In jenen Stunden, wenn Vater und Sohn sich in ihrer Sprache unterhielten, ging ich draußen auf den Steinwegen umher und wunderte mich, wie beweglich jetzt im Frühling sogar das unbewegliche Steinland wurde. Da waren tausend kleine Wasser, die wie ein verstricktes Netz über alle Hügel und Berge gerieselt kamen, und überall hörte man die Echos von Tropfen noch tagelang, nachdem die kleinen Bäche längst versickert waren.

In der Osternacht standen dann die Hügel dunkelblau und trocken, aber ein heller gelber Berg kam wandernd am Erdrand herauf. Der war zuerst nur ein kleiner Hügel in der Ferne. Mitten unter den abenddunklen Hügeln ein einziger sonniger Hügel. Und er wuchs, während ich wanderte, und rollte über die fernen Granitkuppeln fort und wurde zur goldenen Vollmondskugel, die sich vom Erdboden ablöste.

Der Mond hier in den ewigen Steinen war wie ein Leib aus Fleisch und wanderte wie ich, und ich hätte mich nicht gewundert, wenn ich ihm dann später in einem der stillen Steintäler an einer Wegecke ganz nah begegnet wäre. Er schien mir hier keine ferne Welt zu sein, die da im Weltraum um die Erde kreist. Er war in diesen einsamen Tälern, wo niemand meine deutsche Sprache sprechen konnte, und wo ich so allmählich lernte, schweigend mit den schweigenden Dingen zu reden, mein heimatlicher Wanderkamerad.

Aber ich dachte mir dabei den Mond nicht als Menschen aus, mit dem ich plaudern wollte. Ich sagte nicht du und nicht Sie und nicht Mann und nicht Frau zu ihm. Ich ging und er ging, und wir schwiegen und verstanden uns, und näher bin ich dem Mond nie wieder gekommen als in den einsamen Steinhügeltälern in Bohuslän, wo wir Kameraden waren und im fremden Lande deutsch sprachen.

Da gab es auch einen Platz am Weg beim Pfarrhaus, wo ein Dachs wohnte. Seit Jahren wohnte er da und war ein alter Nachbar des Pfarrhofes. Und wenn ich mit einer der Töchter spazieren ging, sprachen die jungen Mädchen immer geheimnisvoller und leiser in der Nähe der Wohnung des Nachbarn und riefen ihm Scherzworte zu wie einem alten Hausfreund.

Und da war ein kleiner Birkenhain am Fuße eines Hügels und am Rande eines Baches. Wenn wir dort hinkamen, sprachen die Mädchen noch leiser und legten den Zeigefinger auf den Mund, weil im Frühlingsabend der Birkhahn balzte. Der war der zweite Nachbar. Und er balzte dort in jedem Frühjahr, solange die Leute denken konnten. Vielleicht war es immer ein anderer, aber davon sprach man nicht.

Und der junge Schwede — der neben der Schriftstellerei auch Botanik pflegte — hatte eine Birke dort am Waldrand besonders lieb. Und schon als Knabe hatte er in jedem Frühjahr die Birke mit seinem Messer angeschnitten und ein kleines Rohr in den Stamm gesteckt und sich den Birkensaft in den Mund träufeln lassen und hatte oft so der Birke Herzsaft genossen.

Wenn er jetzt manchmal heimkam vom Walde, hatte er wieder seine Birkenfreundin besucht, und dann war er immer schwärmerisch gestimmt. Er behauptete auch oft, wenn er von seinen Spaziergängen heimkam, wunderbare Blumen gefunden zu haben. Doch wenn er sie mir zeigte, waren es die allerwinzigsten Blüten der Welt. Denn andere wuchsen dort in der steinernen Welt im Vorfrühling noch nicht. Stiefmütterchen, deren Blüte nicht größer als eine Linse war, kleine blühende Bärenmoose und die kleine Linea, die stark mandelduftende Lieblingsblume der Schweden, die nicht größer als ein großer Stecknadelkopf ist. Wunderbar waren diese winzigsten Blumen wohl, aber ich hätte, an die deutsche Flora gewöhnt, diese fast unsichtbar blühenden Pünktchen nicht Blumen nennen können und erwartete immer, wenn der Schwede von Blumen sprach, daß er einen Strauß von großen Blüten nach Hause bringen würde, wie ich sie aus deutschen Wäldern und Wiesen kannte.

Oben auf den Granitkuppeln, wo wir im Vorfrühling, nachdem der Schnee so plötzlich verschwunden war, zur Mittagsstunde, wenn die Sonne die Steine wärmte, am liebsten saßen, weil man von dort die ferne Meerscheibe sehen konnte, dort wuchs aus Steinplatten heraus eine rote krallenartige Blüte. Und der Schwede fing manchmal eine kleine Spinne oder eine Fliege und warf sie auf die Krallenblume. Jedes Glied dieser Blüte war eine kleine Röhre und sah klebrig glänzend aus. Ein solches Röhrchen krümmte sich sofort und verschluckte das ihm zugeworfene Insekt. Diese Blume lag da vor uns im Sonnenschein auf dem Granit, der früher Meeresboden war, und erinnerte an den verkümmerten Rest einer einst hier lebenden Tiefseepflanze, die sich am Meeresgrund Beute gefangen hatte mit schlangenartigen Armen, und die nun die Insekten in der Luft belauerte.

Winzige Eidechsen huschten vertraulich, wenn wir auf den Steinen saßen, bis an den Rand unserer Schatten. Dann aber erschreckten sie vor unseren beweglichen Schatten zurück und schossen wie kleine Pfeile davon.