Um zu verstehen, wie stark Richard Dehmel und Stefan George, jeder in seiner Art, sich damals von der Prosavergötterung jener Tage abhoben, muß man sich erinnern, welche große Bewegung in jenen Jahren in Berlin, im Drama und Roman, die literarischen Kreise im Atem hielt. Auf der Bühne waren es Ibsen und Gerhart Hauptmann, deren Werke gerade daran waren, eine völlige Umgestaltung im Geschmacke des Publikums und in der Schauspielkunst überhaupt hervorzurufen. Man hatte die „freie Bühne“ gegründet. Die „Wiener moderne Rundschau“, eine neuzeitliche Monatsschrift, die neben M. G. Conrads „Gesellschaft“ die Gedanken und Kräfte der naturalistischen Geistesbewegung förderte, war eingegangen und feierte in Berlin im S. Fischerschen Verlag ihre Auferstehung, ebenfalls unter dem Titel „Neue freie Bühne“.

Der Verleger Friedrich in Leipzig, der die moderne Bewegung als erster im Entstehen lebhaft unterstützt hatte, war an seinen modernen Schriftstellern zugrunde gegangen, da das bücherkaufende Publikum wie immer einige Jahresreisen hinter den neuen Dichtergeistern zurückgeblieben war und sie nicht verstehen und kaufen wollte.

An Stelle des Friedrichschen Verlages aber blühte in Berlin der S. Fischersche Verlag für Deutschland auf, der sich damals von allen Verlegern am meisten um die Herausgabe der neuzeitlichen Literatur verdient gemacht hat.

Männer wie Strindberg, Gunnar Heiberg, Gabriel Finne, Knut Hamsun kamen in jenem Berliner Winter aus dem Norden und hielten einen nordischen Vorleseabend im Saal der Singakademie. Sie vertraten die damals wuchtig auftretende neue nordische Prosakunst.

Ich erinnere noch gut jenen Abend, an dem ich Strindberg zum erstenmal auf dem Podium hinter einem kleinen Holztischchen stehen sah, ein Blatt Papier in der Hand, von welchem er eine Novelle zu lesen angesagt hatte. Aber sein Gelispel aus dem überkleinen Mund unter dem riesengroßen Schädel drang nicht über das kleine Tischchen vor ihm fort, und die Zurufe des Publikums „lauter, lauter“ wollten nicht enden.

Alle Leute legten sich, um Strindberg hören zu können, mit den Köpfen, soweit sie es vermochten, vor, und es war, als wüchsen den Horchenden die Ohrmuscheln zu Strindberg hin, so sehr sehnte sich ein jeder, nur ein kleines Wörtchen von dem nordischen Mann aufzufangen. Dieser aber lispelte, als spräche er zu dem Blättchen Papier allein, und im totenstillen, menschengefüllten Saal konnte jeder nur das unhörbare Zwiegespräch Strindbergs, das er mit seinem Manuskript hielt, mit den Augen aufnehmen.

Jedem anderen hätte man unwillig sein leises Lesen endlich verwiesen, aber hier war es anders. Es war einer meiner tiefsten Eindrücke, festzustellen, daß Strindbergs Erscheinen und Anwesenheit genügte, die vielhundertköpfige Menschenmenge in ein Anschauen zu bannen. Die Rufe „lauter, lauter“, die zuerst gewagt wurden, blieben weg, und eine halbe Stunde lang versank der Wille der Ohren vor dem Willen der betrachtenden Augen. Ein brausender Beifall toste dann, als die Hand mit dem Papier sank und Strindberg mit einem kaum merklichen Kopfnicken das Podium verließ.

Dieser Glaube und diese Andacht vor der Schöpfungsgewalt eines neuen Mannes hat mich gerührt und hat mir wohlgetan, und ich habe gern die Novelle verloren, auf die ich gespannt gewesen.

Ich hatte nie vorher einer ähnlichen Wirkung der Macht einer Persönlichkeit beigewohnt. Und man hätte nach dem Eindruck, den Strindberg machte, annehmen können, daß dieser Mann in Ruhe, und sich in seiner Kraft behauptend, seine Tage ungequält hätte verbringen können.

Um so erstaunter war ich, als ich eines Tages bei einem Besuch in Friedrichshagen bei Ola Hanson hörte, daß Strindberg sich von aller Welt verfolgt fühle. Dieser Mann, der die Macht hatte, durch seine Erscheinung allein eine Menschenmasse andächtig zu machen und sie zu bannen, befand sich auf steter kläglicher Furcht vor allem Weltalleben.