Es würde mich nicht verwundert haben, wenn die noch schwer Erschütterte nach den ersten Tönen das Spiel abgebrochen und ihr Gesicht in die Hände vergraben hätte.

Aber sie war reif zum Empfang des Zurückkehrenden. Mit einem wunderbaren Mut, als überschritte sie selbst freudig die Schwelle vom Leben zum Tod, entlockte sie dem Flügel die alten Wohllaute, die nur ihr vertrauten einsamen Jünglingsgefühle des Sohnes, die männlich junge Lust und die männlich jungen Zweifel, die einst in ihm gerungen hatten.

Und als sie eines der letzten seiner Lieder sang, geschah vor meinen Augen das Wunderbare: die reife schöne Frau sang sich an den jugendlichen Weisen ihres Sohnes zur eigenen frühesten Jugend zurück. Und ihr Frauengesicht wurde mädchenhaft, aller Enttäuschungen bar. Mädchenhaft gläubig und vertrauend wurden die Augen beim Aus- und Einatmen der Musik. Die Vergrämte verklärte sich unter der Verklärung des Toten. Und ich sah Mutter und Sohn auf zwei großen, überweltlich großen, jugendlichen Rossen, von denen jedes die Verkörperung eines Schicksals zu sein schien, am Meer der Unendlichkeit hinreiten.

So sehe ich beide dort heute noch und in Ewigkeit als zwei Reiter am ungeheuren Meer am Rand der Welt.

Und wenn ich in neuen Stunden und in anderen Räumen dieser Frau wiederbegegnen werde, sie wird für mich immer die vom Todesschmerz mädchenhaft verklärte Mutter sein, die, auf der Linie zwischen Leben und Tod, lebender in der Entrückung auflebt als im Irdischen.


Von den in diesem Auswahlband abgedruckten Novellen sind »Der Garten ohne Jahreszeiten«, »Im blauen Licht von Penang«, »Likse und Panulla«, »Der unbeerdigte Vater« und »Eingeschlossene Tiere« der Novellensammlung »Lingam« entnommen, »Der Wildgänse Flug in Katata nachschauen«, »Das Abendrot zu Seta«, »Die Abendglocke vom Mijderatempel hören«, und »Den Abendschnee am Hirayama sehen« dem Buche »Die acht Gesichter am Biwasee«, »Zur Stunde der Maus«, »Himalayafinsternis« und »Zwei Reiter am Meer« den »Geschichten aus den vier Winden«. »Die Leiern der Wollust« sind ein Stück aus der großen Dichtung »Die geflügelte Erde«, die übrigen Gedichte des Auswahlbandes entstammen den Gedichtbänden »Lusamgärtlein«, »Der weiße Schlaf«, »In sich versunkene Lieder im Laub«, »Weltspuk«, »Des großen Krieges Not«.


Von Max Dauthendey

sind ferner bei Albert Langen erschienen: