Nie fehlen Blumen auf ihrem Teetisch, nie geht bürgerlich langweilige Luft durch ihre Zimmer. Es ist Claudia ein Genuß, wenigstens äußerlich glücklich zu wirken — auf die nicht Eingeweihten, die nicht in ihren schwarzen Augen zu lesen verstehen.
Lange Zeit erschien sie immer als glückliche Gattin, die, leicht die Achsel zuckend, die Lebensweise ihres Mannes hinzunehmen schien. Und viele mögen verblüfft gewesen sein, als Claudia plötzlich mit dem Kaukasier verschwand. Aber nicht einer hatte es ihr beim näheren Hinsehen verdenken können.
Und nun zurückgekehrt, scheint sie die Rolle der Glücklichen nicht mehr harmlos spielen zu können. Dazu ist ihr Gesicht doch zu blaß geworden, und ihre Züge sind wachsmaskenartig erstarrt. Ihre Augen funkeln nicht mehr lebenstrotzig. Der Trotz sieht versteinert aus und steckt als Kern in ihrem Herzen.
Am Weihnachtsabend, als ich bei Claudia und Dagon mit einigen Gästen eingeladen war und jene Frau uns alle unter den brennenden Weihnachtsbäumen ihres Salons beschenkte, da schien es für Sekunden, als könnte doch vielleicht das Wachs ihres Gesichtes nochmals weich werden und schmelzen. Dann aber, als es während des Abendessens klingelte und unter den Geschenken, die von Bekannten geschickt wurden, auch Aufmerksamkeiten von einigen Damen waren, deren Gunst Dagon in letzter Zeit errungen hatte, da sah ich, wie Claudia zu frieren begann. Trotzdem die Zimmer von der Wärmeleitung und den Weihnachtskerzen heiß waren, bat sie, daß man die Fenster schließen möchte, die eine der eingeladenen Damen geöffnet hatte. Die Gepeinigte fror von innen heraus. Ich glaube, sie muß ihr Herz in diesem Augenblick so schmerzend gefühlt haben, wie man in der Winternacht das Eisen einer Türklinke brennend kalt fühlt, wenn man die Hand darauf legt.
Dagon hat schon längst keine Geheimnisse mehr vor seiner Frau. Das letzte Schamgefühl ist zwischen ihnen gefallen. Im Gegenteil, er will, daß Claudia nichts fühlen soll und nichts mit ihm teilen soll als die Lust, die ihm seine Abenteuer geben. Sie soll die Lust an dem Verbrechen, das er an ihrer Liebe begeht, sich selbst verleugnend mit ihm genießen.
Wieder haben jetzt beide eine Wohnung, in der kein Hauch von Unglück zu spüren ist. Die hellen weißen und himmelblauen Gemächer, mit gelbseiden verschleierten elektrischen Lampen und voll mit Bildern und Büchern und von zierlichen asiatischen Nippes belebt, sind wie eine irisierende Haut über einem Pfuhl von pechschwarzem Wasser.
Aber die einzige tiefe Empfindung, die man in diesen hellen und gefälligen Räumen erlebt, kommt nicht von den Büchern in den Schränken und nicht von den Kunstwerken aus, sie geht aus von den unglücksglänzenden schwarzen Augen Claudias; diese Augen, denen das Weinen schon längst kein Trost und keine Erlösung mehr ist, glänzen vor Schmerzen.
Bald nach dem Weihnachtsfest sah ich Claudia bei einem Besuch wieder. Sie stand an ihrem Teetisch und trug über dem schwarzen Seidenrock eine goldgelbe Seidenjacke, die war von einem etwas dunkleren Goldgelb als die Schleier ihrer Lampen. Sie schien Ruhe und Wärme auszuströmen, und ich fragte mich erstaunt: was geht in ihr vor? Ihre Augen waren entkräftet und schienen außerhalb des Zimmers traumwandelnd herumzugehen. Ich erfuhr dann, daß sie krank sei, sie hustete, sie hatte Fieber. Es war eine rein äußerliche Krankheit, und Claudia trug diese Krankheit wie ein Weihnachtsgeschenk des Himmels mit sich. Sie, die einstmals so stark war, daß sie nicht für den Tod geboren schien, freute sich, daß ihr Fieber täglich stieg, freute sich, daß ihre Augen erlöschen wollten. Und wenn man sagte, daß sie sich pflegen müßte, lächelte sie nur. Sie erwartete das Sterben und freute sich.
Der Tod kam nicht. Die Schwäche ging vorüber. »Weshalb?« fragte sie erschrocken.
Sie lebt jetzt immer noch im selben Hause mit dem, mit dem sie einst gerungen und gekämpft hat. Sie lebt kampflos jetzt. Beide sehen sich täglich, aber sie sprechen sich wenig. Claudia weiß nie, wohin Dagon geht, wenn er abends seinen Frack anzieht. Sie will es auch gar nicht wissen.