Trotzdem der italienische Student die Verstimmung deutlich merkte, die sein grauenhafter Jagdsport in unseren deutschen Gemütern anrichtete, bewahrte er seine südlich lässige Höflichkeit und lud uns ein, von den Trauben zu pflücken. Und der Zwerg, der dabei stand, kletterte behend an einem Pfeiler hoch und riß ein paar Trauben ab, die er uns hinreichte.
Mir aber saß noch das Herz im Hals von der Vogelmetzelei, die ich hier gesehen hatte, hier im harmlosen blauen Morgen, den die Wiesenblumen und das Vogelgezirp schmücken sollten, und wo man unter den laubigen Traubengängen keine Verräter und Mörder der Morgenunschuld vermuten konnte.
Ich mochte keine Traube anrühren, und auch Ulrike legte die ihr zugereichte Traube, ganz beklommen dankend, neben sich ins Gras.
Sie sagte mir leise, sie wolle gehen. Der Student verstand es und sagte, er wolle uns noch in den Weingarten führen, wo sein Freund viele Netze aufgespannt hätte und die Vögel in einer anderen Weise einfinge als er.
Im Garten droben nahm uns dann der Drogist in Empfang. Er führte uns durch die dichten Laubengänge, in denen hohe Rebenstöcke standen, die an Drähten ausgebreitet wuchsen und hohe Korridore bildeten. In diesen Gängen, an den Traubenwänden entlang, waren große haardünne Netze aufgespannt. In ihnen verfingen sich die kleinen Vögel im Durchfliegen. Sie zappelten hier in den Maschen wie die anderen vorhin an den Leimruten. Aber das Erschütterndste hier waren nicht die Netze, es war nicht die Fangart, sondern die Lockweise. Es waren da eine Reihe Käfige an der Wand. In denen hielt sich der Drogist geblendete Nachtigallen. Den Nachtigallen, die er gefangen hatte, hatte er die Augen ausgestochen, damit sie in ewiger Finsternis besser singen sollten. Die armen Tiere waren also doppelt gefangen, doppelt geängstigt, und ihre Klagen wurden doppelt schmelzend, doppelt sehnsüchtig.
»Das haben Sie getan?« fragte Ulrike unbefangen, aber zugleich blieb sie wie erstarrt vor einer blinden Nachtigall stehen. Sie konnte es noch gar nicht begreifen, daß es schändliche Wirklichkeit war, was sie sah. Und der Drogist grinste. Aber er hatte eine seltsame Art, über die Köpfe der Menschen fortzusprechen. Was er nicht hören wollte, übersprach er. Nur sein Blut, das ihm leicht zu Kopf stieg, zeigte, daß er gehört hatte.
Auch mir grauste es jetzt vor diesem Garten, der da am See hinter hohen Mauern eingeschlossen wie eine große Mördergrube lag. Von außen hätte man der harmlosen Mauer nicht ansehen können, daß dahinter die freiesten Geschöpfe der Erde, die kleinen, dem Menschenherzen so wohlgefälligen Nachtigallen und andere Singvögel, lebenslängliche Folterqualen und Tausende von ihnen einen gräßlichen Tod erleiden mußten.
Also dieses war das Grauen, dachte ich, als ich mit Ulrike den Garten verlassen hatte, das ich durch die Mauern gefühlt habe, als ich am ersten Abend durch den kleinen, brütend schwülen Ort hinaus zu den grimassenschneidenden Olivenhainen am Bergabhang gewandert war.
»Ich will keine Musik mehr von diesen beiden hören und kein Lied«, sagte Ulrike ganz erschüttert. »Pfui! Wenn ich das gestern abend gewußt hätte, daß die beiden solche Scheusale sind!«
»Sie werden aber heute abend doch mit den jungen Leuten auf das Scheinwerferboot gehen und über den See kreuzen, wozu Sie gestern abend der Offizier eingeladen hat.«