Als dann eine freigeistige Zeit anbrach, kam auch die große Zeit für die Porträtmaler, wobei dieselben ihre Menschen nicht mehr als Heilige und Madonnen verkleiden mußten. Sie folgten der befreiteren Weltanschauung ihrer Zeit und malten, so gut sie konnten, auch Landschaften, in denen aber erst immer noch Menschenfiguren als Beigabe herumstanden.

Zu dem vielseitigeren Genießen reiner Landschaften, reiner Naturstimmungen und zum Malen aller Leben ist erst unsere heutige Zeit mit der aufgeklärteren Geistesrichtung gekommen. Aber sie übt diese Kunst noch nicht so sichtlich reichhaltig und durch Menschengeschlechter geschult, wie es die buddhistischen Maler Asiens vermögen, welche die Insekten, fliegende Vögel, alle Blumen und Gräser und alle Naturstimmungen mit wenigen, kennzeichnenden Strichen wunderbar künstlerisch darstellen.

Laßt aber allen europäischen Völkern einmal die Weltanschauung von der Festlichkeit des geringsten Daseins bewußt werden, die Überzeugung von der Bedeutung der unendlichen Schöpferkraft, die in jedem Geschöpf liegt, die nicht nur den Menschen seelenvoll nennt, sondern, seelenvoll und dem Menschen gleichgestellt, das letzte Lebewesen, dann wird erst ein großes künstlerisches Aufblühen und damit ein inniges Vertiefen in alle Weltleben in der Dichtung, der Malerei, der Bildhauerei und der Musik einsetzen, so daß dann die Welt offensichtlich zu einer Festwelt wird.

Denn ihr sollt nicht sagen, die Japaner und die Chinesen und die meisten Asiaten erzeugen nur deshalb so viele Kunstwerke, und jeder ihrer Gebrauchsgegenstände ist nur deshalb von einem Kunstgedanken zum Leben gebracht, weil diese Völker ein angeborenes größeres Kunstverständnis und stärkeren künstlerischen ausübenden Sinn mit auf die Welt gebracht haben.

Das ist es nicht. Das ist eine bequeme Täuschung, mit der ihr euch selbst herabsetzt, weil ihr euch in Europa nicht gründlich in aller Weltallfestlichkeit erkannt habt, weil ihr euch nicht gründlich vertrauen wollt und noch teilweise in einer kunstfeindlichen, weil weltfeindlichen Weltanschauung befangen seid.

Die Künstler aller Zeiten waren wohl immer durchdrungen von der Festlichkeit aller Leben. Es waren nur die Volksmassen, die den Künstlern den Zwang einer beengenden Weltanschauung auflegten. Aber auch die Völker sind im letzten Grunde immer von der Festlichkeit des Daseins überzeugt gewesen, es fehlte ihnen nur die Reife und die Kraft des Eingeständnisses.

Die Kunstseele ist in allen Völkern und zu allen Zeiten immer dieselbe gewesen. So wie das Sonnenlicht jeden Tag rund um die Erde geht und überall Sonnenlicht ist, wenn ihr es nur zu euch kommen laßt und euch nicht vor dem Licht versteckt und das Licht nicht verbaut, und so wie die Erde unter euren Füßen euch rund um die Weltkugel gleichmäßig trägt und überall dieselbe Erde unter euren Füßen bleibt, so seid ihr Menschen, wandelnd zwischen Sonne und Erde überall auf der Welt, durchdrungen von der Lust am Betrachten, am Zuhören und Wiedergeben der Welteindrücke, durchdrungen von der Weltallfestlichkeit, geboren.

Und aus diesem festlichen Empfinden heraus, das überall dem Menschenleben bei allen Völkern angeboren ist, entstehen auch überall die drei Kunstarten: Dichtung, Bildnerei und Musik. Nur schwächende Weltanschauungen und enge Weltüberblicke können teilweise das festliche Weltbetrachten dem Menschenherzen verkürzen, so daß die künstlerische Wiedergabe beschränkt wird.

Setzt aber einmal bei allen Völkern eine festliche Weltanschauung ein, so werdet ihr sehen, daß alle Völker höchste künstlerische Kräfte besitzen, und daß das Menschenleben sich zu einem harmonischen Fest auch in künstlerischer Hinsicht gestalten wird.