Als der Baum so groß wie ein Menschenkind wurde, hatte er noch nicht mal einen Japaner gesehen. Und als die ersten japanischen Menschen zu ihm kamen, war er schon in den kräftigsten Mannesjahren und fast so hoch wie die Kryptomerienbäume des nahen Bergwaldes.
So ein Baum, der nie von der Stelle rückt, und dessen Umgebung gleichfalls nie fortreist, und der nur die Bewegungen der Jahreszeiten kennt, hat ein vorzügliches Gedächtnis. Dieses drückt sich aber nicht darin aus, daß sich sein Mark Gedanken macht über das, was gewesen ist oder was kommen wird, sondern das Gedächtnis eines Baumes liegt immer offen an seiner Außenseite. Die Furchen und Rinden haben sich jeden Tag mit Linien, Eingrabungen, Knorpeln, Schürfungen die kleinsten Erlebnisse wie mit einer stenographischen Schrift in Zeichenschrift notiert. Wie der Baum sich dehnte, wenn ihm in der Welt wohl war, und sich verborkte und sich verpanzerte, wenn ihn die Welt bedrohte, vergrübelte sich seine Rinde und faltete sich zu einer Zeichenschrift.
Die Schriftgelehrten der Bäume sind die Ameisen, die Libellen, die Bienen, die Vögel. Die Borkenkäfer und Borkenwürmer sind untergeordnetere Schriftsetzer, die an der Schicksalssprache des Baumes, an der Rindenschrift mitarbeiten.
Diese Sprache der Bäume entdeckte eines Tages, als die Japaner noch vorzeitliche Bastkleider, Blättergewänder und verwildertes Kopfhaar trugen, nicht in Japan, sondern in China, ein weiser Einsiedler. Der hieß Ata-Mono.
Die Geschichte Ata-Monos liegt weit zurück; sie fällt vor die Entdeckung des alten Baumes am Biwasee.
Als Ata-Mono die ersten Schriftzeichen in einem chinesischen Weidenbaum entdeckte, las er auch in der Baumrinde das Mittel, seinen Leib unsterblich zu erhalten. In dem Bast jenes Weidenbaumes in China stand geschrieben, daß jeder Mensch, ob groß oder niedrig, ob klug oder beschränkt, ob schwach oder stark, alt oder jung, sich die Unsterblichkeit des Lebensfadens und auch des Leibes erhalten könne, wenn er einmal im Leben beim Laut einer bestimmten Harfe einschlafe. Diese Harfe, sagte der chinesische Weidenbaum, sei nicht in China, aber nicht weit über dem Meer in einem kleinen Inselland, das damals in China noch keinen Namen hatte und nur von einigen »das Land des ewigen Feuers« genannt wurde, weil der Feuerkrater Fushiyama dort immer rauchte.
Ata-Mono suchte den Weg dorthin und las von Baum zu Baum die Rindensprache, bis er ans Meer kam; aber niemand konnte ihn hinüberführen, denn nur Schiffe, die durch Zufall nach dem Inselland verschlagen wurden, alle hundert Jahre einmal, hatten Kunde von dem Feuerland gebracht, in dem Ata-Monos Harfe liegen sollte.
Ata-Mono saß jetzt jahraus, jahrein am Meer und schmachtete nach der Unsterblichkeit, kehrte seinem Vaterlande den Rücken und sah mit seinem Angesicht Tag für Tag nach Osten, wo hinter den Wellenbergen das kleine Land des ewigen Feuers war, darin die fremde Harfe liegen sollte.
Eines Tages kam ein Oststurm. Ata-Mono zog sich etwas weiter vom Strand zurück. Da sah er in der Ferne über dem aufgerüttelten Meer ein vielarmiges Wesen. Das kam mit senkrechtem Leib und dunkeln Krallen wie ein mächtiger, belaubter Baum über das Meer geschossen.
Ata-Mono hielt die Erscheinung zuerst für ein Gespenst, dann für einen Drachen, und dann erkannte er, daß der vielarmige, riesige, aufgerichtete Körper wirklich ein Baum war, ein grüner, frischer Kryptomerienbaum mit feuerrotem Stamm; denn die Rinden der Kryptomerienbäume leuchten rot, wenn sie naß werden. Dieser Baum troff von Seewasser, schoß an den kiesigen Strand; und als wandere er leibhaftig auf seinen Wurzeln, eilte er, vom Wind getrieben, eine Viertelstunde tiefer in das Land hinein, bis er andere Bäume fand, in deren Nähe er windgeschützt stehen blieb und sich mit seinen Wurzeln, wie mit riesigen Adlerkrallen, feststellte.