Sowohl Neugierde als auch die Absicht Trost zu spenden führten mich ins Familienkompartment des Zwischendecks hinab. Vorsichtig durch die Finsterniss den heftigen Bewegungen des nassen, schlüpfrigen Bodens entgegen von einem Stützpunkt zum anderen springend gewann ich die nächste Lücke, um hinabzusteigen. Aber die Treppe fehlte, sie lag in Trümmern unten und kollerte im Verein mit sämmtlichen theils noch ganzen theils zerschlagenen Koffern und Kisten dem Rollen des Schiffes entsprechend hin und her. Mit Hilfe eines Taues, welches mich pendelförmig von einer Seite zur anderen schleuderte, gelang es mir, mein Ziel zu erreichen.
Was ich hier unten sah und hörte, liess Alles hinter sich, was ich bisher in zahlreichen Sturmnächten auf Postdampfern gesehen und gehört. Nur wenige Laternen brannten noch, weil die meisten zerschellt waren. Das Knarren der Balken und der Lärm der hin- und hergeworfenen Gepäckstücke, das Rauschen der hin- und herfliessenden und zerspritzenden Wasserbäche, die durch die Lucken heruntergossen, die Gebete und Flüche, das Gejammer und Gewimmer der Menschen, jedesmal so oft eine grössere Sturzsee brüllend gegen das Schiff anprallte und auf das Deck schlug, zu einem grässlichen gemeinsamen Aufschrei sich steigernd, übertäubten den draussen wüthenden Kampf der Elemente. Sie glaubten hier alle, dass die Euphrosyne untergehen müsse, und dass das letzte Stündlein geschlagen habe. Die Schrecken des Todes hatten den Stumpfsinn der Seekrankheit durchbrochen, und statt der allgemeinen Gedrücktheit des vorhergegangenen Nachmittags herrschte wahnsinnige Aufregung. »Vater unser, der du bist« – »Oschdschje nasch ktury jeschtem w Niebie« – »Heilige Maria, bitt für uns« – »Fader vor, du, som er i Himmelen« – »denn Dein ist das Reich und die Herrlichkeit« tönte es in sinnverrückendem Chaos aus den höhlenartigen Familienkojen, in welchen Männer, Weiber und Kinder jeglichen Alters kreuz und quer durcheinander lagen und sich krampfhaft an einander festkrallten, ohne ein beständiges Auf- und Niederrutschen vermeiden zu können. Einige waren herausgepurzelt, krümmten sich weinend auf dem Boden, mit Beinen und Armen die sie attakirenden Kisten abwehrend, und wagten nicht, wieder aufzustehen.
Da verfluchte laut ein Vater sich und die Auswanderungsagenten, das Schiff und Neuseeland, und was sonst noch mit der Seereise zusammenhing und betheuerte wiederholt, dass er gerne sterben würde, weil er es verdient, wenn nur seine Frau und seine drei Mädchen nicht wären, und sicher würde er auch die Haare sich ausgerauft haben, wenn er die Hände freigehabt hätte, mit denen er die Hüften der Gattin umklammert hielt. Dort schalt und schlug ein Anderer seinen zitternden Jungen, weil er die unaufhörlichen Vaterunser nicht schnell genug losliess und voller Verwirrung in das weniger wirksame »Ich glaube an Gott den Vater« gerieth. Erdfahl und entstellt tauchte ein langes Gesicht aus seiner Höhle bei meiner Annäherung und schien mich fragen zu wollen. Die Lippen bewegten sich, aber ich vernahm keine Stimme. Ein krampfhaftes Würgen und Schluchzen, ein Brecherguss, und die nächste anprallende Woge schleuderte das Gespenst in die Dunkelheit zurück.
Eines der Familienhäupter machte mir den Eindruck, ganz besonders tröstenden Zuspruchs zu bedürfen, aber meine theilnehmenden Worte wurden keiner Antwort gewürdigt. Er hatte nicht Zeit, sich mit irdischen Reden zu befassen und unterbrach nicht eine Sekunde den Fluss der Thränen und der Ave Marias, welche er rastlos immer wieder von vorne begann und mit einer Zungenfertigkeit von sich stiess, dass seine sechs Kinder ihm nur nothdürftig folgen konnten und über ein Wort nach dem anderen stolperten.
Die Anzahl der ruhigen und besonnenen Passagiere war eine sehr geringe. Am ernstesten und vernünftigsten betrugen sich die Dänen, am wahnsinnigsten und verzweifeltsten geberdeten sich die Polen. Erst nach längerem Suchen fand ich einige Männer, welche mir zu helfen fähig waren, die aus den Kojen Gefallenen aufzurichten und in Sicherheit zu bringen. Die Kisten festzumachen war unmöglich und musste bis zum Tageslicht verschoben werden.
Bei den unverheiratheten Frauenzimmern sah es etwas besser aus als im Familienkompartment. Die Treppe nach dieser Abtheilung war noch erhalten, das nicht so zahlreiche Gepäck an seiner Stelle geblieben. Nur die Lampen waren in Stücke gegangen, und bis auf die trübe schimmernden Spalten der Bretterwand, jenseits welcher die Familien hausten, herrschte Dunkelheit in dem Raum. Gleich beim ersten Schritt vorwärts stiess mein Fuss auf ein weiches Hinderniss. Die Blendlaterne zeigte mir ein weibliches Gewand, dann ein Paar Beine und in entgegengesetzter Richtung ein bleiches Antlitz, und zwar das der schönen Amanda aus Kopenhagen. Der ganzen Länge nach lag sie hingestreckt auf dem Boden und umklammerte einen Stützbalken. Ich versuchte sie aufzuheben, aber eine schwere Last an ihren Füssen zog sie immer wieder zurück. Ich beleuchtete nun auch diese Gegend und fand die verhasste Bettgenossin der eleganten Modistin, welche sich beharrlich weigerte, die jener gehörenden Knöchel loszulassen. Auch einige andere Mädchen waren aus ihren Doppelbetten gefallen und schrieen laut als ich sie beleuchtete, vielleicht aus wahnsinniger Angst, vielleicht um mein Mitleid zu erregen.
Die aufsichtführende Matrone streikte, sie lag seekrank in ihrer Koje und stöhnte. Ich konnte deshalb trotz der sittenstrengen englischen Bestimmungen, die keinem Mann der Besatzung den Zutritt in den Jungfernzwinger gestatten, nicht anders als einen gerade disponiblen Matrosen zum Aufräumen hier unten zu requiriren.
Ich kletterte wieder nach der Kajüte zurück, in welcher mittlerweile unter dem Einfluss des immer fürchterlicher werdenden Stampfens und Rollens fast alle Gegenstände sich losgerissen hatten. Tische, Stühle und Ofenschirm, Gläser, Teller und Seekarten, sowie die grosse Medizinkiste flogen von einer Wand zur anderen. Der kleine Köter des Kapitäns kroch mir ängstlich winselnd zwischen die Beine und machte mich straucheln. Ich trat ihm so unglücklich auf eine Pfote, dass er heulend nach der anderen Ecke entfloh, wo ihm sofort der Ofenschirm auf den Rücken purzelte, während mir meine Thür auf- und zuschlagend den Finger zerquetschte.
Nirgends war Ruhe zu finden, und ermüdet und schläfrig wanderte ich beständig hin und her. Zuweilen dachte ich wohl selbst in jener Nacht, dass wir den Morgen nicht mehr erleben würden.
Kapitän und Mannschaft blieben auf Deck. Es war jetzt nichts zu thun. Wir trieben ohne Steuerung auf den Wogen, einem gnädigen Schicksal vertrauend. Von den Segeln peitschten nur mehr etliche kleinere Lappen an den Raaen. Der Orkan hatte das Uebrige weggeweht und dadurch viel Mühe und Arbeit erspart.