KLÜGRIAN:

Das ist es, was der Künstler braucht. Sich lebendig fühlen im großen Maschinenhaus, nicht zwecklos, nicht ausgeschaltet aus dem Wirtschaftsorganismus, Werte erzeugen, Werte beziehn . . . Das ist der moderne Mensch, die großzügige Gesinnung kriegt ihr anders nicht heraus . . . Oder meinst du, wenn ich um Hungerlohn in Paris die Fußböden der Kneipen wusch, das hat meinem Schaffen genützt; das war wirklich Paris für mich? Oder Kunstreich konnte ins Herz der Welt dringen, so lange er in seinem Kleinstadtwinkel halb verbauert saß . . .

KUNSTREICH:

Das ist wahr. Aber . . . (wagt es) was hat es mir am Ende geschadet . . . Ich war glücklich und ruhig an der Staffelei.

KLÜGRIAN (grob):

Davon verstehst du nichts. Male und überlaß mir das Nachdenken . . . O wie heftig fühle ich die Wahrheit meiner Theorie, wie bin ich jetzt entschlossen, erleuchtet. Das galt doch immer als ausgemacht unter uns: Die Theorie ist meine Angelegenheit, — du, Kunstreich, bist die manuelle Begabung der Gruppe — verzeih, wenn ich es so ausdrücke — ein Rokokopoet hätte es zierlicher gesagt . . . na, und Orosmin, du gabst nebst aller Tüchtigkeit das Geld her, du hast viel geopfert, dein Vater auch. Aber was konntet ihr schließlich, kleine Landjunker . . . verzeih . . . Jetzt aber, du Säule aus Gold, du Glückskind . . . (stößt ihn ironisch an) du Höfling . . . (gleich wieder ernst). Nein, im Ernst, es gilt klug zu sein. Die Gelegenheit zu packen. Mögen auch vielleicht die Motive des Fürsten nicht die lautersten sein, mag er wenig von dem Eigentlichen verstehn, was du willst, was wir wollen, ja, mag er lediglich von dem praktischen Zweck geleitet sein, deinem Vater für gute Bewirtung und Schaden einen Gegendienst zu erweisen — einerlei, seiner Politik setzen wir unsere Politik entgegen . . . Heutzutage in der Zeit des allgemeinen Kapitalismus, braucht auch der Künstler kein lyrisches Herz dort, wo den andern nur Portemonnaies sitzen. Wir sind gleichfalls vernünftig, diplomatisch . . . Denk an Shaw . . . Wir nehmen ihn beim Wort, wir nehmen den Prinzen, wir packen ein und fahren nach Ägypten zuerst, dann nach Indien, Japan. Das heißt: du fährst. Denke nur, was du alles sehn wirst. Und wenn du dann zurückkommst, diese Umstürze! Aber die Reise geht ja nur dich an, da rede ich nur in deinem Namen . . . O Gott, wie wird das alles an dir vorbeispritzen, flüchtig, aber silbern, das ist ein Gewinn fürs ganze Leben. In Expreßzügen wirst du manchmal entlangschlendern, und plötzlich im Dunkel zwischen zwei Waggons, an jener Stelle, wo rechts und links harte, faltige, rauchige Tuchwände absperren, wo die verbundenen Eisenplatten unter deinen Füßen zittern, — urplötzlich wird es dich befremden, dein traumhaftes Glück, du wirst den Abstand nicht ermessen können zwischen deiner trüben Vergangenheit und diesem Glanz! Oder nachts an Grenzstationen, wenn du zur Verzollung in die kalte Luft aussteigen mußt, am Zug hingehst und ein Frauengesicht halb-deutlich, halb-mürrisch dich anlächelt, hinter dem Fenster im verdunkelten Coupée, ein Gesicht, das du jetzt ansiehst, dem zu Liebe du während des Zugaufenthalts einigemal an eben diesem Coupée auf- und abgehst — und du weißt, daß du ihm im Leben nie mehr begegnen wirst, du würdest es ja nicht erkennen. O dieses Mysterium! Und die unbekannten Berge ringsum, das rauhe Land, der sanftgewölbte Sandstreifen zwischen den Gleisen, die Rufe der Kondukteure. Himmel, was für Empfindungen, was für Melancholien! Mensch, eine Welt tut sich vor dir auf — und du schweigst —.

OROSMIN:

Das alles hört sich sehr hübsch an . . .

KLÜGRIAN:

Hübsch . . . du klingst matt . . . Ich bin ja so glücklich. Aus Entzücken, aus reiner Freude rede ich von all diesen Dingen. Dieser Umschwung in unserem Leben ist etwas so Wichtiges, daß man von ihm aus alle Dinge neu betrachten muß, gleichsam zum erstenmal . . .