Die Euphrosyne besass eine sehr hübsche, helle und luftige Kajüte frei auf Deck stehend, zu beiden Seiten schmale Gänge zwischen ihr und den Borden. Ein roh getünchter Tisch, ein Sopha, etliche Klappstühle, zwei grosse Medizinkisten, ein Spiegel, ein Barometer, ein Thermometer und ein Kompass bildeten das Mobiliar des kleinen Salons derselben. Rechts hatte der Kapitän seine Kammer, links ich die meinige. Gleich vor dem Salon wohnte Mister Ross. Dann kamen die Badezimmer und das Frauenhospital, und in dem vordersten Theil der Kajüte hausten die Offiziere des Schiffs, der Steuermann, der Proviantmeister und der Bootsmann. In einem anderen Häuschen über Deck zwischen Gross- und Fockmast waren die Küche, das Männerhospital und das »Logis« für die Mannschaft.[1] Meine Kammer liess an Gemüthlichkeit nichts zu wünschen. Sie war zwar eng und klein, und wenn ich eine Schublade aufmachen wollte, musste ich erst meinen Koffer und den Stuhl in den Salon hinaussetzen, aber sie hatte ein grosses Fenster und eine Menge Licht. Leider ging es gerade vor dem Fenster über eine Treppe hinauf nach dem Achterdeck, auf welches die einzelnen Mädchen gebannt waren, und mit Vorliebe setzten sich diese, meine Kammer verdunkelnd, auf jene Treppe, bis ich mit dem Stock hinauslangte und sie von dannen stupfte.

[1]: Seeleute sagen »Logies«, nicht »Loschie«.

Unser Zwischendeck war das schönste, welches ich jemals gesehen habe. Es hatte die ungewöhnliche Höhe von 2,7 Meter und war sehr gut ventilirt. Es war jedoch keine Stätte des Friedens, sondern der Schauplatz beständiger Kämpfe. In den Verschlägen der einzelnen Männer vorne und der einzelnen Mädchen hinten ging es noch leidlich. In der Mitte aber bei den Familien mit ihrem Kindersegen hörten die Reibereien nie auf. Fast immer waren es natürlich die Weiber, welche anfingen und ihre respektiven Ehegatten auf einander hetzten.

Zwei feindliche Parteien standen sich voll Hass gegenüber, die Skandinavier und die Polen. Erstere waren musterhaft reinlich und hatten viel Sinn für Ordnung. Bei den letzteren galt mit wenigen Ausnahmen ungefähr das Gegentheil. Man konnte sich kein schmutzigeres und armseligeres Volk denken als jene unglücklichen Abkömmlinge der Weichselgegend. Alle Tage kamen Klagen über ihre Unsauberkeit, die selten grundlos waren, alle Tage musste ich über acquirirte Pediculi vestium jammern hören. Die Dänen erklärten mit Ueberzeugung, dass jene Thierchen nichts Geringeres beabsichtigten als sie alle aufzufressen. Ich bestimmte eine Frist, bis zu welcher die Polen dieselben abgeschafft haben mussten, vertheilte Sabadillaessig, Petroleum und Perubalsam, und bei wem ich nach zwei Wochen noch Spuren davon fand, bekam nichts zu essen. Dies half einigermassen. Die Betten wurden, so oft es das Wetter erlaubte, gesonnt, die Kleider gebrüht und die Kinder mit der bisher unbekannten Gewohnheit einer täglichen Reinigung vertraut gemacht.

Die nationalen Gegensätze übertrugen sich auch auf das religiöse Gebiet. Wir hatten vier deutsche protestantische Missionäre an Bord, die theils für Neuseeland, theils für Australien bestimmt waren, und denen ich den vorgeschriebenen Gottesdienst und die Schule übertrug. Sie bildeten unsere offizielle Staatskirche, und im Anfang kam Alles einträchtig bei ihnen zum Sonntagsgebet zusammen. Auf einmal fiel es den skandinavischen Völkerschaften ein, dass sie ihren eigenen Gottesdienst in dänischer Sprache haben wollten. Sie wählten einen alten Mann aus ihrer Mitte zum Vorbeter und blieben weg. Dieses Beispiel wirkte ansteckend, und sofort wurden auch die katholischen Polen schismatisch und bildeten eine dritte Religionsgemeinde, so dass die Missionäre mit ihren salbungsvollen Worten nur mehr auf ein sehr kleines Häuflein beschränkt waren.

Diese Dreiheit führte zu wahrhaft österreichischen Zuständen, und fast jeden Sonntag gab es Reibereien. Fingen die Einen hier ein deutsches Kirchenlied an, so erhob sich dort ein polnischer Gesang, und daneben begann wieder eine andere Gruppe, dänisch zu singen. Gerade so gings mit der Schule. Mit dieser wollten sich die Polen niemals befreunden. Sie schickten ihre Kinder nicht regelmässig, oder ihre Kinder waren widerspänstig und wollten nichts lernen. Recht gerne würde ich ihnen ebenso wie den Dänen eine eigene Schule eingeräumt haben, wenn unter den Polen ein einziger Mann fähig gewesen wäre, Unterricht zu ertheilen. Die ausgezeichneten englischen Vorschriften, nach denen ich regieren musste, waren eben für Auswanderer englischer Nation, nicht für das Sprachen- und Nationalitätengewirr, welches auf deutschen Schiffen zu sein pflegt, gemacht.

Nur bei den Kindstaufen herrschte merkwürdiger Weise eine vollkommene Parität der Konfessionen. Fünfmal war es uns vergönnt, dieses Fest zu feiern. Und zwar geschah es jedesmal, da wir nöthigenfalls damit warteten, bis gutes Wetter eintrat, unter dem grössten uns möglichen Pomp, um keine Gelegenheit zu einer die Stimmung auffrischenden Volksbelustigung vorübergehen zu lassen. Unsere feinste Suppenschüssel wurde als Taufbecken mit rothen Bändern auf das Gangspill vor der Kajüte befestigt. Sämmtliche vierundzwanzig Signal- und etliche alte Nationalflaggen mussten herhalten, eine Art Presbyterium zu formiren. Die Missionäre zogen ihren besten Ornat an, predigten und beteten fast eine Stunde lang, und die Schuljugend sang fromme Lieder dazwischen.

Gleich bei dem ersten kleinen Weltbürger, der protestantischer Abkunft war, machten die Missionäre ihre Sache so schön und so erhebend, dass selbst die religiösen Vorurtheile der Polen nicht mehr Stand hielten und alle vier im Mutterwerden folgenden Polinnen sich steif und fest in den Kopf setzten, dass auch ihre Sprösslinge von den Missionären getauft werden sollten. Die Stammesgenossen remonstrirten zwar dagegen und machten Vorwürfe, während die gestrengen Diener des Herrn betheuerten nur unter der Bedingung taufen zu können, dass dann die Kinder auch protestantisch werden müssten. Die Eitelkeit der Weiber überwand alle Bedenken und bekannte sich auf einmal zu den freiesten Grundsätzen, wohl unter dem geistlichen Vorbehalt, dass später der Katholizismus wieder in seine Rechte treten sollte.

Die erste Geburt an Bord werde ich nie vergessen. Dieser Fall war komplizirt mit Schwierigkeiten, die in keinem Lehrbuch der Geburtshilfe vorhergesehen sein dürften, und auch später knüpften sich an ihn einige Thatsachen, die in Bezug auf Psychologie und Kulturgeschichte nicht ohne Interesse sind. Es war eine vorzeitige Greisin von vierzig Jahren, Erstgebärende und Gattin eines Wittwers mit acht Kindern, die den Reigen unserer Volksvermehrung eröffnete, und die ich in einer unwirschen Sturmnacht kurz vor Madera ins Hospital schaffen musste.

Nicht nur die süsse Frucht unterm Herzen der pommerschen Hekuba äusserte ein intensives Widerstreben die schnöde Welt zu erblicken, auch die Elemente schienen sich verschworen zu haben, ihren Austritt aus dem holden mütterlichen Organismus zu hintertreiben. Das Rollen und Stampfen des Schiffs war so heftig, dass ich die chloroformirte Wöchnerin im Bett anbinden und mich selbst durch den Kapitän festhalten lassen musste, während der erste Offizier mit einer trüben Laterne leuchtete und zugleich das Chloroform handhabte. Mehr als drei Mann hatten nicht Platz vor der Koje. Ungefähr eine Viertelstunde lang wurden wir vier oder vielmehr fünf betheiligten Personen von dem Sturm hin- und hergeschleudert, wie ein Rattenkönig hartnäckig aneinanderhängend – da siegte endlich die Zange. Abgesehen von einer auch auf dem festen Lande ziemlich häufigen Beschädigung, die durch die Nähnadel wieder gut gemacht werden konnte, war die Operation ganz ausgezeichnet gelungen. Nicht blos der Vater wurde gerettet, womit so oft in schwierigen Fällen das Bewusstsein des Arztes sich trösten muss, auch die Mutter und der kleine Junge erfreuten sich des besten bis zum Schluss der Reise andauernden Wohlbefindens.