Er meinte nicht anders, als daß Horst mit ihm gehen würde. Der aber blieb, versonnen, versponnen. Kunz wartete — dann ein fragender Blick, aber kein Wort — dann etwas wie ein leichtes Achselzucken, in dem der alte Schmerz bebte: man lasse die Träumer den Träumen — und er ging allein. Da war es wieder, was in ihm nagte: auch von Horst geht immer mehr verloren. Die Sorge um die Siedlung ließ ihn von jetzt ab nicht mehr los.

Wieder war der Mißklang zwischen den beiden, das Mißtrauen, das nun einmal gerufen war — tiefer griff es in die Gemüter, die der Schmerz zart und feinfühlig gestimmt hatte. In der Empfindsamkeit des Grames fand es neue Nahrung.

Horst spürte es, er wußte, was in Kunz sich von ihm abwandte. Das riß an den gespannten Saiten, und wieder gab es den Zorn, die Bitterkeit, die eigene trotzige Abkehr und Selbstverschanzung.

Ich bin Euer Führer, ich hab Euch etwas geschaffen, etwas gegeben — zum Lohn dafür haltet Ihr Gericht über mich, beobachtet mich, nehmt mich unter Aufsicht. So war es schon, und es mehrt sich zur Unleidlichkeit.

Ihr solltet wissen, daß ich das nicht ertrage. Ihr solltet mir meine Arbeit, die mir wahrlich nicht leicht fällt, nicht noch erschweren. Sie mir nicht verbittern! Kein besseres Mittel könnt Ihr dafür finden.

Wen hab ich nun noch in der Siedlung? Da Gisbert mir fehlt. Er, mit dem zarten, zerschlagenen, blutleeren Leib, der Wärmste, der Innigste von Euch allen. Und darum auch allen unentbehrlich, da er zwischen allen die seelischen Fäden wob. Allein steh ich jetzt. Er war es, der mich verband mit den Schwärmern, den blinden Heißspornen, den kühlen Rechnern, den Gleichmütigen, den Matten und Trägen. In ihm fanden sie sich alle, denn alle hatten ihn lieb. Ist mit ihm nicht das Licht der Siedlung erloschen? Ein blasses Licht, ja — aber vielleicht, daß gerade die unirdische Blässe die Herzensandacht schuf!

Gewiß, es war allzuwenig von dem landläufig Gesunden in Dir, gar nichts Lebensstarkes und Robustes. Ein Kind noch warst Du, als Du ins Feld zogst. Die Pubertätsjahre verschlang der Krieg, nun kam, krankhaft verspätet, verfeinert und gesteigert die ganze Empfindsamkeit der Jünglingschaft über Dich — und zerbrach an Weibesliebe. So fein und edel zart, wie es nur deutscher Jugend, die deutsches Leid versehrt, geschehen kann.

Und jetzt steh ich allein. Die Kameradschaft durchlöchert und im Verfall. Argwohn — Übelwollen. Jetzt, wo alles sich ergeben sein müßte auf Leben und Tod! Und die Jungen haben sie mir verwehrt! Neue Ketten schmieden sie. Die Luft im Bagno — wie soll ich sie länger atmen! Und wär nicht die ganze deutsche Luft verpestet — verpestet von Verrat! Rein muß ich atmen können! Ich ersticke hier, ich verderbe in dem Dunst — ich will nicht verderben!

Und wieder suchen seine Blicke die Landzunge. Da steht sie noch immer die weiße Gestalt und schaut auf die See. Jetzt haben die Augen das sichere Bild. Kein Trug — Ingeborg ist es. Zu ihr will ich! In ihrem Schein gesund mich atmen.

Er wandert mit eiligen, mit festlichen Schritten. Sein Leuchtfeuer zieht ihn, ruft ihn, grüßt ihn. Er steigt die Dünen hinan, klimmt dann den Abhang empor.