Das Erlebnis, das mich in diese abschüssige Bahn gestipst hat, war nur sehr einfach:

Ich wollte einmal Italienisch lernen und kaufte mir deshalb eine rühmenswerte Grammatik »Parla ella italiano?« samt angefügten Konversationsübungen.

Bei diesen Gesprächen stockte ich, las immer langsamer und wie hingegeben: »Ich habe recht gut geschlafen« – »Das freut mich sehr« – »Es freut mich, Sie wohl zu sehen« – »Befindet sich Ihre ganze Familie wohl?« – und immer gieriger wurde ich da, immer weniger interessierte mich die Übersetzung ins Italienische, bis ich schließlich einsah, daß der Inhalt mir Vergnügen machte, die spannende Handlung, und nicht mehr das nützliche Sprach-Erlernen. In meiner Vorstellung kamen ganz deutlich Zimmer, Gartenwege, Bäche, über die hinweg die Gutsnachbarn miteinander Unterhaltung führen. Mehr und mehr erregt erkannte ich Situationen, die Haltung und die Vorgeschichte. Schließlich im Weiterlesen wußte ich, daß diese Dialoge eine dramatische Wirkung auf mich hatten und demnach bestimmt waren, in meinem leeren Herzen Ersatz zu sein für alle Theaterstücke, an denen ich damals gerade die Lust verloren hatte ...

Wie eindeutig und, hat man diese eine Deutung ein für allemal in sich, wie klanglos spielen sich die Szenen der üblichen Dichter ab. Einige Leidenschaften, schon seit langem veraltet, einige Lächerlichkeiten mit weinerlichem Glanz erfüllen die Bühnen Europas ... Schön natürlich sind die Kulissen, die Ballette, die Ausstattungsstücke, schön für immer und unerschöpflich, weil diese Unerschöpflichkeit in uns liegt. Was soll man aber dazu sagen, wenn immer noch Heerführer überredet, Frauen verführt, Söhne verflucht werden. Solche Gespräche, akkurat eingeklemmt zwischen die handelnden Personen wie ein Hals in die Aussparung der Guillotine, wollen mich nicht glücklich machen.

Dagegen Luft in bester Menge geben die Dialoge meines Konversationsbuches. Da finden sich tragische: »Was gibt es für Neuigkeiten?« – »Ich weiß nichts.« – »Was wünschen Sie, daß ich tun soll?« – »Ich beschwöre Sie, es zu tun« ... Anmutig pastorale wie der ganze Abschnitt über das Wetter und über Ausflüge ... Derbkomische: »Haben Sie Mäuse in Ihrem Hotelzimmer?« – »Nein, aber meines Oheims Freund wird eine Falle kaufen« ... Auch das Tempo wechselt; überstürzte, gleichgültige, gezogene Partien lassen sich unterscheiden ... Die Charaktere treten vor, wechseln aber in jeder Zeile beinahe, wie dies bei komplizierten Naturen nicht überraschen kann. Fast nie wird eine Angelegenheit ganz erledigt. Man respektiert die Chiffre, das Halbverschwiegene. So haben diese Sätze, ungewiß woher gesprochen und wohin, und dennoch ganz sicher gesprochen, den fast mystischen Reiz und die wirksame Undeutlichkeit diophantischer Gleichungen, in denen zwei Variable eine konstante Beziehung bewahren ... Ich sehe es voraus, daß man in Zukunft nur solchen Schattenspielen gestatten wird, die Phantasie in Wallung zu bringen.

Ideen für Ausstattungsstücke

Ich habe beständig Einfälle, von denen ich wohl annehmen darf, daß sie einem Regisseur ganz hübsch zugute kämen. Immerhin sehe ich ein, daß unsre Zeit für diese Einfälle noch nicht reif ist, und deshalb vermeide ich es, besondere Sorgfalt auf ihre Ausarbeitung zu verwenden. Kunterbunt, so wie sie mir durch den Kopf marschieren, seien sie hier aufgezeichnet, und manche werden wohl eher nur der Anfang eines Einfalles als Einfälle genannt werden. Tut nichts; sollen sich die mit ihnen Mühe geben, die später von ihnen profitieren wollen! Ordnung in diese unreifen, halb ausgereiften Pläne bringen: das ist meine Sache nicht. Möge man nur deshalb nicht das Ganze für einen Scherz halten ...

Also ich ertappe mich oft dabei, im Theater, bei langweiligen Szenen (und das sind so viele!), daß ich schon gar nicht mehr auf das klangreiche und doch wieder so klanglose Gerede aufpasse – sondern plötzlich habe ich, beispielsweise, die Lehne eines glattpolierten Alt-Wiener Sessels auf der Bühne ins Auge gefaßt und amüsiere mich damit, ein Pünktchen des grünlich durchs Fenster einfallenden Mondes auf dieser Lehne zu verfolgen. Wie es behaglich da festsitzt und aus sich heraus strahlt, als eine Filiale des Mondes, dieses Pünkterl, ja als ein Mond für sich. Und mit jener Leichtigkeit, die ätherischen Dingen eigen ist, rutscht es das harte, glatte Holz entlang, ohne eine Spur von Sentimentalität, von Heimweh nach der frühern Ansiedlung, falls eine der Bühnenfiguren eben diesen Sessel in die Hand nimmt. Ist das nicht interessanter als das ganze Drama? Der grüne Punkt, die Blüte des Mondes, entfaltet sich auf einmal und bedeckt den Seidensitz des Sessels eiligst und doch so zart, daß keine Dame der Welt mit einer auch nur annähernden Grazie so in diesem Sessel Platz nehmen könnte ... Und hieraus entspringt mein Vorschlag. Man führe keine Handlungen auf, sondern einfach Szenen aus dem Leben der Dinge. Der Vorhang geht auf. Man sieht ein kahles Zimmer, einen kahlen Tisch, auf dem Tisch brennt in einfachem Leuchter eine Kerze. Das Fenster ist geöffnet, ein Nachtwind kommt herein. Die Kerze flackert, erhebt sich, sie kämpft, sie wirft Lichter die Wand hinauf und hinab, sie wird schwächer, es war aber nur eine List von ihr, gleich darauf brennt sie in voller Leuchtkraft, glänzend, aber auch dies war nur Schein, sie hat sich erschöpft, sie glimmt nur, atemlos zittert das Publikum, der Wind verstärkt sich, wie zum Hohn entfacht er sie, galvanisiert gleichsam die Leiche, sie erlischt – und das vollkommene Dunkel des Zimmers nun, in dem nicht einmal die schwarze Fensteröffnung sich abhebt, unterscheidet sich vom schwächsten Glimmen viel mehr als dieses Glimmen von der hellsten Helligkeit. Diese Einsicht erschüttert jedermanns Herz ... Ja, ich würde mit dem Luxus der Ausstattungsstücke gründlich aufräumen. Nichts habe ich im Kopf als lauter Reformen. Keine Ballette, keine exotischen, hängenden Gärten, keine venezianischen Serenaden! Ich würde das Publikum zum Genuß des Details erziehen, der verachteten groben Umgebung. So hat man ja auch früher gemeint, man könne Stilleben nicht anders malen als mit üppig getriebenen Pokalen, über Prunkteppiche hingebreiteten Hasen, Rehen und Auerhähnen, den Strecken ganzer fürstlichen Jagden, den Weinernten Italiens, mit schwellenden Pfirsichen und Guirlanden süßester Rosen. Bis Cézanne auf einen Bauerntisch neben einen Krug ein Laib Brot legte und das schöner oder ebenso schön war wie die verschwenderischen Holländer. So habe ich auch bei Bernheim ein Wunderbild des van Gogh gesehen, es stellte vor: einen rohen Sessel, der die ganze Fläche der Leinwand einnimmt, und auf dem Sitz steht eine brennende Kerze. Zu gestehen, daß ich diesem Bilde die Inspiration zu der obigen Kerzen-Tragödie verdanke, hieße, die Schlußkraft, das literarische Feingefühl und das Ahnungsvermögen meiner Leser beleidigen.

Schön wäre auch ein Zyklus: Schreibtische. Der des Ministers, des Direktors, des Professors, des Dichters, des staatlich angestellten Diurnisten, der Schreibtisch eines »höhern Wesens«, eines eleganten Fräuleins, eines Gelangweilten ... Der Vorhang geht auf. Man sieht, was man sieht. Schluß. Keine Erklärungen, kein überflüssiger Lärm. Eine Katze schleicht zwischen stürmisch beschriebenen Papieren, und man weiß, es handelt sich um den Dichter. Ich selbst übrigens fürchte mich vor Katzen. Aber natürlich wäre auf individuelle Abweichungen hier keine Rücksicht zu nehmen.

Das Butterbrotpapier, nach dem gleichnamigen Gedicht von Christian Morgenstern, dramatisiert, gäbe eine weitere prächtige Bereicherung des Repertoires.