(Gedeckte schattige Veranda vor dem Wirtshaus, eine weinumrankte Gatterwand mit rotbraunen Stangen schließt gegen das Freie ab. In der Mitte der Wand öffnet sich der breite Eingang, von dem mehrere Stufen auf den belebten und sonnigen Platz einer großen Stadt hinabführen. Viele Menschen gehen vorbei. Gebäude, Gassen, Reklamesäulen . . .
Rechts und links von der Türe je ein gedeckter Tisch. Links in der Ecke ein altes Klavier. Über der Türe Symbol und Name des Wirtshauses. An dem Tisch rechts spielen drei Herren, die nichts zu tun haben, in Hemdsärmeln Karten. Es ist ein heißer Nachmittag im Sommer.)
OROSMIN (erscheint auf dem Platz, er wendet sich um, ersteigt dann geradeaus mit großen Schritten die Stufen, auf der obersten bleibt er wieder stehn, halb dem Platz zurückgewendet, von der Sonne noch beschienen, an der Grenze des Schattens, — er nimmt seinen kleinen Strohhut vom Kopf und streckt die Hand, in der er ihn hält, weit aus, wie veranlaßt durch ein tiefes Einatmen, in ruhiger Begeisterung. Dann läßt er sie, gleichsam ausatmend, sinken, der Hut berührt mit Geräusch sein Knie, das er vorgebogen hat.
Die drei Herren blicken auf.)
EINER VON IHNEN (bewundert Orosmin):
Ein Prachtkerl! — (Sie spielen weiter.)
OROSMIN (hat sie nicht gehört. Er tritt ein, indem er grüßend den Kopf gegen den leeren Tisch links neigt . . . Er nimmt einen Sessel neben dem Eingang und setzt sich so, daß er den Platz im Auge behält.
Er spricht mit harmonischer Stimme, langem Atem, nicht leise):
Jetzt bin ich konzentriert. Hier! — Ich überblicke von hier aus den Platz, ich sehe die Gasse, die den Eingang zu ihrem Haus enthält. Es kann mir also nicht entgehn, wenn die Liebe aus dem Haus tritt. Ich werde ihre Schritte verfolgen können, mit denen sie sich mir nähert. Ich weiß es — denn es ist schon einigemal geschehn —, daß sie an jenem Brunnen noch jenseits des Gedränges zum erstenmal sich umschaun wird, um mich zu suchen und um auch auszuforschen, ob kein Störenfried in der Nähe ist. Ob sie heute kommen wird? Es ist nicht sicher. Uns halten so viele Hindernisse voneinander weg. Oft besucht man sie gerade, wenn sie schon mit erhobenen Händen zu mir läuft. Oft verlangt die Mutter schnelle Botengänge, der Vater von ihr, sie solle mit ihrer ausgezeichneten Schrift eine Nota kopieren. Nur eines ist gewiß. Sie liebt mich ebenso innig und treu wie ich sie liebe. Ihr Herz kennt keine Verstellung, keinen Verrat. Mutwillig läßt sie mich nicht warten, und wenn ich manchmal spät abends ungetaner Dinge von hier wegschleichen muß, so weiß ich, es geschieht wider ihren Willen mit derselben Kraft wie gegen den meinen . . . Oh, welch ein Glück ist solch eine gegenseitig erwiderte Leidenschaft!
(Pause. Die Kartenspieler lachen über einen Zwischenfall in ihrer Partie.
Der Wirt und seine Tochter kommen von rechts, wo das Wirtshauszimmer und die Küche gedacht sind.)
DER WIRT:
Marie, hier ist er schon wieder . . .
MARIE: