Die beiden Japaner waren europäisch gekleidet; nur ihre gelben Gesichter und ihre kleinen Figuren fielen unter den langen, rosahäutigen Engländern auf.
Ilse, Okuros junge und schöne Frau, hatte Goldglanzhaare, goldrot, wie der rote Metallglanz der Goldfische.
Sie trug ein smaragdgrünes Reisekleid und war unter allen den braunen, grauen und schwarzkarierten Engländerinnen und Engländern wie ein Sonnenprisma. Ihre gute Laune gab ihrem Wesen die Fülle eines freigebigen Sommers.
Die Großmutter neben ihr mit dem weißen Haar, das wie ein alter Silberschmuck den Kopf umgab, lachte ebenso wie ihre Enkelin immer mit blauen Augen, und ihr Gesicht war wie ein sonniger Wintertag, frisch und lautlos.
Nie sind zwei Menschen fröhlicher und sorgloser in die Zukunft gereist als diese beiden Damen. Okuro hatte sich ein Vermögen durch seine Tournee verdient. Ilse wußte nicht, was sie mehr an ihrem Mann schätzen sollte: die ausgesuchte Fürsorge, mit der er sie umgab, die große Anspruchslosigkeit, mit der er auftrat, oder die große Leichtigkeit, mit der er alle Schwierigkeiten lächelnd aufnahm.
Nur eines machte ihr Unruhe: sie verstand allmählich, daß ein Asiate nicht ist: wie fünf und fünf ist zehn, sondern daß bei ihm fünf und fünf einmal Tausend und einmal Null sein kann. Sie ahnte, daß sie noch nicht den hundertsten Teil von dem Gehirn ihres Mannes kannte, und manchmal merkte sie, daß seine kleinen asiatischen Augen, die eben noch rosinensüß und lächelnd ausgesehen hatten, plötzlich schwarz und bitter wie Gallapfelsaft werden, oder sogar tödlich, vernichtend wirken konnten wie schwarze, funkelnde Tollkirschen.
Aber gerade, daß sie seiner nicht sicher war, daß sie seine Weltallruhe und sein göttliches Aufgehen im Verstehen des Kleinsten bewundern und dann wieder plötzlich erschrecken mußte vor tierischen Kehllauten, die er ausstoßen konnte, und die bestialische Leidenschaftlichkeiten vermuten ließen, – dieses machte Ilses Seele sanft wie ein Kaninchen, das man mit einer Klapperschlange zusammengesperrt hat. Und sie war ihm in die Ehe gefolgt, weil sie sich nach einer Welt von Abenteuern sehnte, nach exotischen Geheimnissen.
Als der rauchende und erhitzte Dampfer zwischen dem blauen Äther des Mittelmeerhimmels und dem gasblauen Wasser des Mittelmeeres sich jetzt von Europa trennte, um Afrika und Asien zu erreichen, erschien Ilse das weiße, blendende Schiffsgerüst in der Bläue ringsum wie der weiße Silberkörper eines Riesenfisches, der viele Meilen in die Bläue untergetaucht wäre und unter den Meeren mit ihr fortschwämme. Nur das gelbe Stück Sonne oben war wie ein Stück Land, das in die Bläue herabschiene. Und sie hoffte, so verzaubernd wie das Meer, so von Grund aus sollte sich jetzt ihr Leben in der Zukunft verändern, daß alle Begriffe sich umstülpten.
Aber als in der zweiten Nacht die elektrischen Kailampen von Messina, das damals noch nicht untergegangen war, in langer Reihe vorüberzogen, nahm Ilse ihrem Mann Okuro, der neben ihr im Deckstuhl saß und in der Dunkelheit nur am roten Punkt seiner Zigarette ihr erkenntlich war, die Zigarette aus dem Mund, warf sie über Bord und sagte, schmollend in ihrer Flitterwochenstimmung: