Nichts unterbrach die tiefe einsame Stille des Neuseeländischen Forstes als hie und da die schüchterne Stimme eines Glockenvogels, welche klang wie die Vorbereitungen eines Punschgläservirtuosen, der den Ton seiner Instrumente prüft.
Es wurde kalt, als der Abend hereinbrach und der Sonnenschein immer höher an den vergoldeten Gipfeln der Bäume und Berge emporrückte. Ich traute meinen Augen kaum, als ich Eiskrusten an den Kanten des Strassenkoths entdeckte, und ich fühlte einige Beunruhigung, als der Himmel immer dunkler und der Weg immer undeutlicher wurde, und jener Militärposten, in dem ich übernachten wollte und der nach meiner Schätzung schon lang hätte kommen müssen, noch immer nicht erscheinen wollte. Auch hier arbeiteten Soldaten und zwar eingeborene an der Herstellung und Verbesserung der Strassen, und in einer gewissen Entfernung, war mir gesagt worden, würde ich wahrscheinlich ein Zeltlager finden, welches aber jetzt auch irgendwo anders aufgeschlagen sein konnte. Endlich stieg unten im Thale eine Rauchsäule empor zu den Sternen, die bereits hell durch die Bäume herabblinzelten.
Was ich suchte, sollte mir noch nicht zu Theil werden. Nur ein einziges Zelt stand zwischen Felsblöcken am Ufer eines rauschenden Baches, und um das Feuer davor sass eine zahlreiche Maorifamilie. Drinnen im Zelt quiekste ein Säugling, und zwei grosse zottige Hunde knurrten sehr unangenehm, als ich zu ihnen hinabstieg. Keine Möglichkeit Auskunft zu erhalten. Niemand, auch der uniformirte Vater nicht, verstand was ich wollte. Alle sahen mich scheu und misstrauisch an, die Hunde schnupperten knurrend an mir herum, und der Säugling hörte nicht auf zu quieksen. In solcher Gesellschaft wäre ich um keinen Preis geblieben so müde ich auch war, und lieber wollte ich im Busch irgendwo zu schlafen versuchen.
Um nicht umsonst in die Schlucht mich bemüht zu haben, machte ich die kosmopolitische Geberde des Trinkens und bat um »Wai« (Wasser). Der Mann stiess die Frau an, die Frau aber murrte und zeigte sich nicht geneigt meinethalben aufzustehen, so dass ich selber ein Gefäss ergriff und zum Bache kletterte, um Wasser zu schöpfen. Dies war das einzige mal, dass ich von Maoris unfreundlich behandelt wurde, wobei allerdings als Entschuldigung in Betracht kommt, dass mein plötzliches Erscheinen in so später Stunde verdächtig sein mochte.
Ich war noch keine tausend Schritt weiter gegangen und machte mich eben mit dem Gedanken vertraut, die Nacht durchzumarschiren, als etwas Helles aus der Dunkelheit zwischen den Bäumen auftauchte und ein Hund zu bellen begann.
Eine Holzhütte, einige Zelte – es war mein langersehntes und schon als verloren betrachtetes Nachtquartier. Auf mein Pochen öffnete sich die Thüre der Hütte, und ich stand vor dem Kommandanten des Platzes Apro Pioaro, einem schönen braunen Sergeanten.
Seine hohe kräftige Gestalt, die edle Gesichtsbildung und die geschmackvolle Uniform der Neuseeländischen Konstabulary Force machten ihn zu einer musterhaften militärischen Erscheinung. Weniger günstig nahm sich neben ihm seine Gattin aus, die sich alsbald beeilte, mir eine Taube des Waldes und etliche Bataten zum Abendmahl zu bereiten. Sie hiess Mangorewa. Ich liess mir beider Namen von ihm in mein Tagebuch schreiben.
Als ich mit dem Essen fertig war, hatte mittlerweile mein liebenswürdiger und chevaleresker Wirth in einem leerstehenden Zelt draussen ein vortreffliches Lager zurechtgemacht. Wir plauderten noch ein Weilchen und rauchten aus schrecklich schmutzigen Thonpfeifen ätzenden Maoritabak, und wir wären sicher noch viel länger zusammen geblieben, wenn nicht Mangorewa, um uns ein Zeichen zu geben, sich demonstrativ entkleidet und ins Bett gelegt hätte. Ich wollte meinem Gastfreund etwas Tabak anbieten, doch er protestirte dagegen und litt nicht einmal, dass ich anderes als sein eigenes Kraut rauchte.
Die Nacht war kalt, aber es lagen so viele Decken und alte Soldatenmäntel auf der Farnstreu in meinem Zelt, dass ich nicht zu frieren brauchte. Nur der Hund des Kommandanten, der durch eines der vielen Löcher hereinkroch und sich mir beigesellte, da er wahrscheinlich ältere Rechte auf das Bett hatte, störte mich zuweilen. Draussen grunzten und schnüffelten alte und junge Schweine schlaflos hin und her, und jedesmal so oft diese unwirsch sich zankten oder eines an der Leinwand vorüberstreifte, fühlte mein Genosse sich verpflichtet hinauszufahren und aufzubegehren. Oben schimmerte der Mond und unten strich die erfrischende Waldluft durch das Gewebe. Ich wickelte mich wohlig in die wärmenden Decken und dachte an die ferne Heimath.
Am frühen Morgen lauerte bereits die ganze Bewohnerschaft des Militärpostens neugierig auf den Moment, da ich die Zeltwand auseinanderschlagen und erscheinen würde. Aus jeder Spalte und aus jedem Fensterchen der Hütten und Zelte guckte ein ungekämmter Weiber- oder Kinderkopf und starrte verwundert mich an.