»Hei, Hö! Ich habe jetzt auch das Töten gelernt. Und, ich Likse, stelle mich auf den Kopf vor Vergnügen darüber. Das Töten ist eine viel lustigere Sache als das Wasserverkaufen. Und außerdem hast du doch nicht allen Branntwein bekommen, siehst du, Panulla. Ich habe noch ein paar Tropfen in der Nase.«

Likses Nasenlöcher trieben noch ein paar letzte große Blasen, welche zersprangen.

Dann wurde das mimische Gespräch der Toten abgebrochen. Die Tür öffnete sich, und die erstaunten Polizisten fanden die beiden Leichen der Weiber, die eine wie eine verrenkte Marionette in die Ecke geworfen, die andere wie eine kopfstehende Akrobatin vom Stuhl gefallen.

Niemand getraute sich während des Gewitters in das Zimmer zu treten und die Toten zu holen. Die Polizisten blieben starr unter der Tür stehen, wie Zuschauer vor einer Bühne. Nur die Monsunblitze, welche draußen in der Stadt wie Mordbrenner rasten, rannten rotfeurig durch das Fenster herein und um die beiden Leichen herum.

Der unbeerdigte Vater

Die Jadestraße von Kanton, die so genannt ist nach den Juwelenläden voll von kostbarem Jadestein, ist die prachtstrotzendste Straße der Stadt. Trittst du in diese Straße, die wie alle durch ein Holzgitter von der Sargstraße, Metzgerstraße, Möbelstraße getrennt ist, glaubst du zuerst, du seist in eine übersinnliche Welt geraten. Die Jadeläden sind über und über vergoldet und von künstlichem vergoldeten Holzgitterwerk umrankt. Keine Glasscheiben trennen die Ladenräume von der Straße. Waldäste, vergoldete, und vergoldetes Blattgewirr, verschlungen in phantastischer Figurenwelt, hängen wie goldene Gardinen die Läden halb zu. Die Straße ist wie alle Kantonstraßen kaum für drei Menschen breit. Bei Regenwetter feucht und halbdunkel wie ein langer Kanal; dann grinsen die goldnen Ladenreihen wie spukhafte, goldene Scheiterhaufen, und smaragdgrün, indigoblau und purpurrot leuchten die senkrechten Ladenschilder wie unzählige Kulissen in der Straße. Drinnen laufen, lautlos gleich weißen Mäusen, die Chinesen in weißen, lila und hellblauen Harlekinkleidern, und ihre Köpfe erscheinen und verschwinden wie gelbe Vollmonde hinter den goldenen Ranken und bunten Kulissenschildern. – In dieser Gasse hatte Hei-Hee seinen Laden, hier hatte er sein ganzes Leben lang gelebt und war kaum je aus den Holzgittern der Straße hinausgekommen; erst jetzt, wo er starb, verließ er seit Jahren zum ersten- und letztenmal den Jadeladen. Sein Leichnam wurde zu den Grabkammern gebracht; das sind kleine Häuser in einem besonderen Stadtviertel an den Mauern von Kanton, wo die Toten auf die Beerdigung warten müssen.

Als Hei-Hees fünf Söhne die drei Särge des Vaters bestellt hatten, den silbernen, den elfenbeinernen und den Sandelholzsarg, die genau ineinander paßten, und darinnen man den reichen Jadehändler in der Grabkammer aufgestellt hatte, und ein Bonze den Tag prophezeien sollte, welcher der günstigste für die Beerdigung war, da fanden die Söhne inzwischen, daß ihr Vater nicht der reiche Mann gewesen, für den ihn die Leute bei Lebzeiten gehalten hatten. Nur Schuldscheine und kein Geld fand sich im Laden, und alle Jadekunstschätze des toten Händlers reichten knapp, um die Schulden zu decken, aber nicht um die drei kostbaren Särge zu bezahlen. Die fünf Söhne überlegten eine ganze Nacht und wachten im Sarghause bei der einbalsamierten Leiche des Vaters. Die Sarghändler kamen am dritten Tage und sagten:

»Wir geben euch unbegrenzten Kredit auf die drei Särge, nur darf euer Vater nicht mit den unbezahlten Särgen begraben werden und muß in der Grabkammer bleiben, bis ihr die Sargkosten bezahlt habt.«

Das war nichts außergewöhnliches in Kanton, und es ereignete sich öfters, daß die einbalsamierten Toten jahrelang liegen mußten, bis die Angehörigen die teuern Sargkosten bezahlen konnten.

Hei-Hees Söhne fanden darum die Rede der Sarghändler recht und billig und murrten nicht dagegen.