Wenn nur nicht aus den Hospitälern das Wimmern des Fieberwahnsinns als schriller Misston dazwischen gedrungen wäre. Unsere Typhusepidemie griff immer mehr um sich. Mein Journal zeigte am Ende der Reise 94 Nummern, alle, auch die leichtesten und deshalb zweifelhaften Fälle mitgezählt. Kaum war die erste Doppelbestattung vorüber, so folgten andere nach, und wir mussten noch fünf Leichen mehr über Bord werfen. Diese gräuliche Epidemie, für den Kapitän die Gewissheit, dass wir auch unter den fortan günstigsten Umständen eine aussergewöhnlich schlechte Reise machten, für mich die unerfreuliche Aussicht, mit der ganzen Zwischendecksgesellschaft, die ich schon so satt hatte, in Quarantäne zu kommen, die immer schlechter werdende Beschaffenheit des Proviants und des Wassers – all dies war geeignet, gar oft die schwärzeste Stimmung heraufzubeschwören. Solange der Wind uns günstig war, und wir rasch vorwärts segelten, ging es noch leidlich. Als jedoch einmal wieder Windstille eintrat und zwei, drei Tage nicht weichen wollte, wirkte die Verzögerung deprimirend wie noch nie. Die Nähe des Frauenhospitals, in welches ich, weil es am besten eingerichtet war, die schwersten Kranken ohne Unterschied des Geschlechts zusammenlegte, wurde dann bei der herrschenden Ruhe doppelt unangenehm, und oft konnte ich nicht schlafen in der Nacht von dem ewigen Geschrei und Gewimmer, das in meine Kammer herüberdrang. Es machte mich nervös immer und immer wieder dieselben quälenden Laute zu hören.
In keiner Lage habe ich die Misere der ärztlichen Unzulänglichkeit schmerzlicher empfunden als damals. Nicht darin liegt ja die Härte des ärztlichen Standes, worin der Laie sie meist zu vermuthen pflegt, in der Aufopferung an Zeit und Mühe, an Schlaf und Erholung, in all den abscheulichen und ekelhaften Dingen, mit denen man in Berührung kommt, sondern in der Unvollkommenheit und Ohnmacht der sogenannten Heilkunde. »Ihr durchstudirt die gross und kleine Welt, um es am Ende gehn zu lassen wies Gott gefällt.« Das Durchstudiren ist sehr schön, dass Gehen lassen müssen aber ist unerträglich.
Am unglücklichsten fühlte sich der Kapitän über unser Missgeschick. Es war nun Alles ganz anders gekommen als er gewünscht hatte. Von Ersparnissen, mit welchen er bei seinem Rheder sich einzuschmeicheln gehofft, keine Rede. Wir mussten froh sein, wenn wir mit unserem Wasser knapp bis Neuseeland reichten, da der Kondenser bei stürmischer Witterung nicht arbeiten konnte. Ich war fast täglich gezwungen, eine Menge Brot, welches sich als verdorben erwies, über Bord werfen zu lassen, und hatte bereits seit längerer Zeit alle Spirituosen und feineren Esswaaren der Euphrosyne für meine Kranken in Beschlag genommen. In der Kajüte herrschte jetzt absolutes Teatotalerthum. Dass mir Solches ohne sonderliche Kämpfe gelang, war dem zerknirschten Zustand des Kapitäns, welcher seine tobsüchtigen Neigungen gänzlich lähmte, zu verdanken.
Der Kapitän war im Grunde ein guter Kerl, aber eben ein Kauffahrteischiffer und von dem ganzen Elend dieses bemitleidenswerthen Standes verbittert und verbost. Er hatte erst kurz vorher geheirathet, und die Sehnsucht nach seiner jungen Frau zu Hause zehrte fortwährend an ihm. Wie oft verfluchte er seinen jugendlichen Leichtsinn, der ihn vor zwanzig Jahren auf das Meer getrieben. Wie oft schwor er, den ersten besten Erwerb auf dem Lande zu ergreifen, wenn er nur kein Wasser mehr zu sehen brauchte. Er besass nichts von jener Schwärmerei für die Poesie des Meeres, die den Seeleuten von Laien manchmal angedichtet wird. Ich habe überhaupt noch keinen älteren, reiferen Seemann kennen gelernt, der an einer derartigen Schwärmerei gelitten hätte, und nichts kann lächerlicher klingen, als was gelegentlich der traurigen Schillerkatastrophe an den Scilly-Inseln dem unglücklichen, mit den 337 Opfern seines Leichtsinns rühmlich untergegangenen Kapitän Thomas in irgend einer Zeitung von irgend einem überspannten Frauenzimmer in den Mund geblaustrumpft worden ist – »Ich kenne nur eine einzige Liebe, und das ist mein Schiff, mein Schiff ist mir meine Braut« oder wie das dumme Zeug gelautet haben mag.[2]
[2]: Das Gehalt des Kapitäns der Euphrosyne, eines Segelschiffes grössten Kalibers, betrug nicht mehr als hundert Mark pro Monat. Aber nur so lange das Schiff auf der Reise war. Lag es ohne Mannschaft im Hafen, so bekam der Kapitän nichts. Ausserdem hatte er 2½ Prozent vom Reingewinn, in den jetzigen Zeiten, wo Schiffe oft Jahre lang nichts verdienen, eine sehr problematische Grösse.
Man muss einen Seemann, insbesondere der Kauffahrtei, viel milder beurtheilen als andere Menschen. Der bösen Einflüsse, die ungünstig auf seinen Charakter wirken, sind zu viele. Jenes erfahrungsgemäss auf jeder längeren Seereise eintretende Stadium der üblen Laune, in dem sich Alles gegenseitig anärgert, bleibt sogar auf Kriegsschiffen mit ihrer strammen Disziplin nicht aus, und die Marineärzte haben dafür einen eigenen Namen »Mania navalis« erfunden.
Während der Atlantik wie ausgestorben gewesen war, belebte sich östlich vom Kap die See wieder mit Möven und Seeschwalben, mit Kaptauben, Sturmvögeln und Albatrossen.
Den Albatrossen wird bekanntlich von den Schiffern aufs Emsigste nachgestellt. Leider ist ihre Zahl dadurch schon merklich verringert, und in hundert Jahren werden sie zu den ausgestorbenen Geschöpfen gehören. Trotz dieser zur Schonung auffordernden Erwägung konnte auch ich mich nicht enthalten, ihren Fang zu versuchen.
Schon bei Tristan da Kunha hatten einzelne sich sehen lassen. Der Ruf »O was für ein grosser Vogel« zog mich hinaus auf Deck, und mein erster Albatross schwebte majestätisch über die Wogen.
Rastlos über Wellenberg und Wellenthal, kaum merklich hie und da die in gerader Linie steif ausgespannten Flügel bewegend, senkrecht bald nach links bald nach rechts geneigt mit den Flügelspitzen die Wellenkämme ritzend, verfolgte in weit gebogenen und gewundenen Linien das gewaltige Thier mühelos unsere Fahrt. Andere gesellten sich ihm bei, schon von ferne erkennbar als geradlinige in der Mitte zu einem Knoten anschwellende kreuz und quer in der Luft hin und her balanzirende Stäbe. Es lag etwas Räthselhaftes in ihrer Stetigkeit und Ruhe, mit der sie gegen den scharfen Wind – nicht kämpften, sondern gelassen und ohne Anstrengung dahinglitten.