III.
IM SÜDLICHEN ATLANTISCHEN OZEAN.

Andere Sterne. Das Passiren der Linie und Neptunsfest. Aequatoriale Schwitzkur. Pantomimik. Weihnachten und Neujahr. Fernando Noronha. Endlich Südostpassat. Typhus, Leichenbestattungen, traurige Aussichten.

Einige gute Tage brachten uns schnell vorwärts. Dann kamen wieder einige schlechte Tage. Der grosse Bär und der Polarstern tauchten immer tiefer hinab, und vor uns stieg das südliche Kreuz in die Höhe.

Der südliche Sternenhimmel ist öde im Vergleich mit dem unsrigen, und um sich für die Schönheit des südlichen Kreuzes begeistern zu können, muss man entweder ein kritikloser Mucker oder ein noch kritikloserer Reiseenthusiast sein, den schon der Gedanke an die grosse Entfernung von zu Hause in Ekstase zu setzen vermag. Viel interessanter und merkwürdiger als jene vier unbedeutenden im Trapezoid gestellten Sterne war mir das schwarze Loch neben ihnen, welches die Seeleute den Kohlensack nennen.

Am 20. Dezember feierten wir das Fest des Passirens der Linie in der altherkömmlichen Weise mit Neptun, Barbiererei und Taufe. Wir hatten zwar seit drei Tagen wieder keine Observation gehabt und wussten nicht bestimmt, ob wir schon so weit waren. Den Himmel bedeckten dunkle Wolken, echt tropische Regengüsse stürzten zuweilen herab, bleiern und todesstill lag der Ozean rings umher, kaum ein Lüftchen regte sich, und wir trieben, hilflos, ohne Steuer, die Spitze des Schiffes rückwärts nach Norden gewendet. Als wir zwei Tage später endlich die Sonne und damit Observation bekamen, stellte sich heraus, dass wir zu früh gefeiert und dass wir noch nicht den Aequator überschritten hatten. Erst nach weiteren vier Tagen gelangten wir am 27. Dezember wirklich und zweifellos auf die südliche Hemisphäre, und zwar ziemlich genau unter dem 29. Grad westlicher Länge von Greenwich. Aber kein Mensch ausser dem Kapitän, dem Steuermann und mir erfuhr unseren Irrthum, vielleicht auch das offizielle Journal nicht.

Schon seit einer Woche waren die Matrosen eifrig daran, die Maskerade für den Neptunszug, einen Dreizack aus Blech und Bärte aus Flachs für ihn und sein Gefolge, einen Fischschwanz aus Pappe und Locken aus Hobelspänen für seine Gemahlin, ein grosses meterlanges Rasirmesser aus Holz für den Barbier und andere derlei Geräthe vorzubereiten.

Einige englische Kolonien haben den äquatorialen Mummenschanz, bei dem es erfahrungsgemäss fast nie ohne Rohheiten und Zänkereien zwischen Mannschaft und Passagieren abgeht, auf ihren Emigrantenschiffen verboten. Neuseeland war damals noch nicht so rigoros, und obwohl ich keinen sonderlichen Werth auf jenes Ueberbleibsel der sogenannten guten alten Zeit legte, so liess ich dasselbe doch seinen Lauf nehmen, aus keinem vernünftigern Grunde, als um einen rothen Strich mehr in den Bädecker meiner Erlebnisse machen zu dürfen.

Da wir eben trieben, und nichts zu thun war, konnte die ganze Mannschaft an dem Scherz sich betheiligen. Der Aufzug verlief, wie er schon oft beschrieben worden ist. Die phantastisch geschmückte Schaar verfügte sich nach dem Vorderdeck und kletterte vorne am Bugspriet über Bord, um scheinbar aus dem Wasser heraufzukommen. Hinten über der Kajüte stunden der Kapitän und die Offiziere. »Schip ahoi!« rief vorne Neptun durch das Sprachrohr, und der Bootsmann wurde abgesandt, ihn zum Besuch einzuladen. Neptun und sein Gefolge bewegten sich langsam und gravitätisch heran, zu beiden Seiten das dichte Gewühl der neugierig sich drängenden Zwischendecker. Eine zackige Krone aus Goldpapier schmückte das Haupt des dreizackbewaffneten Fluthenbeherrschers, von dem eine mächtige flächserne Mähne herab wallte. An seiner Seite trippelte züchtiglich die holde Amphitrite, unser ältester Schiffsjunge, der nicht ohne Geschmack zu einem zinnobergeschminkten, hochbusigen und hobelspähnelockigen Frauenzimmer mit langer Schleppe von Sackleinwand herausstaffirt war. Voran schritt als Herold der Barbier, ein seemännischer Anachronismus, mit riesiger Brille und Vatermördern, das gewaltige bretterne Rasirmesser auf der Schulter. Hinterdrein marschirten die Schergen der maritimen Polizei, mehr oder minder gelungen phantastisch geputzt, hölzerne Säbel in den Händen schwingend.

Neptun hielt nun seine Anrede an den Kapitän, und das übliche Frage- und Antwortspiel, wie das Schiff heisse, woher es käme und wohin es gehe, entwickelte sich. Nach diesen Präliminarien, die sehr ledern waren und sowohl dem Neptun nebst Gefolge als auch dem Kapitän so vorkommen mochten, da sie ziemlich verlegene Gesichter schnitten, nahm ersterer auf einem improvisirten Throne hinter dem Grossmast Platz und schickte seine Schergen aus, um die Opfer, diejenigen an Bord, die zum ersten mal die Linie passirten, vorführen zu lassen. Von den Passagieren durften nur solche ergriffen werden, die sich freiwillig dazu erboten, und um mit gutem Beispiel voranzugehen, unterzog ich mich selbst der peinlichen Prozedur der Aequatortaufe.

Ein grosser Bottich mit Wasser stund vor Neptun, ein darüber gelegtes Brett war der Sitz für den Täufling. Ein Gehilfe des Barbiers frug nach Namen und Alter, registrirte solches in ein dickes Buch, profaner Weise eine alte Bibel, dann kam der Barbier, schmierte aus einem Kübel mit vollen Händen Seifenschaum über das ganze Gesicht und kratzte ihn wieder ab mit seiner Rasirkeule. Der ätzende Seifenschaum verbot die Augen zu öffnen, ein plötzlicher Ruck, das Brett wurde weggezogen, man plumpste rücklings in das Wasser des Bottichs, die Taufe war vollzogen.