Was für Sätze, was für Satzneubildungen und unbewußtes Glück! »Ich wohne sehr nett in einem, es kommt mir vor, hochgelegenen Turmzimmer.« Oder: »Er wolle, fand es Tobler für passend zu sagen, nicht hoffen, daß es soweit komme.« Ohne Arg und doch mit großer Schlauheit und doch im Herzen ohne Arg wird mit der deutschen Syntax hübsch gewirtschaftet. Gehäufte Verba geben einen halb-komischen, ganz-entzückenden Effekt: »... daß ich jederzeit dasjenige zu leisten imstande sein werde, was Sie glauben werden, von mir verlangen zu dürfen.« Oder alte Phrasen werden mit einem neuen oder recht abgebrauchten Adjektiv kuriert: »Die Berge am Ufer waren in dem Dunst, den der vollendet schöne Tag über den See verbreitete usf.« »Zeitungen solchen Schwunges und Charakters schossen ... an die erstaunte und erfreute Öffentlichkeit.« Analog zu »Ins Reine Schreiben« wird neu geschaffen: »Ins Mehrfache Schreiben.« – Ist es möglich, einer tausendjährigen Sprache so neue gezwungen-ungezwungene Töne abzulisten, die von nun an nicht mehr verstummen werden?! Wer in solchen neuen Stilerfindungen nicht das größte literarische Tun unserer Zeit sieht, von dem kann man getrost sagen, daß er von dem Wesen der Literatur noch nie eine Ahnung in der Seele verspürt hat.
Über die Schweizer Provinzialismen bei Walser und ihre Schönheit denke man sich einen selbstverständlichen Absatz hier eingeschoben.
Ebenso über seinen scheinbar sorglosen, dennoch sehr bedachten und doch im Tiefsten blumenhafte frische Sorglosigkeit aushauchenden Szenenaufbau.
Seine Gesinnung erkläre ich mir gleichfalls dreischichtig. Eine leicht erkennbare Aristokratie im Wesen (»Warum ist Armut eine solche Schande? Ich weiß es nicht. Meine Eltern sind wohlhabend. Papa hat Wagen und Pferde.«); man würde aber irren, wollte man die durch solche leichtfertige, absichtlich leichtfertige Reden als deren Widerlegung deutlich durchschimmernde soziale Mitleidsgesinnung als die wahre auffassen. Noch tiefer vielmehr stößt man wieder auf etwas sehr Nobles, Feinorganisiertes, Sich-Abschließendes – und wundervoll ist es, wenn Walser manchmal durch einen einzigen Satz den Leser zwingt, alle drei Standpunkte mit ihm zu durchlaufen. »Es wurde nach und nach bei den Frauen Mode, und zwar bei den sogenannten bessern, nämlich bei solchen, die nicht gar so streng zu arbeiten brauchten, den Tag über, und das gerade sind ja die Besseren ...« Man suche sich das Richtige aus!
Es ist in dem labend komplizierten Wesen dieses Dichters gelegen, daß er vielartige Figuren von solcher Vollständigkeit ihres Gehabens und Wirkens gestalten kann und nicht im Relief, nein rund, komplett. Er braucht nur seines eigenen Wesens Züge zu isolieren, aus sich herauszustellen ... Da erscheint in mehrfachen Varianten die schöne, stattliche Frau aus patrizischem Bürgerhaus, der der Hochmut so gut steht, der man gern dient. Immer trägt sie Federn auf dem Hut ... Da erscheint der junge Mann, bald Schüler, bald Kommis, bald Gehilfe, der es in keinem Beruf lange aushält. Das Heroische und die Kunst leben in ihm, hübsch verwickelt mit kleineren Begierden wie z. B. einer kräftigen Eßlust. Die Liebe zum Bruder, der als Ideal vorschwebt, wird oft gezeigt. »Geschwister Tanner« gar ist die Geschichte einer in sich zusammenhaltenden, ganz bunten und doch durch einen edlen Familienzug angeglichenen Kette von Geschwistern. In ihrem Familienstolz zeigt sich wieder der Aristokrat. Nur das Feine, Ebenbürtige gefällt ihnen. Am liebsten würden sie in einer märchenhaften Welt von Schönheit leben, wie sie Karl Walser zierlich aufzuzeichnen weiß; und ebenso wird im Buche »Der Gehilfe« gern geträumt, in der guten Art Gottfried Kellers etwa, ausführlich im Schlaf, oder wachend vom »Ritterfräulein in Samtrock und ledernen Handschuhen.« Doch – und das ist das Dreischichtige, Vielschichtige, Ungezähltschichtige meinetwegen – in demselben Buche spielt auch die kleine »verschuggte« Silvi ihre wichtige Rolle, und allnächtlich »pißt sie ins Bett«. Was ich damit sagen will: Die Feinheit Walsers hat durchaus nichts Ästhetelndes, mir so verhaßt Wienerisches! Fritz Kocher, dessen Aufsatzheft mit den Worten »Der Mensch ist ein feinfühliges Wesen« beginnt, sagt so schön, wie er den »Lehrer in der Schulstube« beschreibt: »Hin und wieder kratzt er sich wollüstig in den Haaren. Ich weiß, welche Wollust es ist, sich in den Haaren zu kratzen. Dadurch reizt man das Denken unendlich. Es sieht allerdings nicht besonders schön aus, aber item, es kann nicht alles schön aussehen.«
Das ist nun Walsers lieblichster Frohsinn; er steht, obwohl poetischeren Zeiten entsprossen, fest in unserer unpoetischen Gegenwart. Er liebt sie, er macht sie poetisch. Er hält einfach ihre Ekelhaftigkeiten aus – der gesunde schöne Körper »fähig, Anstrengungen und Entbehrungen zu ertragen«, das ist die gute Basis, die er allen seinen Helden gibt. Ihr Lachen ist ein ins Akustische umgewandelter solcher Gesundkörper. Allen Mädchen müssen sie wohlgefallen, und das freut diese jungen Herren selbstverständlich ... In ihrer guten Laune gefällt ihnen selbst alles. Sie finden sich zum Erstaunen mühelos in der Welt zurecht. Der liebe verschwenderische, scheinbar so gar nicht ins 20. Jahrhundert passende Herr Tobler, Erfinder der genial unpraktischen Reklameuhr und des Schützenautomaten, wird sich schließlich – so eröffnet uns die abschließende Voraussicht des Romans –, wenn er den Gläubigern seine »brillante« Villa am Seeufer räumen muß, auch in der engen Stadt »in einem billigen Quartier« recht wohl fühlen. »Man gewöhnt sich an alles ...« Von einer versinkenden Weltanschauung, von überlebten Stimmungen ist in der obersten Schicht dieser Bücher viel die Rede (»Man bedauerte das Zeitalter, das sich gezwungen sah, mit Menschen von des Melkers Veranlagung derart kleinlich und mißverständlich verfahren«, so heißt es von dem derben Naturburschen im Polizeigefängnis, der noch das Blut der »stolzen und unbändigen Ahnen des Landes« hat und dafür, d. h. für Raufhändel, bestraft wird), aber im Innersten der Bücher lebt schon eine tüchtige Anpassung an die Neuzeit, an Industrie und alles, was man will. Der Gesunde wendet sich eben von nichts ab. »Ich liebe und verehre Tatsachen.« Oberste Schicht mag bei Walser Romantik oder Ironie der Romantik sein, zuunterst liegt tapferster freundlich-ausgesponnenster Positivismus: »Nichts kann mich so tief aufregen wie der Anblick und der Geruch des Guten und Rechtschaffenen. Etwas Gemeines und Böses ist bald ausempfunden, aber aus etwas Bravem und Edlem klug zu werden, das ist so schwer und doch zugleich so reizvoll. Nein, die Laster interessieren mich viel, viel weniger wie die Tugenden.« – Hier, wenn irgendwo, finde ich den neuen Ton, die Romantik unserer letzten, arkadisch-gegenwärtigen Strömung, endlich, endlich die Reaktion auf Nietzsche, die Freiheit, die Entspannung der Seele. Deshalb die Fülle der Eingebungen bei Walser, als hätte er das Dichten überhaupt erfunden.
... Was für Einfälle: diese Musterschule »Benjamenta« mit ihrem so intelligenten, so unermüdlich vom Dichter belobten und doch unterirdisch von ihm mißachteten Vorzugsschüler, dieser Brief, der mit »Geachtete Frau« beginnt, oder der betrunkene Wirsich, dieses Mitleidige, Mitleidslose, Mitleidsindifferente usf. usf. ... Es ist wirklich unmöglich, diesen Dichter nach Gebühr zu loben. Ich kann meine verliebte Freude über seine Existenz in Kurzem nicht mehr anders ausdrücken als indem ich die Namen seinen bisheutigen Bücher mit meiner schönsten Schrift ins Manuskript kalligraphiere: »Gedichte« – »Fritz Kochers Aufsätze« – »Geschwister Tanner« – »Der Gehilfe« – »Jakob von Gunten« – Aufsätze.
Verworrene Nebengedanken
Will man in Paris seinen Winterrock weghängen, so nähert sich ein Vollmond aus Holz oder ein ungeschlachter Messingbügel, so daß man über die Geringfügigkeit der heimatlichen Aufhängeösen in Verzweiflung ausbricht. Man steht da und wartet, bis man ein Französchen herantanzen sieht, das sein Kleidungsstück an dem Bügel nicht aufhängt, sondern wie über den Rücken einer geliebten Dame umhüllend anlegt. Also so geht es, man hat hier keine Ösen, und dadurch behält das Kleid vielleicht wirklich besser seine angeborene Gestalt als in unsrer Strangulierung ... O Fremdartigkeit! Diese Gassen, Wildbächen ähnlich, die zu den Boulevards dunkel herabstürzen, die Häuser, die entwurzelten umgestürzten Baumstämmen gleichen, mit ihren emporgestreckten Rauchfängen, die zweistöckigen Omnibusse, Löwen auf Elefanten reitend, und diese zart gewellten Wasserläufe in der Gosse, so benachbart den verschwenderisch im Freien ausgebreiteten Stoffen und Hüten und Backwaren zum Verkauf, alles beseelt vom Takte desselben Wirrwarrs ... Mit allem ging es mir so. Und auch wenn ich im Vaudevilletheater abends die Polaire tanzen sah – ihr Mund ist groß, ihre Nase groß und zudem rot geschminkt, die Augen eines Gassenmädchens und der Tanz einer göttlich zu verehrenden Spanierin – o, ihre Hände zittern, die Finger wie die dünnsten Äste im Frühlingswind, ihr Haar verlernt den Weg den Nacken hinab und fällt begehrlich, als hebe es Röckchen, über Stirn und Mund, die magern Schultern scheinen Befruchtung zu verlangen und die Schenkel sind dick – auch da noch blieb mir das Gefühl: Anders als bei uns ... Immer dieses ›bei uns‹, wieviel Stolz liegt darin, wieviel Ekel schon deshalb, weil es sich immer wiederholt, wieviel Mißtrauen, weil man nicht sagen kann ›bei mir‹, wieviel Heuchelei, weil man ein einheitliches Gefühl statt dieser Zusammensetzung empfinden möchte. Und gar im Odéon, wenn bei erleuchtetem Zuschauerraum die Schlösser in den Logentüren knacken, wenn Gallipaux auf der matten Bühne sein Äffchen hin und her zieht, dann es weinend begräbt, dann aus schrägem Sessel und Tisch eine kaum stabile Ruhestätte für sich herstellt, hingeworfen die Beine hebt, mit den Händen flattert, durch ungestüme Bewegungen uns in Angst versetzt, wie bei Akrobatentricks und so, ja in dieser Siestalage gerade, den Traum jedes Parisers anhebt: ein Schloß besitzen, die Freunde zu sich einladen – auf fünfzehn Tage nur ... O, wie nah war ich der französischen Literatur in Prag, wie fern bin ich ihr in Paris! Und dabei ist dieses Theaterstück in acht Bildern wirklich von Edmond de Goncourt, den ich in so vielen Artikeln besungen habe, ist die ›Manette Salomon‹ – und ich glaubte von Prag aus immer, diesen Dichter gegen ein Pariser Publikum in Schutz nehmen zu müssen ... indessen wird hier bei Stellen gelacht, deren Worte mir wie Rauch um die Ohren gehen. Gänzlich als Ausländer also wandre ich zum Théâtre du Châtelet, während aus jedem der unsichtbaren Briefkästen, von jedem zinkenen Schenktisch mit seinen farbigen Fläschchen und Siphons Hohn mir entgegenschlägt und im Nebel die zwerghaften Tischplattenkreise vor den Kaffeehäusern, in ihren Ringen aus Metall, die winzigen Strohsesselchen, die Zuckerstückchen wie weiße Särge, die fremden Semmeln, die Brotwürste über mich hinstürzen. Noch im Gedränge der Stiege bin ich bedrängt, aber da bemerke ich schon befreundete Klavierauszüge. Schau, ein junger Mann zeigt neben mir, während ich mich setze, seiner Freundin eine schöne Stelle, hinter mir an der Säule diskutiert man die Instrumentation. Oben auf der Galerie pfeift Italien, schlägt die Stöcke gleichmäßig auf den Boden, schickt Papierpfeile zu uns herab und klatscht Beifall. Das kenne ich schon ... Aber nun still. Der Dirigent Pierné ist aufgetreten, den ich nur aus einem schlechten Violinschlager kenne. Ist da Hoffnung?... Aber still. Man wird mir ja ›Fausts Verdammnis‹ von Berlioz vorspielen. Sein Grab hab' ich auf dem Montmartre oben gesehen, mit Blumen bekränzt, wie leuchten die Namen der Werke aus dem Stein, und oben ist in einzelnen Buchstaben aus Eisen sein Name zwischen Feuerpfeilen aufgestellt, das erinnert schon wieder an die Reklameaufschriften des Skating-Ring und Moulin Rouge, nur die elektrischen Glühlämpchen fehlen ... Aber still! Und nun setzt die Viola mit ihren stillen Tönen ein. Und auf einmal bin ich in irgendeiner meiner lieben Landschaften Böhmens ... nein, nicht in Böhmen, in Ungarn doch, denn bald wird der Rakoczimarsch donnern ... nein, bei Frankfurt irgendwo, denn das deutsche Schäferlied erklingt ... o nein, o nein, meine Lieben, jetzt hat das alles ein Ende. Zu Boden nieder mit all den kleinen Gedanken. Wir sind im Lande der Begeisterung, ohne Geographie, wir taumeln in einem aus Schmerz und Schmerzlosigkeit innig vermischten, in dem süßesten Gefühl der vereinigten Menschlichkeit. Kleine Pariserin neben mir, bist du still geworden? Kein Parfüm mehr, keine Seide, nichts? Nur diese Chöre, die Glocken, die Harfen, die reinen Stimmen, die entschwebenden Dreiklänge des heiligen Osterfeiertags. O Gott, möge doch meine Seele sich ergießen, möge ich würdig dieser Töne werden ... Komponisten, die in ihren Werken manchmal Bläser hinter der Bühne spielen lassen, sollten bedenken, daß es immer einen merkwürdigen Eindruck macht, wenn diese Bläser dann nachher wieder sich hereinschleichen durch die Sitzreihen der andern, wie Leute, die zu spät ins Theater kommen. Das ist ein Übelstand. Es müßten da vielleicht Spieler verwendet werden, die im Orchester gar nichts zu tun haben. Sie bleiben draußen, rätselhafte Stimmen der Wände ... Aber die Wände mußten ja auch diesmal mittönen, mitsprechen, mithören – denn wäre es möglich, daß so viel Begeisterung aus nur natürlichen Instrumenten quillt an nur natürliche Ohren? Nein, gewiß, dieses Fest war über alle Gesetze hinaus beseligend. Ich verzeihe es Pierné, nein, ich bitte ihm ab, als hätte ich seine Romanze geschrieben: so herrlich hat er dirigiert. Und alle die guten Leute im Orchester, Félia Litvinne als Gretchen, Laffitte als Faust, und so fort. Und die lieben Zuhörer, die alles noch einmal hören wollten. Es war ein Erfolg, ein Erfolg. Und nun wüßte ich diesen Aufsatz nicht besser als mit dem Kopf des Programms zu schließen: Hundertundsiebenundsechzigste und unwiderruflich letzte Aufführung in dieser Saison. Hundertundsiebenundsechzigste Aufführung des ›Faust‹ in dieser Saison! Was ich schon oft gesagt habe: ich finde, daß man in Deutschland Berlioz vernachlässigt. Reinhardt sollte diese Oper inszenieren. Nedbal sollte seinen Stolz darin sehen, sie ganz zu dirigieren, nicht herausgehackte Stücklein. Doch nein, auch wenn sie niemand hört, niemand spielt, diese Musik bleibt mein, bleibt mir aus meinem unfranzösischen Herzen hervorgewachsen wie das Korallenriff aus dem schwankenden Meer herauf. O, mehr als nur ganz Paris würde ich vergessen, wenn diese gerissene gebrüllte Teufelsserenade mich antanzt – aber ich freue mich, daß man applaudiert, das nebenbei – man ist nicht allein auf der Welt, glücklicherweise – ich freue mich, daß Goethe, Shakespeare, Berlioz in dieser langen Melodie vereinigt sind, drei Nationen reichen einander die Hand und schöner als auf dem Titelblatt der Unterrichtsbriefe zum Selbststudium, System Toussaint-Langenscheidt. Ich freue mich, ich erlebe eine meiner Ekstasen. Ist die Musik international etwa? Daß ich hier mitten unter Fremdartigem mich plötzlich an die weiche Kante meines heimatlichen Klaviers gedrückt fühle; weich, weil das Taschentuch auf ihr liegt, in das ich weine? Niemand wird hoffentlich eine Antwort auf diese unsinnige Frage erwarten. Und doch, als Zeichen meiner Begeisterung, als Wiehern gleichsam sei sie notiert. Noch etwas: daß der Tanz der Irrlichter so langsam, mit würdigem Leichtsinn, mit schneidender Lustigkeit gedehnter, fast fauler Menuette vor sich geht, erst zum Schluß ein Reigen mit geworfenen Händen und Haaren – das ist es eben, das Genie, langsam war das zu komponieren, nicht wie hergebracht: in schnellem Funkeln ... Doch nun ist es genug. Wir treten auf die Gasse. Uns umgibt die frische Pariser Gebirgsluft, doch eine lange Weile noch träumen wir von Heimat, Liebe und süßer Musik, bis eine Reihe dunkler Bogenlampen uns den Elektrizitätsstreik hier in Erinnerung ruft. Und darüber die ziehenden glänzenden Wolken mit polierten Fingernagelrändern, »wie bei uns«, oder ein wenig anders.