Als die Frau eines Tages wieder im Gebetstaumel die Halle verließ, sah sie draußen auf dem Bretterweg, der an der hundert Fuß langen Halle entlangführt, einen Mann stehen, der sich, wie das die Japaner öfters tun, hier im Bogenschießen übte. Der Mann glich auffallend ihrem toten Gatten. Am einen Ende des Bretterwegs stand der Schütze mit dem altmodischen, mannsgroßen Bogen, am andern Ende des Bretterwegs war die weiße Scheibe angebracht, und an der ganzen Tempellänge entlang surrte der Pfeil des Schießenden. Trotzdem jetzt allgemein das Gewehr in Japan eingeführt ist, üben sich einige Japaner noch zum Vergnügen im Bogenschießen, und besonders ist der Bretterweg am Tempel der fünftausend Kriegsgenien ein beliebter Übungsplatz in Kioto.
Die Frau zitterte vor Erregung, als sie den Schützen sah, der das getreue Abbild ihres gestorbenen Mannes war. Ihr Auge hatte einen unwiderstehlichen, leidenschaftlichen Ausdruck, und ihr ganzer kleiner Körper wurde wie ein Stück Magneteisen und zog den Mann nach sich, den sie anschaute.
Sie blickte den Schützen an, trat rückwärts wieder in die Tempelhalle zurück und ging an der untersten Reihe der Genien entlang, genau wissend, daß der Schütze Bogen und Pfeile wegstellen und ihr nachfolgen müßte. Sie kam in das dunkle Ende der Halle, wo Holztreppen ähnlich Leitern, verstaubt, uralt und düster, zu einer dunkeln Holzgalerie führen, die sich hoch unter dem Dach des Tempels über den fünftausend Genien hinzieht. Der Mann, der ihr gefolgt war, kam leise die dunkle Stiege herauf. Sie kauerte auf der obersten Stufe nieder und wollte ihn an sich vorübergehen lassen.
«Deine Augen können surren wie Pfeile», sagte der Mann und blieb neben ihr stehen.
«Du siehst meinem verstorbenen Mann ähnlich», sagte die Frau. «Deswegen habe ich dich angesehen.»
Der Mann atmete schwer. Er senkte den Nacken und flüsterte rasch:
«Wenn dich dein Mann so gern umarmt hat, wie ich dich jetzt hier umarmen möchte …»
Er sprach den Satz nicht fertig, faßte die Frau flink, wie ein Affe eine Äffin, und die harte Tempeldiele wurde ihr Liebeslager.
Danach sagte die Frau leise:
«Was haben wir getan? Wir sind im Tempel der fünftausend Genien!»