Der Zauberer Walai sah tief aus dem Schlaf heraus den letzten Tanztakten der rasenden Bajadere zu; dann zwinkerte er mit beiden Augen wie ein Tiger, der blutunruhig durch die Wimpern blinzelt, und stieß den Atem zischend durch die geschlossenen Zähne aus. Neben ihm klatschten ein paar Kulis, andere drehten sich schlafend um.
Walai schlief nicht mehr. Er hatte seine Augen schließen wollen, aber seine Augäpfel öffneten ihm immer wieder die Augenlider, als hätten sie Hände, und seine Blicke holten sich das schlanke Mädchen, und sie tanzte durch sein Blut. Der Zauberer sah, wie ein hellhäutiger Engländer – der einzige Fremde, der sich in das Theater verirrt hatte, – die Hand mit der weißen Manschette hob und der bettelnden Tänzerin während der Pause große Silbermünzen in den hingehaltenen Schleier warf.
Der Walai spuckte rasch zwischen seinen Knieen auf den Fußboden. Wie das Haupt eines Geköpften lag sein Kopf mit aufgestütztem Kinn auf dem Geländer, seine weit offenen Augen hielten das Mädchen auf der Bühne fest, als wären seine Blicke Zügel, als hätte er die fliegende Gestalt auf den Bühnenbrettern mit einem Lasso eingefangen und an sein Herz gebunden. Stundenlang rührte sich sein Kopf nicht und seine Augäpfel starrten rot aufgerissen wie zwei fleischfressende Urwaldorchideen, deren Kelche in der Nacht plötzlich mit einem Knall aufspringen.
Das Mädchen auf der Bühne tanzte ahnungslos und ließ seine nackten Brüste wie zwei kleine Seidenkissen unter der Bogenlampe glänzen. Von Sekunde zu Sekunde wurde jetzt das seufzende Zischen des Zauberers lauter, und als die Tänzerin sich wieder zu dem Fremden bückte und Geld auffing, glitt Walai an der Wand entlang, als wolle er sich unsichtbar machen, und kam zur Tür. Das Türbrett öffnete er lautlos. Da fiel der Schatten der Tänzerin, groß und lang, zugleich mit Walais Schatten hinaus an die weiße Hofwand, und die Schattenhände des Mädchens fuhren einen Augenblick um Walais Halsschatten. –
Ein paar Minuten später stand Walai vor seiner Lehmhütte, bei seinem schlafenden Knaben. Der Hüttenraum war blutrot vom ausgehenden Feuer. Wie von den Augen der rasenden Tänzerin getragen, war Walai mit leichten, großen Sätzen durch die Gassen nach Hause gesprungen; er konnte schwören, daß er keine Fußspuren hinter sich im Sand gelassen hatte. Wie offene Feuer großen Rauch und große Schatten in die Nacht schleudern, so fühlte sich der Zauberer von seinem plötzlich leidenschaftlich verliebten Herzen als ein dunkler Riese in die Welt gestellt. Wenn er die Augen schloß, tanzte in ihm die Bajadere. Es war ihm all sein Blut im Leib verdorrt, und der rasende Tanz des Mädchens war das einzige Leben in seinen Adern.
Er nahm wie ein Irrsinniger den Degen aus der Zimmerecke.
»Süße!« flüsterte er, »Süße!« Er schloß die Augen, als tanzte das Mädchen auf dem roten Lehmboden der Hütte vor ihm, und mit geschlossenen Zähnen seufzte er noch einmal tief: »Der Fremde gibt dir Geld, was gibt dir Walai?« Er schwang plötzlich die rotbeleuchtete Degenklinge wie eine Fahne in der Hand und stieß die Stahlspitze seinem Knaben in das Herz.
Mit roten Augäpfeln lachend, in Ekstase wie ein Tanzender und mit hochgehaltener Degenklinge, deren Spitze schwarz von Blut war, rannte er aus der Hütte, sprang wie ein Gespenst an den Häusern hin. Die Leute unter den Laternen wichen ihm aus, sie meinten, es sei ein irrsinniger heiliger Mann, der aus einem Tempel fort in die Welt stürzte. Mit einem einzigen Satz sprang Walai mitten in den Theaterhof. Da der Weg über das Feuer der kürzere war, sprang er ohne Besinnen über den Holzstoß. In drei Sprüngen war er durch die aufgerissene Tür des Zuschauerraumes oben auf der Bühne.
Die Musikanten warfen sich zwischen ihn und die Tänzerin. »Willst du sie töten?« rief der eine und hielt zum Schutz gegen seinen Degen den bronzenen Gong wie einen Schild hoch. Der Zauberer aber lachte, und über die Köpfe der Musikanten warf er den Degen vor die Füße der Kulitänzerin.
»Laßt mich,« schrie er, »der Fremde gab ihr sein Geld, ich gebe ihr mein liebstes Blut.«