Schon bei Biscaya hatte ich meine Schleppnetze ausgepackt. Aber lange wollte kein passendes Wetter zum Fischen kommen. Ich verlor die Geduld, und als wir eines Tages kaum eine Meile per Stunde machten, während die See noch ziemlich hoch ging, wagte ich den ersten Versuch.

Nach fünf Minuten war mein Netz abgerissen und verloren. Ich hatte den Fehler begangen, dem fachmännischen Urtheil des Kapitäns mehr zu glauben als es verdiente. Der Kapitän, gerade in guter Laune und beseelt von dem Wunsch, mit mir in gutem Einvernehmen zu leben, unterstützte mich in meinen zoologischen Bemühungen, so sehr sie ihm innerlich auch zuwider sein mussten. Ich legte ihm mein Netz, einen einfachen Sack aus sehr starkem Strammin an einem verzinkten eisernen Ring von ein halb Meter Durchmesser, und die Leine, welche den Ring an drei Strippen hielt, zur Prüfung vor und frug ihn, ob diese wohl den herrschenden Seegang aushalten würde. Er lachte über meine Besorgniss, und ich warf das Netz über Bord. Wie sehr staunte ich, als ich den gewaltigen Zug fühlte, den dieser kleine Körper dem Wasser entgegensetzte. Das Schiffshintertheil stampfte in Schwingungen von etwa drei Meter Bogenlänge auf und nieder, und jedesmal wenn es sich erhob, spannte sich die Leine bis zum Platzen, so dass ich sie kaum mehr halten konnte und ein gutes Stück auslassen und festschlingen musste, um rasch wieder einzuziehen sowie wir wieder hinabtauchten. Ein Dutzend mal hatte ich dieses beschwerliche und ermüdende Manöver vollzogen, da kam eine etwas gröbere Aufwärtsbewegung, ein leichter Knall, und ich hatte die leere Leine in der Hand, das Netz, noch etliche Sekunden hell durch das Dunkelblau der hinten hinwegrollenden Wogen schimmernd, verschwand in die Tiefe.

Von nun an war ich vorsichtiger, folgte mehr meinem eigenen Urtheil, nahm eine stärkere, gut fingerdicke Leine, und versuchte nur bei ganz ruhiger See zu fischen, wenn wir keine schnellere Fahrt als höchstens vier Knoten machten. Schon bei drei Knoten war Ein Mann allein kaum im Stande, das Netz wieder einzuziehen, und man musste immer dabei bleiben und loslassen wenn ein stärkerer Windstoss kam. Es musste dann überhaupt ziemlich viel Leine ausgesteckt werden, sonst fing das Netz, wenn es zu kurz gehalten war, an, über die Oberfläche des Wassers hinwegzutanzen, ohne etwas zu fangen. Ein grosser Missstand war, dass die Baumwollefäden des Strammins aufquollen, wodurch die Maschen verengt wurden und zu viel Widerstand boten. Ich würde deshalb in künftigen Fällen ein Geflecht aus anderem Material vorziehen.

Eines der ersten Thiere, welches mir aufstiess und mich im höchsten Grad überraschte, war ein Insekt, Halobates, ein Wassertreter, ganz ähnlich dem sehr gemeinen Hydrometra, der in unseren Teichen und Sümpfen mit gespreizten Beinen ruckweise auf dem Wasser spazieren geht. Ein Wassertreter, ein so kleines und zartes Wesen, mitten auf dem Ozean über die Wellen schreitend! Von den Kapverden bis einige Grade südlich vom Aequator an der brasilianischen Küste fand ich allenthalben dieses interessante, muthige Thierchen, und es fehlte fast nie im Netz. Noch weiter südlich wurde das Wetter auf lange Zeit zu unruhig, um das Fischen zu gestatten, und im Indischen Ozean erschien es nicht wieder.

Ich hatte sogar das Glück, Halobateseier in jedem Stadium, die ganze Entwickelungsgeschichte des Thierchens, zu erwischen. Im Netz fing sich häufig aller mögliche Unrath vom Schiffe mit, und einmal fand ich auch eine Vogelfeder darin, die sehr gebraucht aussah, so dass ich im Anfang dachte, einer unserer Passagiere habe damit seine Pfeife gereinigt und sie dann über Bord geworfen. Bei näherer Betrachtung aber entdeckte ich, dass sie mit einem hellen Schleim überzogen war, in dem röthliche bis schwärzliche Körperchen steckten. Ich legte einen Theil davon unter das Mikroskop, und siehe da, die Körperchen waren fötale Halobatesindividuen, vom nahezu unentwickelten Ei bis zum vollständig ausgebildeten, sich bereits lebhaft bewegenden Thier von Stecknadelkopfgrösse, das ebenso wie sein Süsswasserbruder bei uns keine Metamorphose durchmacht. Leider ist mir gerade jenes Spiritusglas, in welchem ich die kostbare Feder verwahrte, später in Neuseeland, während ich einige Wochen abwesend war, zerbrochen worden. Ich habe sie zwar abermals in Spiritus gesetzt und nach Hause gebracht, aber als einmal vertrocknet wird das Präparat kaum mehr zu brauchen sein.

Nicht minder merkwürdig, wenn auch minder überraschend, da sie nicht unerwartet kamen, waren mir die Pteropoden, jene eigenthümlich gestalteten Schnecken, welche in den frühen Morgenstunden schaarenweise an die Meeresoberfläche emporzusteigen pflegen, um mit dem Erscheinen des Tages wieder in die Tiefe zu tauchen. Doch fing ich deren auch an trüben Nachmittagen und nie mehr als ein Dutzend auf einmal.

Man darf sich unter diesen »Flügelfüssern« keine Schnecken im gewöhnlichen Sinn des Wortes vorstellen. Ihre Gehäuse, sofern sie überhaupt eines besitzen und nicht ganz nackt sind, haben die verschiedensten Formen, nur keine Schneckenform, sie sind bald glashelle, bald wie Emaille glänzende, braun bis bläulich gefärbte Düten, einfach oder mit 3 bis 4 Stacheln besetzt, glattgewölbt oder kantig, drehrund oder plattgedrückt, mit einer freien oder lippenartig zusammengepressten Oeffnung, aus welcher die Thiere blos ihren zu förmlichen Flügeln oder Flossen umgebildeten Fuss strecken, um damit im Wasser herumzuflattern ähnlich eben flügge gewordenen Vögeln. Wenn ich sie aus dem Netz in einen Glastopf oder in meine weisse Waschschüssel setzte, lagen sie erst wie betäubt einige Minuten regungslos auf dem Grunde. Viele wurden, wahrscheinlich durch die im Netz erlittene Quetschung getödtet, nicht wieder lebendig, andere aber fingen bald an, langsam und allmälig aus dem Gehäuse ihre Flügel herauszustrecken und leise sie auf und nieder zu heben. Bei den meisten blieb es bei diesen schwachen Versuchen, in die Höhe zu fliegen. Einige jedoch, weniger bedeutend verletzt, bewegten sich immer rascher, stiessen sich ab vom Boden, stiegen, emsig flatternd, ruckweise immer höher, bis sie zuletzt an der Oberfläche des Gefässes herumhüpften, nach einigen Sekunden, wie um auszuruhen, wieder hinabsinkend und dann das Aufwärtsstreben von Neuem beginnend.

Es gewährte mir ein unschätzbares Vergnügen, diese kleinen kaum zentimeterlangen Geschöpfe zu beobachten, und ganze Nächte fischte ich oft, durchsuchte mit der Blendlaterne mühselig das Netz und besah meine Beute drunten auf dem Tisch der Kajüte beim Lampenlicht. Wie paradox klingt es, von Schnecken zu hören, die im Wasser herumflattern gleich jungen Vögeln, die ihre ersten Fliegversuche machen. Später auf der Viti-Insel Kandavu sollte ich noch eine Muschel von 3 Zentimeter Länge kennen lernen, die ebenfalls im Glase stossweise herumfuhr, so dass ich sie anfänglich für einen zweischaligen Krebs hielt. Es war eine Lima.

Auch Janthinen fing ich zuweilen, aber immer nur junge, nicht ausgewachsene Individuen. Es sind dies jene bekannten pelagischen Schnecken mit zartem blauem Gehäuse, welche sich aus Luftblasen, die sie durch eine schleimartige Absonderung zusammenkleben, einen Schwimmapparat bereiten. Dieser Schwimmapparat, der auf den ersten Blick aussieht, wie ein Häufchen Schaum und an der stets nach oben gerichteten Bauchseite des Thieres sitzt, ist merkwürdig widerstandsunfähig. Geht er verloren, so sinkt die Schnecke unter und kann die Meeresoberfläche nicht wieder erreichen. Bei allen Janthinen, die ich fing, war derselbe durch den Zug des Netzes mehr oder minder verletzt. Einige fielen in der Schüssel zu Boden und lagen regungslos und in die Schale zurückgezogen unten, ohne einen Versuch zu machen, in die Höhe zu kommen. Andere aber, deren Schwimmapparat sie noch trug, gingen sogleich daran, ihn auszubessern. Mit dem vorderen lappenartig verlängerten Theil ihres Bauchfusses griffen sie aus dem Wasser heraus in die Luft, umfassten wie mit einem Schöpflöffel einen Lufttropfen und drückten ihn an den noch vorhandenen Schaum. Zogen sie den Fuss dann wieder zurück, um dieselbe Bewegung zu wiederholen, so war eine neue Blase angefügt. So schöpften sie Blase um Blase aus der Luft, alle 5 oder 10 Sekunden eine.

Ich würde bedenklich scheitern, wollte ich alle die Lebensformen zu beschreiben versuchen, die oft ein einziger Zug des Netzes mir vor Augen brachte. Wie wimmelte es oft in der Waschschüssel oder im Glastopf von Krustern, Salpen und Quallen, kein Thier länger als höchstens drei Zentimeter. Namentlich erstere lieferten die grösste Anzahl an Individuen und manchmal auch an Arten. Blaue Zyklops- und Gammarusartige Krebse schossen kreuz und quer stürmisch herum, kleine röthliche Garneelen mit grünlich leuchtenden Augen zogen, an einander geklammert, rastlos ihre Kreise, winzige Krabben von Erbsengrösse mit komisch glotzenden unverhältnissmässigen Augen krabbelten bedächtig am Boden, und vollkommen durchsichtig und glashell, nur durch den leichten Schatten, den sie warfen, erkennbar, schlichen gespensterhaft groteske Phyllosomen, die Jugend des Palinurus, oder die seltenere Kaprella durch das Gesindel der gemeinen Verwandten. Man musste rasch nach dem Werthvolleren sich umsehen und es retten. Denn die Garneelen und Zyklopoiden verschonten nichts, und kaum lag ein Fischchen oder eine Salpe todt auf dem Grunde, so hingen sie auch schon dutzendweise daran und frassen. Und hat so ein nichtsnutziger kleiner Krebs einmal etwas erfasst, so lässt er nicht mehr los, und alles Herumstossen und Zerren ist vergeblich.