen Schritten, fast auf demselben Fleck, während die Arme aufwärts schwebten, sein Kopf sich langsam senkte, wie um den immer schnelleren Schritten immer genauer zuzusehn; dann warf sich der Kopf wieder empor, während die Füße abwechselnd im Cakewalk mit Spitze oder Absatz aufklopften; dann waren in die Hände plötzlich fremdartige Matrosenbewegungen gefahren, sie hoben ruckweise ein Tau oder sie schleuderten es unsichtbar in den Saal; zum Schluß glitten die Beine aus, ganz steif fiel der Körper hin, lag schon ganz schief dem Boden nah, hupfte aber unvermutet wieder gerade in die Höhe … Der Clown verwandelt sich in einen Gentleman, der, die Hände in den Taschen, ohne Lächeln, ja mit trüben Augen an seinen Tisch sich zurückbegab, den Applaus überhaupt nicht hörend. Er beklagte sich darüber, daß es hier kein starkes Bier gebe. Er probierte die schwersten dunklen Sorten. Nichts. Er hatte sich eben, Gott verdamme es, an Ale gewöhnt … Arnold war entzückt von solchen Kraftausbrüchen. Nun ließ er sich von Philipp in die Gesellschaft anderer Geschäftsleute und junger Börsengrößen führen, die Nachmittags in matten Glaszellen, hinten in einem großen Kaffeehause, an kleinen grünen Tischchen Karten spielten. Bald beteiligte sich Arnold, verbrachte mit dem größten Eifer Stunden um Stunden mit Mischen, Abheben und Aufschlagen, mit den lustigen Zwischenreden dabei, die überlaut klangen, weil sie kurz waren, fühlte sich gemütlich und doch kampflustig in den Hemdärmeln, schloß sich von keiner noch so gewagten Kombination aus. Er verliebte sich ganz in die schlechte aufregende Kaffeeluft; gab es keinen Tarock, so las er nächtelang Zeitungen. Alle Kellner kannten ihn schon und schütteten gleich Stöße von Tagesblättern neben ihn auf das Plüschsopha, wenn er sich niedersetzte. Eisig starrte neben ihm in die Luft oder malte Zahlen auf den Tisch, wie es überhaupt seine Art war, sich lange Weilen schweigsamen Berechnungen hinzugeben, über die er nie etwas Näheres verlautete, die aber den Eindruck von Verwicklung und oft auch Ärgerlichkeit machten, nach seinen dicken Falten auf der Stirn zu schließen. Oft kam auch Lambert und die Bummelclique ins Kaffeehaus, Arnold wunderte sich, wie bekannt Eisig mit allen war … Diese Art von Geselligkeit nahm ihn nun fast vollständig in Anspruch; dazu noch Bobenheims Ruderklub, dann Söhne von Geschäftsfreunden, die sich ihm nach und nach angeschlossen hatten, jeder mit irgend einer Passion, sei es Okkultismus oder Weiber oder Jagden, und die Arnold natürlich in der gewohnten Weise regierte. In Börsekreisen lernte er damals auch den jungen Walder Nornepygge kennen, einen Chemiker, der sich erfolgreich mit Erfindungen und Börsenspekulation befaßte. Die gemeinsamen Freunde, die das Zusammentreffen der beiden arrangiert hatten, waren überzeugt, daß die beiden so ähnlichen Charaktere, beide so tätig und so vielseitig, einander schnell verstehn würden. Doch unerwarteterweise stießen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge äußerte später, daß er Arnold roh gefunden habe, und Arnold nannte den andern im vertrauten Kreise »einen eingebildeten melancholischen Narren«. Überdies, so setzte er fort, habe er keine Zeit und Lust zu neuen Bekanntschaften. Und wirklich war er immer noch außerordentlich beschäftigt, in Anspruch genommen, und davon war noch lange keine Rede, daß er endlich einmal Zeit zu seinen eigenen Arbeiten gefunden hätte. Schon die paar Stunden im Geschäft, nicht viele, aber regelmäßig einzuhalten, nicht nach Belieben zu schwänzen wie die Universität, fielen ihm lästig, behinderten ihn aller Ende. Im Geschäft machte er übrigens bald gar nichts mehr, auch für sich nichts, schon der bloße Gedanke, daß er dort Gelegenheit habe, allein zu sein und seine innere Tüchtigkeit und wirkliche Arbeitskraft also zu erproben, reizte und verdroß ihn, – daß dies gewissermaßen ein Prüfstein sein könnte. Er erfand also allerlei Ausreden, wie den Lärm und die unziemliche Örtlichkeit, und nur in Briefen raffte er sich dazu auf, nebst schmetternden und daher eigentlich glanzvollen Klagen über den jetzigen Zustand baldige Änderungen in Aussicht zu stellen. Und im Anschluß an diese leeren Vormittagsstunden floß der ganze Tag wie von selbst schnell und lustig dahin, ohne daß Arnold jemals das ausgeführt hätte, was ihm im Sinne lag. »Ja, stärker wie Löschpapier bin ich eben nicht« seufzte er manchmal, in humoristischer und doch selbstanklägerischer Weise … Im ganzen war sein Umgang jetzt um einiges weniger geistig als vorher, doch er selbst war genau derselbe geblieben, immer tätig und befeuernd, auch mit großer Behaglichkeit, wenn er unter Menschen war; immer auf dem Sprung, sich in ein neues Abenteuer zu werfen, immer unterwegs, im Wagen oder zu Fuß, wie er sich denn auch eine eigene, besonders schnelle Gangart angewöhnte, mit weit gespreizten Beinen, um den vielfachen Rendezvous halbwegs zu genügen – und da hatte die Mutter gut sagen: »Kleine Schritte machen, Arnold, kleine Schritte.« Sie fand nämlich, daß seine schöne aufrechte Statur unter diesem Galoppieren litt … Welches Vergnügen fand er nun, beispielsweise, daran, eine regnerische Abendstunde bei seinem Schneider zu verbringen, in der hübschen und wohlgeheizten Probierstube, die eng wurde durch allseits anrückende Stellagen, behangen mit Röcken und Hosen. Lässig an den Pult gelehnt sah er dem alten Herrn zu, der mit geübter Hand die scharfe Kante seiner Talgkreide, dieser angenehm-klebrigen gelblichen Fläche, über die Stoffe wandern ließ und dann eine Schere – sie war so schwer, daß sie bei jedem Schnitt herabzusinken schien – die schnell geschwungenen Linien entlang in das Dunkel der hingebreiteten Stofflagen führte. Arnold bewunderte ihn, wie jede ausgezeichnete Tüchtigkeit, aufs innigste. Und dann kamen so viele Bekannte hin, um sich Maß nehmen zu lassen oder zu probieren wie er, man plauderte, der Schneider erzählte die neuesten Anekdoten, empfing neue von den Kunden dafür, es war ein heiteres erbauliches Stelldichein, in dem man doch immer durch den Anblick des Chefs, der bei aller Artigkeit und allen Scherzen eifrig sein ruhiges Geschäft weiter besorgte, vor dem Gedanken völligen Faulenzens, wie etwa im Kaffeehaus, bewahrt blieb. Man ging auf und ab, setzte sich auf die roten Holzsophas, die mit ihren dünnen Stäbchen (wie Möbel beim Photographen) einen zerbrechlichen Eindruck machten, stellte sich in Gruppen oder wandte sich in einer zierlichen Langweile ab, um ein Modegruppenbild an der Wand zum hundertstenmal zu studieren, über die Ideen und möglichen Beziehungen dieser Leute zu einander nachzudenken, die doch nur jeder wegen eines andern Kleidungsschnittes auf dasselbe Blatt gemalt waren, also im Grunde ebenso zufällig und ohne innern Trieb beisammen wie die wirklichen Menschen in diesem Raum; plötzlich aber lachte man auf über einen Witz, der hinter dem Rücken einem andern erzählt wurde, schwang sich wieder zu ihnen herum, fühlte wieder einen wärmenden menschlichen Zusammenhang in der beinahe starren Brust. O diese leisen Stimmen, das feine Kommen und Gehn über Teppiche hin, die gebeugten Köpfe, von denen der schöne Hut sich entfernt, diese Blicke, still und verbindlich, mit denen ein geeigneter Platz für den Schirm im Schirmständer gesucht wird, o diese Wunder einer zivilisierten Gegenwart, einer vornehmen reichen Stadt, diese laue Luftströmung unserer gefühlvollen Höflichkeiten! Und dazu klatschte der Regen an die Scheiben, es war nicht ratsam fortzugehn, man sah hinaus auf die belebte Gasse mit eilenden Menschen, deren Schirme im Wechsel der Beleuchtung sich unaufhörlich zu drehn schienen und wie schwarzes Glas funkelten, und in die gelberleuchteten Auslagen gegenüber, die mit all ihrer Pracht im Kot zu zerfließen drohten …

Arnold liebte jetzt solche Orte, an denen man viele Leute sah und Anregung hatte. Er besuchte alle Bälle, die Rennbahnen, die Tennisturniere. Ohne irgendwo als Mittelpunkt aufzufallen, eignete er sich schnell die entsprechenden Umgangsformen und Gewohnheiten an, entwickelte dann in ihrem Rahmen einen solchen Enthusiasmus, eine solche lustige Unbekümmertheit, daß stets ein Kreis bedürftiger und weniger erfinderischer Köpfe ihm Gefolgschaft leistete. Der harmlose Leichtsinn, mit dem er alles mitmachte, hatte von außen gesehn etwas Sympathisches, und graue würdevolle Herren klopften ihm manchmal auf die Schulter als einer Zierde und Hoffnung der Stadt, erfreut über sein frisches Gesicht, das gesunde Aussehn, die flotte Konversation, sie machten träumerische Augen, als dächten sie an ihre Jugend, als hätten sie eine Erinnerung ihm mitzuteilen, gerade ihm: daß sie früher mal es auch so getrieben, ach lange lange vorbei –, als unterdrückten sie eben das alles, um ihn nicht aufzuhalten und weil das ja keinen Zweck habe. Das alles lag manchmal in solch einem anerkennenden Auf-die-Schulter-Klopfen, mit dem sie ihn zugleich wegschoben, wieder in das Fest hinein … Arnold kannte bald alle wichtigeren Personen der Stadt, mehr oder weniger flüchtig. Einigen Spaßvögeln gegenüber, die ihm besonders gefielen und die ihn nicht minder schätzten, hatte er die Gewohnheit angenommen, sich gegenseitig in scheinbarer Rührung um den Hals zu fallen, so oft sie einander trafen. Dabei begleitete ihn immer noch der Ruf besonderer Bildung, besonderer Begabung; und wenn er hie und da ein kleines Klatsch- und Unterhaltungsfeuilleton im lokalen Blatt veröffentlichte, gleich hieß es: »Sie sind aber fleißig! Wo nehmen Sie nur all die Zeit her?« und neidisch fast: »Na, ich gratuliere.« Er erschrak immer bei so billigem Lob, fand aber zugleich etwas Angenehmes dabei, wie Betäubung, wie Halbschlaf. Selbst dachte er immer unlieber über sich nach. »Ich bin halt eine Fernwirkung« stellte er bei sich fest »von fern schaut's nach was aus, was ich treibe. Aber wenn man's näher anschaut …« Nun näherte er sich bald dem Dreißigerjahr und eigentlich hatte er noch immer keine irgendwie begründete Lebensstellung, frettete sich so im Nebenberuf als Anhängsel seines Vaters durch, dessen Geschäft er ja später einmal erben würde – ja, aber eben so sicher auch ruinieren. Seine einzige Hoffnung, sein Rückzug gleichsam auf sich selbst, war in dieser Zeit – nichts anderes als seine Markensammlung, die er auf Lamberts Rat und mit dessen Vermittlung durch beträchtliche Ankäufe vermehrte. Die gedachte er gelegentlich vorteilhaft loszuschlagen, nach Senff besaß sie jetzt schon einen Wert von fünfzehntausend Mark, und mit dem auf diese Art selbstverdienten kleinen Kapital wollte er sodann etwas Selbständiges und Ehrenvolles beginnen, in irgend einem fremden Land, eine Buchdruckerei in Amerika vielleicht, endlich einmal Ruhe und wirkliche Unternehmungsfreude haben. Liebevoll pflegte er also diese Sammlung, mit großem Ernst schrieb er alljährlich in kleinen Bleistiftziffern den erfreulich steigenden Wert unter jede Marke; wobei er sich natürlich nicht verhehlte, daß der wirkliche Verkaufswert kaum mehr als die Hälfte des angegebenen Katalogwerts ausmachte. Aber auch er hatte ja die Marken nicht teurer als zum halben Wert gekauft, noch dazu bei niedrigeren Preisen, gegen diese Art von Kapitalsanlage war also nichts einzuwenden. Und mochte auch der Vater diese ganze Sammlerei als dumme Verschwendung, als hinausgeworfenes Geld beschimpfen, Arnold konnte mit gutem Recht einwenden: »Und wo wäre das Geld, wenn ich es nicht für Marken ausgegeben hätte? Ich hätte es für andere Dinge ausgegeben und jetzt hätte ich gar nichts davon.« »Und was hast du jetzt davon! Großartig! Du meinst doch nicht, daß dir irgendwer für die Papierl etwas gibt?« Arnold bestand darauf, daß Marken ein Wert wie jeder andere sei. »Aber die Zinsen?« jammerte der Vater, in die Enge getrieben. Arnold lachte ihn aus: »Vierzig Knöpfe jährlich!« und wußte überhaupt für jeden Grund Gegengründe in Masse, da war er ja in seinem Element. –

Einmal vertrat ihm Eisig den Weg, dessen Gewohnheit es war, von der Seite plötzlich heranzukommen und mit der ganzen Masse seines Leibes sich dem Angeredeten in den Weg zu stellen: »Du, was sagst du zu Blériot?«

Es war die Zeit, in der die Aviatik ihre ersten Erfolge zum Staunen der ganzen Welt errang. Die Brüder Wright hatten sich mit ihren Apparaten in beträchtliche Höhen erhoben, Zeppelin war mit seiner ersten Reise glücklich gewesen, Blériot hatte den Ärmelkanal überflogen … Eisig, der eben von einer Tour aus Frankreich kam, wußte Wunderdinge zu erzählen. Er hatte zum ersten Mal Aeroplane gesehn, ja es war so weit gekommen, daß er einmal in Reims, als man in die Restauration von der Gasse hereinrief, draußen fliege eben ein Luftschiff über die Stadt hin, gar nicht vom Tisch aufgestanden war, so sehr war er an diesen Anblick schon gewohnt. Er hatte auch bereits ein Projekt: man müsse Blériot einmal in der Heimatstadt fliegen lassen, wenn nicht ihn, so doch wenigstens einen Schüler. Das koste nicht viel und man könne damit ein gutes Geschäft machen.

Arnold wäre nicht er selbst gewesen, wenn ihn die Neuheit dieser Idee nicht sofort gepackt hätte. Er geriet in Entzückung, beschwor den Freund um nähere Einzelheiten. Wie sehe so ein Aeroplan aus? Wie ein Vogel? Sei er groß, so groß wie die Gasse, größer, nein kleiner? Eisig antwortete, mit seiner tiefen Stimme, der die Langsamkeit der Aussprache stets einen Beiklang von Verdrossenheit gab, und damit kontrastierte merkwürdig genug die Zielbewußtheit, die List, die aus den Worten selbst sprach. Auch war sein Hals kurz und dick, beinahe null, so daß das dicke Kinn an die Brust stieß, und wollte er einmal lauter reden, ein Wort besonders betonen, so hob er nicht den Kopf, sondern senkte, um den Mund besser zu öffnen, mit fauler Miene das Kinn noch mehr, so daß es sich in Falten und mehreren Lagen über einander über die Kravatte hin ausbreitete. Für Arnold hatte dieses Stockende, Langsame, ihm so Entgegensetzte von jeher einen besondern Reiz gehabt Heute bezauberte es ihn so, daß er einen Vereinsabend des »Bürgerklubs« ausließ, obwohl er dort neulich als jüngstes Mitglied in den Ausschuß gewählt worden war. Er nachtmahlte mit Eisig im »Schweizer Keller« und schon zwischen Vorspeise und Braten war der Plan fertig: ein Konsortium zu bilden, zwecks Veranstaltung des ersten hiesigen Schaufluges.

Am nächsten Nachmittag konstituierte man sich. Eisig hatte noch einige Herren mitgebracht, von denen Arnold nur Lambert näher kannte. Es wurden sofort Listen angelegt, um die reichsten Mitbürger zu einem Garantiefond heranzuziehn. Man mußte nun von einem zum andern fahren, ihm die Wichtigkeit, kulturelle und andere, des Unternehmens vorhalten, den sichern Gewinn, mußte die Regierung einladen, das Militär. Arnold überlegte gerade für sich, daß er sich da wieder in eine hübsch zeitraubende Geschichte verwickelt habe; da schlug Eisig vor, ihn zum Obmann zu wählen. Es geschah mit freudiger Akklamation.

Unser Held hatte, wiewohl er sich darüber nicht klar war, im Grunde nichts anderes erwartet; pflegte er sich selbst doch manchmal in ironischer Laune den »geborenen Vereinsobmann« zu nennen. Wie vielen Ballkomitees, wie vielen Versammlungen hatte er schon präsidiert!… Nun rannte er in die Sache gleich mit dem frischesten, und doch gleichsam auch schon geübten Anlauf hinein. Zunächst die Presse. Man beherrschte sie durch Gottfried Eisig und da machte Arnold doch noch einmal eine Anleihe bei seiner ehemaligen jugendlich-gegenstandslosen Beredsamkeit, indem er gänzlich ohne Fachkenntnis, nur aus ein paar andern Zeitungsartikeln und dem Rest der Gymnasialbildung einen neuen Artikel zusammenkochte, und was für einen strahlenden, über die »Eroberung der Luft«. Er begann mit Ikarus, selbstverständlich, widmete sich in aller Kürze den Brüdern Montgolfier, wobei die drei in die Gondel mitgenommenen Tiere zu leichthumoristischer Wirkung gelangten, entfaltete sich behaglich über das Los der unglücklichen Erfinder von ehemals, über das Unmögliche und unmöglich Scheinende (Quadratur des Zirkels, Stein der Weisen, Röntgenstrahlen, drahtlose Telegraphie), gewann allgemach Donnerkräfte, besang in sparsamer Daten-Melodie, aber mit einer Begleitung rauschender vollgriffiger Begeisterungs-Akkorde die letzten Fortschritte der Menschheit, wobei einige Impressionen Eisigs zu geschickter Wirkung kamen, schüttete nun, oben angelangt, fast ohne Atem, wie aus einem Füllhorn auf die staunenden Heimatsgenossen die Verheißung nieder, daß man derartiges vielleicht bald auch in allernächster Nähe zu sehen bekommen werde, gipfelte aber klugerweise nicht in diesem Effekt, sondern in einer kurzen farblosen Bemerkung über die Flugwoche in Brescia. – An anderer Stelle des Blattes wurden sachlich die Namen der Arrangeure und ihr Programm bekannt gegeben. Anfragen und Nachrichten an die Adresse: Arnold Beer u. s. f.