Der große Elefant schaukelte jetzt mit Yawlor am Mehlladen vorüber, wo nur die drei Mühlen knirschten, aber kein Lied ertönte. Draußen am Marktplatz saßen die Purpurfärber und Leinwandverkäufer unter ihren Zeltstangen vor ihren roten und blumigen Warenstücken. Alle legten heute die Hand an die Stirn und grüßten den Knaben auf dem Elefantenkopf wie einen Herrn, zum Zeichen des Mitgefühls.
»Sie grüßen die Tote, die neben mir auf dem Elefanten sitzt,« sagte der Knabe zu sich. Als er an der stillstehenden Mühle des Ladens vorübergeritten war, an der seine Mutter sonst immer gearbeitet hatte, redete er in die Luft: »Mutter, ich will dich am Durst und am Hunger, die dich umgebracht haben, rächen. Ich will den Durst und den Hunger in dieser Stadt umbringen.« Des Knaben Auge flog die Straße hinauf und hinunter, wild, als wollten seine Lippen einen Schrei ausstoßen, wilder als der Schrei des Elefanten. Niemand hörte den Knaben auf der Straße laut mit sich sprechen, denn der Glockenläuter, der vorausging, übertönte alle Geräusche. Der Elefant torkelte jetzt behäbig über den Marktplatz. Die Leute sahen nur, daß Yawlor fortgesetzt die Lippen bewegte.
»Ich werde schreien,« rief Yawlor zum Geist seiner Mutter, »daß der Himmel über dem Marktplatz zittert, Mutter. Und der Fürst und alle Leute in der Stadt müssen fragen, wer schreit? >Das ist Yawlor, der den Regen vom Himmel rufen kann<, muß man dann antworten. Hunger und Durst müssen vor Yawlor sterben. Mit beiden Armen werde ich den Himmel wie einen vollen Wasserschlauch an mich pressen, daß der Starrsinnige zerplatzt und die Felder von der Stadt Jaipur bis zum Schloß Amber draußen überschwemmt werden von seinen Regenfluten.« Der Fluß muß wieder im ausgedörrten Kiesbett erscheinen, und sein Spiegel muß wieder auftauchen, der Fluß, der jetzt mit versteintem und verdorrtem Gesicht dalag, wie Yawlors tote Mutter auf dem Scheiterhaufen. Unterm lebenden Regen würde auch die Asche der Mutter wieder zu Fleisch werden und aufstehen. Die Mutter würde wieder an ihrem Mahlstein niedersitzen und jeden Morgen wie sonst singen, wenn Yawlor auf dem nickenden Kopfe des Elefanten Talim am Mehlladen vorüberritt. – Yawlor sah vom Kopfe des Elefanten herab über dem Marktplatz deutlich die Stunde seiner Größe kommen. – Der Fürst würde zu Pferd mit allen Frauen in den Sänften und in den Zebuwagen und mit allen tätowierten und purpurgeschmückten Elefanten auf dem Marktplatz in den Palast der vier Winde ziehen; alle Fenster wären dann voll von Frauengesichtern mit plattgescheiteltem Haar. Die Rubinen in allen Ohrmuscheln und die weißen Ringe in den Nasenflügeln müßten funkeln und glitzern und alle Goldspangen an den Armgelenken klirren, wenn sich die Frauen über die Geländer bögen und mit großer Erregung Yawlors Stimme lauschten. Yawlor stünde dann mitten auf dem Marktpflaster zwischen den tausend heiligen grauen Tauben, die dort picken und die nie ein Arm verscheuchen darf, und Yawlor schriee zum Himmel vor den Reihen der Fenster, den Elefantenreihen, den Wagenreihen, und vor den Reihen der ungeduldigen Pferde. Wie voll von Haufen Käfern und Waldameisen würden alle Dächer und Türmchen voll von Turbanen und Gesichtern sitzen, die auf Yawlor sahen wenn er den Regen aus den Wolken herabschrie, wenn er die Dürre vom Himmel riß und der Sonne ins Gesicht schlug. Dann in der atemlosen Stille mußten die ersten Tropfen, rund und gequollen und wie Gewichte schwer, auf die Köpfe schlagen, tausend Hände sich nach den Tropfen ausstrecken und Tausende mit den nassen Händen jubelnd Beifall klatschen. Alle grauen Tauben auf dem Marktplatz fliegen rauschend dem Regen entgegen, alle Pferdenüstern wiehern, die Elefanten trompeten, und der Fürst und seine Frauen lassen Yawlor durch die Eunuchen vom Markt herauf in den rosigen Windpalast rufen. –
Der Knabe Yawlor mußte sich jetzt unter dem kühlen und dunkeln Tor des Elefantenstalles bücken. Das breite Elefantentier trampelte mit dem Knaben auf dem Kopfe in den Elefantenhof. Hühner, schwarze Böcke, Truthähne, Kulis, Affen, Wasserträger und Elefantenwärter trieben sich hier um die offenen Lehmställe und um die offenen fürstlichen Wagenschuppen herum. Der Dunst des gedörrten Elefantenmistes, der auf den Rändern der Hofmauer in Fladen als Dung getrocknet wurde, und Staubwolken füllten die Luft. Die begeisternden rosaroten Straßen von Jaipur aber waren hinter Yawlor verschwunden.
Zwischen dem Dunst des Viehes, der Taglöhner und des Mistes verwandelte sich die straffe Gesichtshaut des Knaben, sein Ausdruck wurde müde, welk und alltäglich. Sein Geist, der unter dem feierlichen Beileidsgruß der Kaufleute auf dem rosaroten Marktplatz aufgeleuchtet hatte, wurde kleinmütig. Als er vom Kopfe des erhabenen Elefanten zur Erde glitt und im Staub bei den Staubigen stand, hatte er den heldenhaften Blick in die Ferne verloren. Er stellte seinen Stachelstab in die Mauerecke, rieb sich die Gedankenreste wie Staubkörner aus den Augen und war auf seinen abgemagerten Beinen wieder der Sohn eines Kulis und nicht mehr der Herr über Durst und Hunger, wie auf dem Kopf des Elefanten.
Ein schwarzer Widder im Hof, welcher spielen wollte, kam von rückwärts angerannt, hob den Knaben auf seine gedrehten Hörner und kehrte ihn wie eine überflüssige Sache zur Seite, daß er in der Mauerecke bei einem Haufen dörrender Mistfladen hinfiel und liegen blieb. Der ganze Hof voll Kulis lachte lautlos, und alle zeigten dem Gestürzten die gelben Zahnreihen. Und mit dem Hingepurzelten lag auch der Gedanke, den Hunger und Durst zu beschwören, verrunzelt wie ein Mistfladen in der Mauerecke.
Eingeschlossene Tiere
Esthe, die Tochter des englischen Botanikers Horseshoe, war in Indien, in Kalkutta, geboren und sollte jetzt in ihrem sechzehnten Lebensjahre für immer mit ihrem Vater nach England zurückkehren. Esthe war an Indien angewachsen, wie eine Koralle am Meeresgrund. Sie versuchte auf alle erdenkliche Weise einen Grund zu finden, um in Indien zurückbleiben zu dürfen. Sie verfiel, wie junge, hartnäckige Mädchen leicht tun, auf das Resoluteste und das in ihren Augen Einfachste: sie wollte sich von einem jungen Indier entführen lassen.
Zu Haus waren bereits alle Zimmer geleert, alle Kisten zugenagelt, alle Koffer zugeschnallt, und Esthe wohnte mit ihrem Vater während der letzten Nächte im Grandhotel von Kalkutta.
Es war Sonntag, und am Montag wollten Vater und Tochter den Schnellzug nach Bombay nehmen, um dort den Dampfer der P.- und O.-Linie zu erreichen und sich nach Southampton einzuschiffen.