Ich vergaß auch diese Begebenheit wieder. Aber nach Mitternacht, als ich mich zu Bett legte, schloß ich vorsichtig alle Türen.

Das Amulett hatte ich genau betrachtet, und nach dem Alter der Darmseite zu schließen, an die es gebunden und die vom Tragen sehr abgenützt war, konnte ich mir vorstellen, daß das Amulett wohl schon mehrere Menschenalter um den Hals verschiedener Personen gehangen und auf der Brust verschiedener Leute geruht haben mußte. Bis diese starke Darmseite sich abnützen und durchwetzen konnte, mußten manche Menschenleben dahingegangen sein.

Die an der Männergestalt emporkletternde kleine Frauengestalt war von geschwärzter Silberbronze. Der Mann schien aus Eisenbronze zu sein.

Klobig, simpel, primitiv war die nußgroße Figurengruppe zusammengeschweißt, wahrscheinlich in irgend einer Bergschmiede tief im Himalajagebirge. Vielleicht war sie in einer tibetanischen Klosterschmiede gearbeitet, in einem jener ungeheuerlichen Klöster, die an unzugänglichen Stellen, an Bergabhängen und Bergseen zerstreut liegen auf der Straße nach Lassa hin, jener Straße, die zu der geheimnisvollsten Klosterstadt der Welt führt.

Ich mußte wieder an das stattliche Tibetweib denken, wie es da mitten im Haufen bellender Hunde gestanden und gedankenvoll mein Geld in das gelbe Tuch gewickelt hatte.

Plötzlich fiel mir ein: nach ihrem verwunderten Gesicht zu schließen, hatte die Frau, als mir das Amulett zuflog, vielleicht gar nicht gewußt, daß sie es mir zugeworfen hatte. Sie hatte eine Silberkette in der Hand geschüttelt, und wenn ich jetzt darüber nachdachte, so schien es mir, als wäre ihr unbewußt das Amulett aus den Fingern geglitten, denn ihr Gesicht war verblüfft und nachdenklich, als sie meine Silbermünzen auffing und einsteckte. Jedenfalls aber hatte ich das Amulett mit meinem Gelde bezahlt, und es war mein. So sagte ich mir und legte mich beruhigt zu Bett.

Ich weiß nicht, wie viel Stunden ich geschlafen hatte, als ich durch einen Knall und ein Scherbenklingen geweckt wurde. Ich fuhr auf und hörte ein Geräusch wie von flatternden Flügelschlägen.

Das Kaminfeuer war vollständig niedergebrannt, und der kleine Glutbrocken leuchtete nicht mehr an die Zimmerdecke und nicht mehr an die Wände, von wo aus das klatschende Flügelschlagen herkam.

Ich machte Licht und sah ein schwarzes Tier, groß wie eine Eule, von Winkel zu Winkel fliegen. Als ich auf einen Stuhl stieg, sah ich, daß es eine große Vampirfledermaus war. Ich öffnete die Schlafzimmertüre, die nach der Treppe ging, weit, und rief ins Treppenhaus hinunter, indessen ich mich in meinen Mantel wickelte. Drunten am Kaminfeuer saßen immer einige Diener, die die Nachtwache hatten. Einer von den Männern kam nun herauf, riß die Bettdecke von meinem Bett und schlug mit dem Tuch nach dem Tier in die Luft und scheuchte die Riesenfledermaus durchs geöffnete Fenster in die Nacht hinaus.

Im Fenster selbst fanden wir dann eine Ecke der Scheibe eingestoßen. Doch unerklärlich war es mir, wie die weiche und zartknochige Fledermaus es fertig gebracht hatte, die harte Fensterscheibe einzustoßen.