Das Blutbuch — der Zeuge Deines Unterganges. Um Deutschland bist Du gestorben — und auch für Deutschland! Wir werden Dein gedenken!
Wie einen Fürsten haben sie Hartwig von Borkhus beigesetzt. Die ganze Landschaft hatte zur Trauerfeier sich eingefunden. Pastor Waermann sprach die Abschiedsworte. So klangen sie aus: „Dein Tod ist ein Schrei, ist ein Ruf, der niemals verhallen wird. Deutsches Ohr wird ihn weitergeben an deutsche Lippen. In deutschen Herzen werden sich die Feuer sammeln. Bis der Tag kommt, wo die Flammen zum Himmel auflodern. Die Geister der Entschlafenen werden mit uns sein! Ihr Heerbann wird uns voranleuchten! Für uns aber, die Lebenden, die wir nichts vergessen, die wir treu bleiben jedem, der unser war, heißt die Losung, die harte und gerade: Über Gräber vorwärts!“
Verstehen!
Gisbert, nach der Todesnacht, war immer noch nicht außer Gefahr. Auf dem Friedhof, während der Grabrede, war es plötzlich wie ein wahnsinniger Schreck blitzartig durch Frau Tildes verdüstertes Gemüt gefahren: der Tote zieht den kranken Hausgenossen nach sich. Und durch all ihre Trauer, ihren Gram immer wieder dieser zuckende Gedanke. Es lag ihr auf der Seele, dies Furchtbare: alle sterben sie mir hin! Und es hetzte sie aus dem Schmerz in die Angst.
Wie sie nach Hause kommt, geht sie gleich zu ihm hinauf. Sie findet ihren Kranken in tiefstem Schlaf. Der Arzt, der im Trauergefolge ist, und noch einmal vorspricht, erklärt ihr, wenn etwas, gäbe dies die Aussicht auf Wiederherstellung. Jetzt kann sie gleichsam wieder ausruhen in ihrem Schmerz um den Vater.
Sie blieb in Moorhof. Achim fuhr noch am selben Abend nach Mönkhov zurück. Nun saß sie am Arbeitstisch des Vaters, an dem Platz, wo er „lieber seine Form zerbrochen“ hatte. Sie fing an, gedankenlos, mit leeren Augen und müden Händen die Schriftstücke zu ordnen. Da ließ Horst sich melden. Er bat um die Erlaubnis, sich noch einmal nach Gisbert umsehen zu dürfen, kam zurück mit dem Bescheid, daß der immer noch fest schlafe, und saß nun auf Frau Tildes Geheiß bei ihr nieder.
Immer wieder sprachen sie von dem Toten. Von seinem großen sozialpolitischen Gedanken: der Ernährung des deutschen Volkes aus deutscher Scholle. Ein Zweig dieses Baumes war seine Zärtlichkeit für den Siedlungsgedanken gewesen.
Horst war schwer betäubt. Ihm fehlte der Freund, seinem Werk der Vater und Berater. Wieder fiel die Schwermut ihn an. Und die alten inneren Zerwürfnisse kamen. Erst kämpfend erhob er sich zu der Kraft: nun gerade aushalten! Jetzt doppelten Einsatz des Wollens und Schaffens! Gilt es nicht auch, ein Vermächtnis hier zu erfüllen?
Und von einem Vermächtnis sprach auch Frau Tilde. Wenn etwas, sei von der Hinterlassenschaft des Vaters das Siedlungswerk ihr ans Herz gewachsen. Und so viel an ihr liege, wolle sie an ihm mitarbeiten, nach ihrem schwachen Vermögen. Dankbar küßte ihr Horst die Hände. —
Er hatte heute noch einen Krankenbesuch zu machen, der alte Torfmeister hatte sich gelegt.