Was nützt ein stehendes Heer, was nützen alle Offiziere und Beamte, die zum Kulturschutz da sind, wenn in dem Schutzwall, den das Heer und das Beamtentum um die Geisteskraft des Volkes bilden soll, diese Geisteskraft nicht zu gepflegtem Blühen gebracht wird. Denn die höchste Blüte der nationalen Geisteskraft war nie allein das Gelehrtentum eines Volkes, sondern vor allem war es das Künstlertum.

Seht zurück auf die Jahrtausende, was von dem Leben der toten Völker heute noch fruchtbringend zu uns gekommen ist. Es sind das meistens nur die künstlerischen Werke toter Nationen. Mit den Wissenschaften vergangener Jahrtausende können wir nicht allzuviel mehr anfangen, und nur einiges davon wirkt noch befruchtend, während die Dichter und die Künstler untergegangener Nationen heute noch in ihren Werken immer gefühlbefruchtend ewig unter uns weiterleben.

Wir können fast gar nicht daran glauben, wenn wir zum Beispiel ein altes chinesisches Gedicht, ein indisches Lied, ein griechisches Drama, eine ägyptische oder griechische Bildsäule nachempfinden, daß diese Geschlechter, aus deren Zeit diese Werke uns überliefert wurden, vom Erdboden verschwunden sind. Diese Geschlechter haben nur ihren Körper, aber nicht ihren Geist aufgegeben. Denn ihr Geist lebt in den überlieferten Kunstwerken fruchtbringend und unüberwindlich, alle kommenden Zeiten zur Achtung zwingend und an die tote Zeit erinnernd.

Die Künstler sind die unsterblichen Atome der Völker. Was diese Atome taten oder sagten, behält ewige Lebenswärme, wenn es echt gewesen. Denn die Werke der Künstler bilden den Unsterblichkeitsbestand untergegangener Völker.

Und wenn der einzelne Mensch gern an ein Fortleben seines eigenen Lebens und des Lebens seiner Lieben denken möchte, so wird er, wenn er ein ernstes Wesen ist, auch an dem Fortleben seines Volkes, in dessen Mitte sein Leben sich abspielte, beteiligt sein wollen und sich daran beteiligen müssen.

Darum wird es Ehrenpflicht jedes Bürgers sein, daß er mit der Erhaltung des Künstlertums und mit ehrenvoller Verpflegung der Künstler zur Unsterblichkeit der Nation beisteuert. Ebenso, wie jeder tüchtige Bürger zur nationalen Verteidigung mit seinem gesunden Körper und seinen Steuern willig beiträgt. Es wird eine Steuer, zum Nutzen der Künstler den verschiedenen Ständen des Volkes, der Arbeiterklasse, der Beamtenklasse und der Kaufmannsklasse angepaßt, das ganz selbstverständliche und natürliche Mittel sein, zu dem die veredelte und sich selbst achtende Nation greifen muß, um festliche Daseinsberechtigung und künstlerische Unsterblichkeit zu erlangen.


Als eines der vielen tausend Beispiele, die ich bringen könnte, um dem deutschen Volk zu berichten, wie bitter und grausam ein junger Künstler von der Verpflegungssorge gequält werden kann, will ich nur einen der unglücklichsten Fälle aus meinem eigenen Leben erzählen.

Es war eines Tages in Paris. Meine Frau und ich waren schon wieder von Mexiko zurückgekehrt, wo wir gehofft hatten, unter billigen Lebensverhältnissen und fern von dem anspruchsvollen europäischen Leben uns niederzulassen und uns durchzuschlagen. Es war ein Rettungsversuch gewesen, ein Fluchtversuch fort von der Überkultur. Mit dem Rest meines Vermögens hatte ich mir in Mexiko einen Tropengarten kaufen wollen, dessen Ertrag uns ernähren sollte.

Diese und viele andere verzweifelte Versuche, Dichtung und Lebensverdienst zu vereinigen, waren gescheitert, und mittellos befanden wir uns wieder, nach Paris zurückgekehrt, in einem bescheidenen Künstlerhotel im Stadtviertel Montparnasse. Wir wohnten in einem kleinen Zimmer, das wirklich für nicht mehr als fünf Schritte Raum hatte. Aber wir waren verhältnismäßig unbesorgt, und ich dichtete, und wir hofften auf die Hilfe von Verwandten, denen wir geschrieben hatten.