Bei dem zweiten Blitz aber erschrak sie. Es war nicht mehr das Gesicht ihres Sohnes. Es war jener Mann aus Kioto mit seiner Familie, die hier vor dem Gewitter in den Tempel geflüchtet waren. Bei dem dritten und vierten Blitz erkannte sie ihn deutlich und sah weg.

Sie schlug rasch ihren kleinen Fächer auf, versteckte ihr Gesicht dahinter, drängte sich aus dem Tempel hinaus und eilte mitten in den prasselnden Regen den Hügelweg hinunter in die graue, dampfende Sommerlandschaft. Weit weg stellte sie sich unter einen Zedernbaum, versteckt hinter einer Steinlaterne. Ihr Haar war vom Regen aufgelöst, ihr Fächer aufgeweicht. Sie hatte ihre Schmucknadeln aus dem Haar verloren, ihr seidenes Festkleid klebte an ihr wie eine Fischhaut. Sie weinte und weinte. Sie hatte doch nicht wissen wollen, ob der geliebte Mann verheiratet wäre, ob er eine Familie hätte. Sie hatte diesen Geliebten zu einem Gott, zu einer Erscheinung machen wollen, zu einer wollüstig gruseligen Tempelvision. Sie hätte sich gern blind geweint, um das Bild aus ihren Augen auszulöschen und den Schützen aus dem Tempel der fünftausend Genien nicht als Gatten und Familienvater sehen zu müssen.

Der Platzregen ließ nach, und die Spitze der roten sechseckigen Pagode, über den noch regendampfenden Wiesen, schien im Abendrot Feuer zu fangen. Das Abendrot ging durch die Wiesendämpfe, färbte die Zedernstämme rot, die Scharen der grauen, moosigen Steinlaternen braun wie Kupfer.

Das Abendrot beruhigte die Frau und gab ihr wieder den Glauben an inbrünstige Ungeheuerlichkeiten. Sie lächelte und fühlte sich rot durchtränkt von dem abenteuerlichen Licht und sagte ganz einfach:

»Die Blitze haben gelogen. Der Mann im Daibutsutempel eben war nicht der Mann aus dem Tempel der fünftausend Genien, den ich wie die Abendröte mit Inbrunst liebe. Er kann nicht zugleich hier und in Kioto sein, wo ich ihn gestern verließ, ohne ihm etwas von meiner Reise nach Nara zu sagen.« Aber sie getraute sich doch nicht, noch einmal zum Daibutsutempel zurückzugehen; und sich zu überzeugen, fehlte ihr der Mut.

Die Frau warf ihren zerknitterten Fächer fort, strich ihre Frisur glatt, schob ihren Gürtel zurecht und machte sich gesittet auf den Heimweg zum Bahnhof von Nara.

Sie reiste durch Kioto, ohne den Tempel der fünftausend Genien aufzusuchen, und ging nach Seta in ihr Haus zurück, tagsüber gepeinigt von dem Gedanken, daß der Mann, den sie in Kioto liebte, Frau und Kinder hätte. Sie wurde nur am Abend erlöst von dem phantastischen Abendrot, das sich über Seta in den wunderbarsten Blutlinienwellen hinzieht, so daß alles Unwahrscheinliche wahrscheinlich wird, so daß die Bäume blutrot wie Korallenwälder werden und die Hügel wie die Brüste und Körperlinien hingelagerter Männer und Frauen, als sei die Erde hier am Abend zu Menschenfleisch und Menschenblut geworden und kenne nichts als umarmende Wollust und Liebe. Die untergehende Sonne am Himmel ist dann in ihrer Röte nur wie eine kleine Kerze in einem roten Gemach, in dem sich zwei umarmt halten, wo das Licht keinen Sinn hat und keinen Wert, weil die zwei, von Leidenschaft entbrannt, sich mit geschlossenen Augen ohne Licht sehen.

Im Abendrot wurde der Biwasee rotgoldig glitzernd und wie von fünftausend goldenen Lanzenspitzen und goldenen Heiligenscheinen bewegt. Die Diele und die Wände im Hause jener Frau wurden düsterrot, als wären sie die uralten, düsterroten Balken des Genientempels in Kioto, als wäre in dem Hause der Frau irgendwo die geheimnisvolle, rote Balkentreppe, wo sie in der roten Tempeldunkelheit, auf der obersten Stufe, hinter dem hohen Geländer, Tag für Tag den Mann treffen könnte, der sie wie das Feuer der Abendröte schnell umarmte und nach der Umarmung wie die Abendröte in das Unbekannte wieder versänke.

In den kältesten Wintertagen konnten die Bewohner von Seta jene Frau zur Spätnachmittagstunde an dem geöffneten Fenster sehen, das auf das flüchtige Winterabendrot hinaussah, – die Frau, die einen kleinen Fächer schwang, als wäre es ihr heiß im Abendrot, trotzdem der Schnee auf dem Geländer des Altans lag und auf den Dächern der Holzhäuser von Seta.

Auch wenn die Abendsonne im Winternebel keine Kraft zum Röten des Himmels hatte und nur wie ein kleiner Tropfen roter Kirschsaft das weiße Laken des Himmels betupfte, saß die Frau zwischen den zurückgeschobenen Papierwänden ihres Teezimmers und fächelte sich, als müßte sie das Abendrot mit jedem Fächerschlag anschüren.