Sie lächelte und nickte: »Par Renommée! Ich war einige Jahre bei Grünbaum, bei der jüngeren Schwester des Herrn Technikers Grünbaum. Da hat man so oft von Ihnen geredet und immer nur das beste …«
Etwas, was nicht oft geschah: Arnold wurde verlegen, errötete sogar ein wenig. Er konnte sich im Augenblick absolut nicht vorstellen, welches Gute denn die Schwester Grünbaums mit ihrer Gouvernante von ihm gesprochen haben dürfte … Als müsse er so unverdientes Lob abwehren, stotterte er: »Dafür treffen Sie mich jetzt in einer Situation …«
»O nein, ich bewundere Sie ja – wie Sie sich auch noch mit Kindern abgeben können, ein so beschäftigter Mann …«
»Ja, ich treibe viel unnützes Zeug,« seufzte er.
»Unnütz? O wer dürfte das sagen. Im Gegenteil …« Sie stockte, und Arnold fand es grausam süß, sie bei diesem Wort, das sie jetzt schon zweimal in der kurzen Weile gebraucht hatte, ein wenig zappeln zu lassen. Endlich fuhr sie fort: »Was Sie leisten, davon erzählt ja die ganze Stadt.«
»Was man erzählt, das ist nicht immer wahr.«
»Sie sind zu bescheiden, Herr Beer, ich habe es ja auch selbst gesehn … nur in den letzten Tagen zum Beispiel …«
»Das war ein hübscher Oberleutnant neulich … was?«
»Wollen Sie mich auslachen?« Sie machte ein beinah beleidigtes Gesicht, mit gerunzelter Stirn, doch etwas störte die Wirkung des Gekränkt-Aussehens: die Wichtigkeit und der durch nichts geforderte, allzu liebevolle Ernst, mit dem sie das Folgende erklärte: »Sie meinen, daß ich auf buntes Tuch fliege? O nein, das imponiert mir gar nicht …«
»So, so …« Arnold schüttelte den Kopf. Obwohl ihn diese Beobachtung wenig interessierte, fand er bei sich, daß das Fräulein allerdings so aussehe, wie er sich im allgemeinen Frauen oder Geliebte von Offizieren vorstellte. Sie war groß, blondhaarig, eine »Fernwirkung«. Ihr starker, doch nicht mehr als anmutig geschwellter Busen zog die Blicke auf sich. Im Gesicht aber lag eine eigentümliche Disharmonie. Arnold durchforschte es, kam jedoch zu keiner Erklärung dieses Eindrucks … Dabei hatte er sich langsam neben dem Mädchen, das den Knaben an der Hand führte, in Bewegung gesetzt. Er redete etwas vom Militär, ganz unklare Dinge, denen ein aufmerksames Lauschen seitens der Dame begegnete. Er wußte kaum, was er sprach. Vielmehr war er einzig damit beschäftigt, unter dem Vorwande, daß er die Mütze des Knaben studierte – der Knabe ging zwischen ihm und dem Fräulein – zu bemerken, wie bei jedem Schritte des Knaben über dem roten Bummerl der Mütze die schöne weibliche Hüftenrundung im blauen Rock auftauchte und wie eine Welle wieder versank, er sah das mit jenem Anflug willenloser Schläfrigkeit, die den Beginn sinnlicher Erregungen zu begleiten pflegt. Dabei hörte ein Widerstand, eine Art von Ekel, nicht auf, sich in seinem Innern fühlbar zu machen. Plötzlich hatte der Widerstand gesiegt, Arnold wachte auf, und begann nun die Scheinbeschäftigung mit dem Knaben in eine wirkliche umzuwandeln. Er brach mitten im Satz ab, neigte sich wieder, und während sie durch den Wald weiter dem Kurörtchen zuschritten, kitzelte er das Kind links am Ohr, indes er sich rechts von ihm hielt. Gerhart sah zum Fräulein auf. Nun zupfte ihn Arnold geschwind am rechten Ohr und schaute sofort in die Luft. Der Knabe aber verstand schon den Witz und drehte sich mit wütendem Gelächter gegen Arnold, um ihn ins Knie zu boxen. »Wirst du nicht unartig sein!« ermahnte die Bonne und wollte ihm in die Hand fallen. Inzwischen hatte aber auch Arnold eine Abwehrbewegung gemacht und so trafen sich vor seinem Bein plötzlich die drei Hände. Die des Kindes löste sich gleich wieder los, um mit aller Gewalt auf Arnolds zweites ungeschütztes Knie loszuschlagen; aber die Finger des Fräuleins und Arnolds blieben fest beisammen, verschlangen sich einen Augenblick lang ineinander, während auch ihre Blicke offen ineinander tauchten. Beide waren still; eine herrliche Gelegenheit für den kleinen Rangen, mit beiden Fäusten auf Arnolds Knie sich der Rache hinzugeben. Und er trommelte, bis Arnold mit gleichgültigem, gar nicht mehr kinderfreundlichem Schub ihn abschüttelte …