Das Iguanodon
In einem überheißen August kam ich über die Alpen durch Tirol an den Gardasee.
Ehe man in Torbole oder Riva aussteigt hat der Zug hinter Mori ein ungeheueres, von einem vorzeitlichen Bergsturz verwüstetes Gesteintal durchklettert, darin ein grüner sterbender Seetümpel liegt. Dort an den zackigen Steinblöcken, die um den Tümpel liegen und zu Tausenden das Tal füllen, lebt auch noch im Sonnenschweigen vor deinem inneren Ohr das Gekrach und Gedröhn jener furchtbaren Minuten auf, als hier einst in grauester Vergangenheit ein Berg den anderen erschlagen wollte. Man glaubt, ein wahnwitziger Fluch sei damals ausgestoßen worden und habe rundum die Steine und die Bergwände in Bewegung gesetzt.
Die Legende erzählt, daß sich Dante hier den Eingang zur Hölle vorgestellt hätte, den er in der Göttlichen Komödie schildert. Wie ungeheuerliche, versteinerte Qualen, wie ein himmelragender steinerner Dornenkranz starrt das spitzige, verwitterte Gebirge, von Wolken umraucht, im Norden des Gardasees in den Himmel. Es sieht aus, als wären höllische Blitze und höllische Erdbeben die Baumeister dieser Bergungetüme gewesen.
Während im Süden der Gardasee sich in breiter sonniger Fläche dem heiteren Himmel Italiens und unendlicher Fruchtbarkeit entgegenstreckt, ragen im Norden die kahlen Alpenketten wie Ambosse der Götter in den Himmel, und es ist, als würden dort furchtbare Schicksale geschmiedet.
Freunde hatten mir geraten, in Torbole zu wohnen, wo viele Österreicher im Sommer baden, und wo am See ein lustiges Leben herrscht. Andere hatten mir das stillere Malcesine empfohlen, das am Fuß einer Burg bei schönen Gärten liegt.
Ich kannte den Gardasee noch nicht, und nachdem ich mir die beiden Orte angesehen, war mir der eine zu lebhaft, der andere zu langweilig schön. Und eines Morgens ließ ich mich von einem Schiffer auf die Seefläche segeln, um hier zwischen Himmel und Wasser zu überlegen und Entschlüsse zu fassen, wo ich bleiben wollte.
Ich hatte an diesem Morgen zuerst den Ponalewasserfall besucht, der unweit Riva, zwischen zwei Felsen eingeklemmt, aus Himmelhöhe gegen den See niederstürzt. Da kam mir der Gedanke, daß ich auf dem Weg nach Malcesine, auf der anderen Seeseite am Tag vorher, einen Ort hatte liegen gesehen, am Fuß senkrechter Felsenwände, und daß mir dort die schönen Reihen der weißen Pfeiler von Zitronengärten von weitem aufgefallen waren. Diese sahen in der Ferne aus wie die marmornen Tasten einer riesigen Orgel, und eine weihevolle Festlichkeit lag über diesen Hunderten von Säulen, die da, regelmäßig gereiht, die Felsenabhänge schmückten. Eine hübsche Kirche mit freistehendem Glockenstuhl und eine Schar dichtgedrängter hellgelber und rosenroter Häuser um einen kleinen Hafen, in welchem winzige italienische Motorboote lagen, waren mir noch gut in Erinnerung. Den Ort selbst hatte ich von meinen Bekannten nie nennen hören, und ich hatte ihn auch im Reisehandbuch übersehen. Ich bedeutete nun den Fischer, mich dorthin zu fahren.