Offen gestanden, ich ging nur mit Widerstreben hin, weil ich musste. Ich war so übersatt von der ewigen Bombasterei, von all den Lobpreisungen und all dem Geschrei im Styl der Menageriebudenbesitzer. Ich hatte schon so viel schlechtes erbärmliches Zeug gesehen, was sich centennial nannte, Centennial Akrobates, Centennial Minstrels und Centennial Dancers, hatte in San Francisco eine Centennial Hose gekauft, die eine Woche später in Chicago aus dem Leim ging, und in Buffalo ein paar Centennial Schuhe, deren Sohlen an den Felsen des Niagarafalles zurückblieben, hatte verschiedene Centennial Dinners zu mir genommen, und auf der ganzen Reise so viel saueres Centennial Bier getrunken, und war überdies von so vielen lümmelhaften Centennial Vergnügungsreisenden gerempelt und auf die Füsse getreten worden, dass man es mir nicht verübeln kann, wenn ich ein kleines Vorurtheil gegen das Wort hatte.
Ich ging aber dennoch pflichtschuldigst hin nach Philadelphia und betrachtete Alles in drei Tagen und war sehr zufrieden, als ich wieder nach New York zurückkehren durfte. Ich hatte mir fest vorgenommen, mir nicht imponiren zu lassen, und in Folge davon imponirte mir auch nichts in der ganzen Ausstellung.
Das berühmte »Billig und schlecht« brauchte ich zum Glück nicht erst hier schätzen zu lernen. Wieder sah ich mit Entsetzen verschiedene Bilder, die ich schon in Berlin und in Hamburg vor Jahresfrist mit Entsetzen geschaut. Wieder sah ich auch den amerikanischen Soldaten trauriger Gestalt, den ich kurz zuvor in Niagara kennen gelernt. Hier aber war er ein Riese aus Granit gemeisselt und stand vor dem Haupteingang des gläsernen Industriegebäudes, und an seinem Sockel waren sämmtliche Elemente der Kunstkritik, wie hoch, wie breit, wie schwer und wie theuer das Monstrum sei, für Jedermann leicht verständlich zu lesen. Von dem in den Zeitungen ausposaunten Zusammenströmen sämmtlicher Völker der Erde vermochte ich blos einige Chinesen und etliche deutsche Juden, die mit rothen Fezen auf den Häuptern türkischen Tabak verkauften, der in Virginia gewachsen war, zu entdecken. Ich sah Krupps Killing Engine und die vielen Prinzen und Fürsten aus Erz und aus Thon und aus Pappe, die Riesenhand mit der flammenden Fackel aus Frankreich, die Maschinenhölle, den Palast der Frauen, die Horticultural Hall und den Tempel der Künste, ich fuhr auf der kleinen Eisenbahn mehrmals im Kreise herum, ich speiste jedesmal bei einer anderen Nation, aber lieber als alle diese Herrlichkeiten war mir die Rückkunft in New York.
Nur zu bald war auch hier meine Zeit bis zur äussersten Frist abgelaufen. Ich musste fort nach Europa. Abermals nahm ich Abschied, den schmerzlichsten auf der ganzen Rundreise, und der Cunard Dampfer »Scythia« entführte mich von dannen.
Lange noch blickte ich zurück nach jenem winkenden Taschentuch, welches aus dem Menschengewühl des Piers mir Grüsse nachsandte, während das Schiff vorsichtig die Mitte des Stromes zu gewinnen suchte und sich mühselig dem Ausgang zuwandte, ringsum das heftig pulsirende Leben des unruhigsten Hafens der Erde. Wahrscheinlich zum letzten mal zogen die imposanten Häusermassen der Manhattan Insel, wie ich sie früher so oft mit Wohlgefallen betrachtet, an mir vorüber. Wirr durcheinander strebende Fahrzeuge jeglicher Art, in allen Richtungen kreuzende Ferryboote, rastlos mit den grossen Balancirstangen in der freien Luft arbeitend, kleine kräftige Schleppdampfer, mit rauher Stimme brüllend, hinter sich flache Kähne und etliche Eisenbahnwagen darauf, segelnde Dreimastschuner und Vollschiffe, dunkle Mastenwälder und himmelhohe Lagerschuppen über und über bedeckt mit riesigen Aufschriften in bunten Farben – lichter wurden diese Attribute des handelsreichen Hudson, Staaten Island mit seinen Villen, Gärten und Strandbatterien, eine Biegung links, Sandy Hook – und der Atlantische Ozean dehnte sich vor mir.
Es war der 1. November als ich New York verliess, und am 9. November näherten wir uns der irischen Küste. Trotz der ungünstigen Jahreszeit hatten wir nicht einen einzigen Tag schlechtes Wetter gehabt.
Erst jetzt, unmittelbar vor dem Ziele, erhob sich ein Oststurm gerade gegen uns. Aber er konnte der Scythia weiter nichts schaden, als dass er sie ein bischen stampfen liess und sie verhinderte, in Queenstown anzulegen, so dass die dorthin bestimmten Passagiere mit nach Liverpool mussten. Am 10. November, während wir beim Dinner sassen, kam die bergige Südostecke Irlands in Sicht, und am nächsten Vormittag waren wir bei Holyhead. Grimmig pfiff der Wind durch das Takelwerk und weisser Schaum flog spritzend über die grüne See, als die ersten kahlen Felsen von Wales auftauchten und uns in ihren Schutz nahmen. Ich bemitleidete die Fahrzeuge, die nach aussen steuerten.
Gerade an der Ecke, da wo es westwärts ging, kam der Lootse an Bord. Es wurde natürlich auf Alles gewettet, was ihn betraf, auf die Nummer seines Fahrzeugs, auf Krieg und Frieden, auf die Präsidentenwahl, und dass er von letzterer gar nichts wusste, nahmen ihm die Amerikaner sehr übel.
Liverpool ist mit derselben Kalamität einer bei Niedrigwasser für grosse Schiffe unpassirbaren Barre behaftet wie so viele andere weniger berühmte Häfen, was uns leider durch eine praktische Erfahrung klar wurde, indem wir fern von Land in der breiten Mündung des Mersey ankern und auf die Fluth warten mussten. Erst nach zwei Stunden gingen wir wieder weiter, aber langsam und vorsichtig und immer das Loth in der Hand, so dass es dunkel war, ehe wir etwas von Liverpool zu sehen bekamen.
Unsere Landung wurde in einer so langweiligen, ungeschickten und ungemüthlichen Weise bewerkstelligt, dass die heftigsten Vorwürfe losbrachen, und dass man sich nicht zu verwundern brauchte, wenn die Amerikaner spöttisch und verächtlich über dieses erste Stück Europäerthum die Nase rümpften. Die Scythia legte sich nicht an einen der vielen Kais, sondern kettete sich mitten im Wasser an eine Boje, und ein Dampfboot kam, uns abzuholen. Man schickte uns auf das Dampfboot und liess uns eine halbe Stunde warten, bis auch das Gepäck herübergeschafft wäre. Ein widerlich kalter Sturmwind pfiff uns um die Ohren und peitschte uns den Regen ins Gesicht. Die Kajüte reichte nicht für die Hälfte der Passagiere, wir waren den Unbilden des Wetters preisgegeben, und das kleine Fahrzeug schaukelte, von den Wellen bewegt, so sehr, dass die hochaufgethürmten Kisten und Koffer sammt dem Menschenknäuel über Bord zu rutschen drohten. Das wüste Geschrei der Seeleute flog hin und her, keiner schien den anderen zu verstehen, und schliesslich stellte sich heraus, dass doch nicht alle Passagiere und alles Gepäck Platz, und dass das Dampfboot zweimal zu fahren hatte.