»So vollkommen wie diese Tor wäre die Liebe zweier Menschen auf Erden, und die Götter würden die Menschen beneiden müssen, wenn sich nicht glücklich Liebende immer einen künstlichen Liebeszweifel erfänden,« dachte die Frau und ging durch das kostbare Tor in den Tempelhof der zweiten Terrasse.
Hier ist zur rechten Hand über einer Tempeltür von einem Maler eine lebensgroße weiße Katze gemalt. Die scheint zu schlafen und schläft schon Jahrhunderte. Aber wer sie lange ansieht und sich einen Herzenswunsch dabei denkt, dem kann es, wenn sein Wunsch in Erfüllung gehen darf, begegnen, daß die schlafende Katze ihre Augen öffnet und ihn anblinzelt.
»O, ihr Götter,« wünschte die Frau, die Katze über dem Tor betrachtend, »laßt eure Tempelkatze die Augen öffnen und mich ansehen, wenn mein Geliebter in Kioto und jener Mann, den ich in Nara sah, zwei verschiedene Männer sind.«
Die Frau starrte die schlafende Katze an, aber die gemalte Katze hielt die Augen geschlossen und blinzelte nicht.
»Ist es möglich, daß ich recht gehabt haben sollte? Die beiden Männer sind einer und derselbe gewesen! Und mein Geliebter hat eine Familie und macht eine andere Frau außer mir glücklich? O, weiße Katze, schlage doch die Augen auf und sage damit nein! O, ich will dich ansehen, bis ich blind werde!«
Die Katze hielt die Augen geschlossen, und die Frau verzweifelte, und ihr Herz schmerzte, als würde es ihr ausgerenkt.
»Gut, o Götter, wenn ihr diesen Wunsch nicht erfüllt,« sprach sie plötzlich entschlossen, »dann laßt mich dem Mann noch einmal begegnen, um mich zu überzeugen; und zweifle ich dann nicht mehr, daß es derselbe ist, dann laßt mich blind werden mein Leben lang. Schlafende Katze, öffne jetzt deine Augen und sage ja!«
Die Frau zitterte und hielt sich mit den Fingerspitzen an einer roten Lackwand des Tempelhofes. Die großen Kryptomerienbäume über den Tempeldächern bewegten sich schaukelnd für ein paar Sekunden und warfen Licht- und Schattennetze über die Tempeldächer, über die Lackwände und über die gemalte weiße Katze. Und im Licht- und Schattenspiel schien sich die weiße Katze zu bewegen, sie blinzelte und zeigte für eine hundertstel Sekunde ihre senkrechten Pupillen.
»Sie hat mich angesehen,« seufzte die Frau, und klapperte humpelnd auf ihren Holzschuhen, demütig mit gesenktem Kopf, als wäre sie um viele Jahre gealtert, durch die schmale Vorkammer in den Seitentempel.
Da drinnen war ein langes Gemach, und hinter langen Glaswänden lagen in seidenen Futteralen die Schwerter verstorbener japanischer Helden und Könige, ihre Rüstungen und ihre Helme aus Lack, Kork und Holz geschnitzt und mit Bronze beschlagen. Auch große Bogen und Köcher mit Pfeilen standen da.