Ebenso steinig wie der Küstenlandstreifen von Gothenburg bis Strömstad sind auch die Inseln, die Schären, die dem Küstenstreifen vorgelagert sind. Und die Insel Koster ist ungefähr eine der letzten großen Schären im Norden, ehe das Meer in die Kristianiabucht einschneidet. Diese Steininseln und der Steinlandstreifen waren einst die eigentliche Heimat der alten Wikinger. Hier sind noch Inschriften, Runensteine, und bei Strömstad auf einem Hügel das berühmte steinerne Wikingschiff.
Auf der Insel Koster gibt es aber in den Talsenkungen einige Bäume: Erlen und kurze Eichen. Die ganze Insel wirkt durch ihre seltsamen Zwergbäume, Zwergeichen und Zwergwacholder, die in gedrungenen grünen Figuren auf dem manchmal himmelblauen Granitgestein wachsen, zwerghaft wie die Landschaft eines japanischen Gartens.
Zwischen dem Heidekraut auf dieser Insel und bei den reichen wilden Rosenbüschen, die ganz überschüttet von rosa Kelchen dastanden, als ich im Juni landete, liegen die seltsamsten Steine zerstreut; dort ein blendend weißer, wie ein großes Marmorei, dort ein gelber, wie ein harter Honigbrocken oder wie ein Stück Bernstein, dort ein rosenroter wie eine Fleischkeule von einem geschlachteten Tier, dort ein schwarzer flacher wie ein Rabenflügel oder ein runder wie ein Seehundkopf. Hinter den Wacholderfiguren und unter den schirmartigen kurzen Eichen, deren Kronen flach wie grüne Teller auf dem Stamm wachsen, von den Seewinden wie mit einem Messer beschnitten, — bei diesen kleinen Eichen und großen Wacholderbüschen weiden glänzende rothaarige Kühe und Kühe, weiß und schwarz gesprenkelt, als hätten sie sich von der Nacht bemalen lassen mit dunkeln Flecken und mit weißen Flecken vom Mond, mit gelben und roten Flecken von der Sonne. Und die wandernden Kühe mit ihren Flecken, auf der totstillen Insel bei den Flecken der fleischfarbenen schwarzen, weißen und blauen Steine, wandern in der feuerblauen Meerumrahmung, zwischen den grünen Sonnenflecken unter den Eichen, zwischen den rosa Flecken der Rosenbüsche und im Weihrauchgeruch der Wacholderbüsche, wie vierbeinige kauende Götzenbilder. Tags fressen sie immer alle nach einer Richtung hin gewendet, den Sonnenschein zwischen den geschweiften Hörnern auf der Stirne tragend, und hinter ihnen kreischen die silberweißen Flecken von Möwenscharen im indigoblauen Junihimmel. Nachts, in den Sommernächten, in denen die Sonne kaum für eine Viertelstunde um Mitternacht untergeht, liegen die Kühe draußen unter den Eichen und schlafen alle mit der Stirn nach Osten gerichtet und liegen beieinander in der lauen Dämmerung der hellen Nacht und unter den Schirmen der Eichen wie ein schwarzweißer Teppich von Hermelin.
Kleine Hütten sind überall zerstreut. In einer, bei einem großen Getreidefelde, wohnt der König von Koster. Es ist der älteste und der reichste Fischer und hat fast die ganze Insel mit seinen Söhnen und Töchtern bevölkert. Die Königstöchter waschen und bügeln, schlagen Gras und mähen Korn, melken die Kühe und singen abends. Die Königssöhne spielen abends auf Fideln und Mundharmonikas, nähen tags Fischernetze, fahren Mist, liegen draußen in den Booten, sehen nach ihren Hummerkästen und angeln Makrelen und Dorsche, drehen Taue und teeren Taue und ziehen im Winter hinunter nach Gothenburg auf den Heringsfang.
Manche Fischer wurden Kapitäne auf Last- und Personendampfern an der Steinküste, andere wurden Matrosen und fahren rund um die Erde. Andere wanderten nach Amerika aus und wollten Gold holen in Klondyke, und kamen heim statt mit Gold mit amerikanischen Zeitungspapieren in den Taschen und gingen wieder zurück zu ihren Hummerkästen und Angelschnüren.
Nie aber, solange die Könige, die Königstöchter und die Königssöhne von Koster zurückdenken können, hat es auf dieser Insel einen Diebstahl oder gar einen Totschlag gegeben. Niemals war eine Gerichtssitzung oder ein Polizist auf Koster gewesen. Die Menschen dieser Insel sind unschuldig wie der Mensch am ersten Tage der Schöpfung.
Dies alles muß man vorher wissen, um die winzige Geschichte von dem winzigen Giftfläschchen zu verstehen. —
Es war kurz nach Johanni, als das große Makrelenboot abfuhr, das die jungen Leute von Koster und von den umliegenden Inseln abgeholt hatte, um hinaus in die Nordsee zu fahren und draußen während des Makrelenfangs liegen zu bleiben, bis es Herbst wurde. Dieser war der wichtigste Sommertag für alle Bewohner der Insel: der Abfahrtstag des Makrelenbootes. Im kleinen Hafensund schwamm, als das große Boot mit seinen großen rotbraunen Segeln wie eine Riesenpflugschar im Meer um die Ecke der Insel verschwand, ein Dutzend Rudernachen. In jedem Boot saßen ein oder zwei Frauensleute und hielten ihre Schürzen vor das Gesicht und weinten. Es waren Frauen, die ihre Männer fortsegeln sahen, Bräute ihre Bräutigams und Mütter ihre Söhne.
Das ganze weibliche Königsgeschlecht von Koster saß dort auf dem Wasser und weinte, und auf dem Mammutrücken der blauen Granitklippen standen vereinzelt einige Hofhunde, die hinter ihren fortziehenden Herren herbellten, und neben den weinenden Frauen in den Booten bellten andere Hunde, so daß die Luft voll Schluchzen und Bellen war.
Ein älterer Mann, den alle den »Heiden« nannten, weil er fürchterlich fluchen konnte und seit Jahren niemals bei einer Kirchenversammlung auf einer der Inseln gesehen wurde, er, der früher Kapitän gewesen war und zwei Dampfschiffe verloren hatte, trat jetzt auf mich zu und reichte mir ein kleines Fläschchen mit einem zusammengefalteten kleinen Zettel. Der Alte war blaurot im Gesicht, und sein grauer Spitzbart saß ihm trotzig kurzgeschnitten am Kinn. Er hatte seinen guten blauen sonntäglichen Tuchanzug an und seine alte Kapitänsmütze auf, mit einer goldenen Borte daran.