Und ich stellte mir dann vor, wie meine Blumen nun da unten liegen mußten und sich nach der Sonne und nach den Wiesen oben sehnen würden, und daß der Seegrund sie nun nie mehr loslassen würde, und daß sie zu Stein werden mußten neben dem Stein, der sie hinuntergezogen hatte in die grüne Glaskammer des Sees.

Als ich müde war vom Hinunterschauen, sah ich drüben über dem Seeufer einige schneebedeckte Berge Tyrols, und wenn auch keine Gletscher zu sehen waren, so bildete ich mir doch ein, so starr weiß müßten Gletschergipfel unberührt den ewigen Schnee tragen wie jene verschneiten Berge.

In demselben Augenblick ging die Sonne unter, und die Schneegipfel färbten sich, als wüchsen auf ihnen vor meinen Augen Felder von rosa Alpenhyazinthen. Es war aber nur die Abendsonne, die die äußersten Erdzacken aufglühen ließ.

Und dieses feierliche Schauspiel, dem ich im Boot, schwebend über der Seetiefe, im lautlosen Abend zusah, das prägte sich so stark in mich ein, daß ich es dichtend nachgestalten wollte, so wie es gewesen.

Und nach München zurückgekommen, dachte ich mir aus, ich wollte ein Drama schreiben, in welchem kein Mensch auftreten sollte, wie ich das schon einmal gesagt habe. Nur einzelne Menschenstimmen und Menschenchöre und Musik hinter der Bühne sollten die Verwandlungen begleiten.

Und ich wollte zuerst hinter der Szene eine große Stimme singen lassen. Das sollte die Stimme der menschlichen Sehnsucht sein. Und unsichtbare Chöre des Weltalls sollten ihr antworten.

Und die Sehnsucht sollte hinuntertauchen in die Meerestiefe, in die Pflanzengärten dort unten, wo die Perlen in ihren Schalen singen und tausend Jahre reifen. Und das Bühnenbild sollte den farbigen Meergrund zeigen.

Und die Sehnsucht, keine Ruhe in der Meerestiefe findend, sollte dann zum Gletscher eilen, zum ewigen Schnee. Und auf der Bühne sollte das Eis der Gletscherfelder aufglühen in der Abendsonne, und Chöre der Stimmen des ewigen Schnees sollten antworten, so wie die Scharen der Perlen in der Meerestiefe der Sehnsucht geantwortet hatten.

Und die Sehnsucht sollte, auch dort keine Ruhe findend, vom Gletscher zur Wüste eilen und dem Sand und den Sandmeilen zusingen. Und der im heißen Wind aufwirbelnde Sand sollte in Chören der Sehnsucht antworten.

Und die Sehnsucht sollte endlich heimkehren, heimgetrieben, nachdem sie nicht Ruhe gefunden, nicht in der Tiefe des Meeres, nicht in der Höhe des ewigen Schnees, nicht in der Hitze der Wüste.