Der Norweger aber wußte sich zu helfen und wußte sich zu rächen. Er mietete Ecke der Leipziger- und Friedrichstraße, also an der damals verkehrsreichsten Stelle der Hauptstadt, einen in dem ersten Stockwerk eines Prachtgebäudes leerstehenden großen Ladenraum, ließ seine Bilderkisten dorthinbringen und stellte die ganze Sendung auf eigene Faust dort aus. Natürlich wollte Berlin den Maler sehen, den die Berliner Akademie ein- und ausgeladen hatte.
Die berliner Zeitungen brachten lange Spalten für und gegen Munchs neue nordische Malerei, die alle Überlieferungen übersprungen hatte, die nicht mehr gewollte Schönheit sah und nicht nach der Farbenskala vorgeschriebener Farbentöne malte, sondern die die Welt in Linien und Farben wiedergab, wahr und unverdreht und doch dem inneren phantastischen Eindrucksbilde getreu, von dem das Herz des Künstlers erschüttert worden war.
Aber trotz dieser Ausstellung blieb Eduard Munch noch lange in Europa unverstanden, und ich habe später oft in Paris bei den Jahresausstellungen der „Independants“ beobachtet, daß das Bürgerpublikum dort, so wie in Deutschland, mit einem Ausruf des Schreckens vor den Munchschen Bildern stehen blieb und dann mit einem Lachen sich abwendete.
So mochte man vor hundert Jahren die ersten Bilder der Chinesen und Japaner bei uns aufgenommen haben, die man erst später genießen lernte!
Als ich in Berlin in Munchs erste Ausstellung trat, mußte ich mich auch vor den neuen Bildern in der neuen Malart erst zurechtfinden. Ich sagte mir aber, wenn ich nicht sogleich das ganze Bild sehen kann und es erst, ich möchte sagen, entziffern muß, so war daran nicht Munch, nicht der Maler schuld, sondern mein, den neuen Eindrücken nicht gewachsenes Auge, das in alten Überlieferungen eingeschult war und noch nicht mit der Ehrlichkeit des begeisterten neuen Malerauges mitgehen konnte.
Aber ich fühlte den innerlichen Ernst des Malers, seine Kraft und die Ehrlichkeit der Naturwiedergabe aus jedem Bilde. Munchs Bilder wirkten zuerst ähnlich wie die ersten Augenblicksbilder der Photographie gewirkt hatten, als man zum erstenmal springende Pferde nicht in der Auffassung gewohnter Reiterstatuen im Bilde sah, sondern in den mächtigen Verkürzungen und den fortstürzenden Verkrümmungen, die das Auge im hundertsten Teil einer Sekunde wohl miterlebt hatte, aber deren Eindruck nicht zum festen Bewußtsein gekommen war.
So auch brachte Munch neue Farben und Formen und Empfindungseindrücke zum Bewußtsein und bereicherte den Beschauer seiner Bilder, wenn dieser vertrauensvoll sein Auge der neuen Malart hingab.
Wenn einer aber ungeduldig war und hartnäckig an seinen eigenen altgewohnten Sehbegriffen festhielt, dem erschien jedes Gemälde Munchs so wie chinesische und japanische Bilder, die gleichfalls uns Europäern neue Begriffe, neues Anschauen der Natur und der Menschen in feinster und tiefster Weise eröffnen, aber lange für Wirrwarr, linienverrenkt, farben- und formenunmöglich angesehen wurden. —
Die selbstzufriedenen, unkünstlerischen und lebensunwilligen Menschen, die, in der Torheit eines beschränkten Ichs befangen, die Weiterentwicklung des Lebensfestes nicht mitfeiern können, sind Schädlinge, die den Stillstand ihrer alten erworbenen Begriffe wie einen zu kurzen Maßstab der Weiterentwicklung aller Künste entgegenhalten.
Diesen Menschen begegnen die Dichter ebenso oft wie die Maler und Musiker, und diese zu kurz Empfindenden sind es, die dem Künstler die großen Dornenhindernisse bauen, Dornenhecken, die sie bis in den Himmel seiner Begeisterung wachsen lassen, und an denen er sich oft genug wund und blutig reißen muß auf seinem festlichen Lebensweg.