Das Osterfest 1892 kam heran, und ich ging an einem Karfreitag, erfüllt von den Erinnerungen alter Osterzeiten, durch die Kirchen Münchens und kam in eine hohe alte Kirche, die war dunkel und wirkte wie ein geräumiger Keller. Und die Menschenmenge, die zu dem einen Eingang hineindrängte, Kopf an Kopf, und die Kirche durchquerte und zu einem anderen Eingang hinausdrängte, schob mich vorwärts.

Alle großen Gemälde über den Altären und die Altäre selbst und die Altarstufen waren, wie das immer in der Karwoche ist, mit tiefvioletten Tüchern zugedeckt. Und durch die Weihrauchwolken sah ich die Pyramiden der Kerzen aufragen, deren unzählige spitze Flämmlein mir den Eindruck von goldenen Dornen machten.

Vom Weihrauch halb verhüllt, stand der in Spitzengewänder gekleidete Priester am Altar, und als ich einen Augenblick zurücksah über die Menge, die mich vorwärts schob, stach durch die offene hohe Kirchentür das blauweiße Tageslicht grell in das dunkle Kirchengewölbe herein, als stahlblauer Strahl und war wie ein mächtiges helles Schwert über den Köpfen der Menge. Und die Menschen, die Kopf an Kopf da drängten, erschienen mir wie ein Heerwurm, der unter dem blanken drohenden Schwert durch die Kirche zog.

Einen Augenblick schien es mir, als ich den Weihrauch aufsteigen sah, als hätten die Kerzen das violette Tuch, das über dem Altarbild hing, angezündet, und als rolle das Tuch feurig brennend und rauchend über den Köpfen der Menge hoch.

Ich ging dann nach Hause und schrieb den visionären Eindruck dieses Karfreitagkirchenbesuches in kurzer Skizze, die ich „Auferstehung“ betitelte, nieder. Ich gab den Eindruck so wieder, wie ich ihn eben erzählt habe, nur ein wenig mehr ausgearbeitet, in heftigeren Farbeneindrücken und in knappen, etwas gehackten Sätzen.

In jenen Tagen in München — das muß ich noch vorher bemerken — hatte ich mir manches Mal ein Buch in der „Bibliothek der Modernen“ geliehen. Diese Bibliothek war im Hause des Schriftstellers Schaumberger, und dort im Hausgang war ich im Vorübergehen den Dichtern O. J. Bierbaum und Ludwig Scharf vorgestellt worden.

Einige Tage später erhielt ich von O. J. Bierbaum die Aufforderung, eine kleine Arbeit für den „Musenalmanach“ 1892–1893 einzusenden.

Nichts schien mir geeigneter für diesen Zweck als die kleine Skizze „Auferstehung“, die kaum zehn Druckzeilen groß war, und die ich für meine erste und beste Leistung auf dem neuen Weg beschreibender Prosa hielt.

Ich dachte mir aber, daß wahrscheinlich Hunderte von Schriftstellern zu Beiträgen für den Musenalmanach aufgefordert worden waren, und daß das, was ich geschrieben hatte, so wenig war, daß es in dem Buchband kaum zehn Menschen auffallen würde. Mir persönlich sollte diese kleine Skizze die Linie zeigen, die ich einschlagen wollte. Nicht Wirklichkeitsschilderung, sondern in Vision umgesetzte Wirklichkeit wollte ich von jetzt ab geben.

Ich hatte damals noch keine Ahnung von Kritik und Kritikern überhaupt. So wie es nirgends in der Bibel steht, daß Gott bei seiner Schöpfung an eine Kritik derselben gedacht habe, so wenig war mir der Gedanke gekommen, daß ich je eine gedruckte Kritik über mich lesen würde. Ich selbst hatte nie Kritiken über Bücher gelesen, so wie ich auch bis dahin nur äußerst selten eine Tageszeitung in die Hand genommen hatte.