Ich hatte in den ersten Tagen gefürchtet, mit dem Pfarrer über Glaubensfragen in Streit zu geraten. Aber dieses Pfarrhaus war so einzig dastehend in der Welt wie die Landschaft, in der es lag. Es herrschte da jene echte selbstverständliche Lebensandacht. Die Würde und die Ruhe, die den alten Pfarrer umgaben, waren ebenso unerschütterlich wie die Weltallwürde der Granithügel draußen. Denn dieser Geistliche dachte nicht daran, Glaubensfragen irgendwelcher Art aufzuwerfen oder aufzutischen. Sein Leben war tägliche Amtsarbeit, durchdrungen von ernster menschlicher Güte.
Zu Anfang jeder Woche besuchte der alte Herr bei Wind und Wetter — die dort schneidender als irgendwo sein konnten — ferne, verstecktgelegene Armeleutehäuschen seines Sprengels, wenn er vorher Nachricht bekommen, daß irgendein armes Weib oder ein Kind oder ein alter Mann krank lagen. Am Mittwochnachmittag war Katechismusstunde. Aber man denke nicht, daß da Kinder ins Haus kamen, um die Sprüche und Gebote des Katechismus aufzusagen.
Es gab im Pfarrhause eine Bank, die stand unter dem Gebälk des Dachbodens, wo des Pfarrers Arbeitszimmer als breite Mansardenstube lag, und dort vor der Tür, unter dem schiefen Dach, saßen an jedem Mittwoch schiefgebückte und ein wenig schiefgeratene Frauenzimmer der weitzerstreuten Gemeinde. Da waren Frauen, die Ehebruch begangen hatten, und junge Mädchen, die der Verführung eines Burschen nachgegeben hatten und sich nun Mütter werden sahen, ehe sie noch mit dem Burschen einen Hausstand gegründet hatten. Diese Verfehlungen gegen Haustreue und Gesellschaftssitte mußten vom Pfarrer dadurch gerügt werden, daß die betreffenden Frauen zusammen Mittwochs zur Katechismusstunde befohlen wurden, wobei sie noch einmal das betreffende Gebot, das sie außer acht gelassen hatten, sich einprägen mußten und sich vom Pfarrer einige darauf hinweisende Worte zum besseren Verständnis ihrer Lebensstellung sagen lassen mußten.
Der junge Schwede machte sich an jedem Mittwoch immer ein besonderes Vergnügen daraus, mich aus dem Giebelzimmer, das ich bewohnte, zu rufen, um mit mir langsamen Schrittes und plaudernd im Hausboden auf und ab zu gehen, wo die büßenden Frauen und Mädchen der Fischer oder Mägde der nächsten Güter auf der langen Bank verlegen beieinander saßen und auf den Pfarrer warteten.
Freitags war der Begräbnistag. Am ersten Freitag meines Aufenthaltes dort wußte ich das nicht. Als ich ahnungslos, am Giebelfenster sitzend, von meinem Buch zufällig aufsah, hörte ich fern am Himmelsrand, wo ein Schneeweg zwischen Granithügeln ging, einen Schlitten klingeln. Als dann das Gefährt am Pfarrhaus vorbeikam, bemerkte ich einen Sarg, der neben dem Kutscher einen großen Platz im Schlitten einnahm. Dieser eine Sarg erstaunte mich noch nicht sehr. Der Schlitten mit dem Sarg fuhr hinter die Hügel, wo die Kirche lag.
Aber nach einer Weile, als ich einen Spaziergang machte, kam auf einem ganz anderen Schneeweg, von einer ganz anderen Himmelsrichtung wieder ein Schlitten an, und als er näher kam, sah ich, daß dieser Schlitten auch einen Sarg mit sich führte. Und auf einem dritten Weg aus einer dritten Richtung hörte ich dann wieder einen Schlitten klingeln, und nun blieb ich neugierig am Kreuzweg im Schnee stehen, um zu sehen, ob er auch einen Sarg dabei hatte. Und wirklich, es war wieder ein Sarg auch auf dem dritten Schlitten.
Nun wurde es mir ganz unheimlich. Da schwarzgekleidete Leute in jedem Schlitten saßen, die in ihre Taschentücher weinten, so konnten die Särge nicht leer sein. Und da die Schlitten aus verschiedenen Himmelsgegenden kamen, nahm ich an, es sei im ganzen Land eine Epidemie ausgebrochen.
Ich hörte dann aber im Pfarrhaus, daß jeden Freitag der Beerdigungstag war. Da die Leichen in dem kühlen schwedischen Klima acht Tage zu Hause aufgebahrt liegen dürfen, konnte man es so einrichten, einen einzigen Tag in der Woche zum Beerdigen festzusetzen.
Samstag und Sonntags waren Kindstaufen und Hochzeiten angesetzt. Diese fielen aber meistens in die wärmere Jahreszeit und nicht in die Schlittenzeit, indessen die Särge natürlich auch in der wärmeren Jahreszeit nicht ausblieben.