Die Ackergeräte blieben im Felde stehen, wo sie standen, verstaubt und verachtet. Beide Dampfmaschinen dagegen wurden drei Tage lang geputzt und geschmirgelt, daß sie in der Sonne blitzten. Auf der Rückseite des Tenders und auf dem Deckel der Rauchkammer ließ ich durch einen hervorragenden Künstler aus Deutschland, der drüben mehrere Malerschulen besucht hatte und dementsprechend am Hungertuch nagte, die eine mit den Worten »John Bull«, die andre mit dem Namen »Jonathan« bemalen, so daß ich nun auch selbst wußte, welches die eine und welches die andre war. Stone brachte auf eigne Kosten nationalfarbene, besternte Tücher, mit welchen er Jonathan schmückte. John Bull fand sich am Mittwoch nachmittag mit Guirlanden über und über bedeckt, in denen sich reife Orangen besonders reizend ausnahmen. Das war Sallys Werk. Ich selbst sorgte dafür, daß am Tender jeder Maschine zwei Banner befestigt wurden: Parker erhielt die englische Union-Jack, die er mit ruhigem Stolz aufsteckte, Stone die sternbesäte Flagge seiner amerikanischen Heimat. Das eigentümliche Verhältnis beider war auch nach längerem Zusammenarbeiten das gleiche geblieben. Sie sprachen nicht viel und nicht höflich, wenn sie sich etwas zu sagen hatten, aber die magnetische Antipathie, mit der sie sich betrachteten, war im Wachsen. Parker verachtete Stone, Stone ärgerte sich über Parker. Das geschah aus nationalem Instinkt. Hätten sie sich als Individuen gegenübergestanden, so wäre das umgekehrte Verhältnis natürlicher gewesen. Stone, der ältere, verhältnismäßig gebildetere Mann, hätte Jem verachten, Jem sich über Stone ärgern sollen. Aber das unbewußte Rassengefühl ist meist stärker als das bewußte Empfinden des einzelnen. Zum Glück hatten sie bis jetzt nicht viel Gelegenheit gehabt, sich aneinander zu reiben. Es ist dies schwierig, wenn jeder den ganzen Tag an einem der beiden Enden eines vierhundert Meter langen Drahtseils beschäftigt ist.
Auch Delano hatte nun genügend zu tun und wurde deshalb etwas heiterer. Er ließ die Tribüne abstäuben und stützen, da sie sich gefährlich nach hinten neigte, und ein drittes Kassenhäuschen aufstellen. Man sah, meine amerikanischen Freunde glaubten an die englischen Elefanten. Ich selbst war sehr beschäftigt und warf kaum einen Blick auf die Zeitungsnotiz, die mir Lawrence, der jetzt alle Taschen voll Fahnenabzüge und Ausschnitte hatte, am Dienstag vor dem Rennen auf die Maschine heraufreichte. Einen Augenblick später sprang ich jedoch erregt zur Erde. Der Himmel klärte sich. Es regnet auch im Mississippidelta nicht immer. Dann las ich mit gespannter, aber freudiger Aufregung:
»Washington, den 1. März 1867. Der unerwartete Schluß der Sitzungen des Kongresses war in den letzten Tagen die Veranlassung, eine ganze Reihe weniger bedeutender Vorlagen, namentlich auf wirtschaftlichem Gebiete, zur Beratung zu bringen, die meist ohne längere Diskussion zur Annahme kamen. Die sichtliche, die Arbeit fördernde Ermüdung der würdigen Vertreter des souveränen Volkes mag hierbei ebenso kräftig mitgewirkt haben wie die sachlichen Interessen, die von einzelnen Mitgliedern mit Gewandtheit und Umsicht vertreten wurden. Namentlich war dies am letzten Tage der Session der Fall, an dem die folgenden neun Anträge die Zustimmung des hohen Hauses erhielten.« Dann folgte die Liste von acht mir völlig gleichgültigen Bestimmungen, die sich auf die Gewährung von Pensionen, die Bezahlung von Komitees, die Erhöhung von Beiträgen zu verschiedenen Verkehrsunternehmungen bezogen. Dem neunten Paragraphen sah man es fast an, wie hastig er im letzten Augenblick noch angehängt worden war. Er lautete:
Ferner wird beschlossen, daß Geräte und Maschinen, die zur Bearbeitung des Bodens mittels Dampfkraft bestimmt sind, zoll- und steuerfrei eingeführt werden können, und soll diese Zollbefreiung auf die Dauer von drei Jahren festgesetzt sein. Auch soll die Bestimmung rückwirkende Kraft besitzen und vom 1. Januar 1867 an Geltung haben. –
»So hat mein zweifelhafter Freund Olcott doch nicht umsonst gearbeitet, und Schmettkow wird mir beschämt zugestehen müssen, daß auch im Norden noch Menschen wohnen, auf die man sich verlassen kann!« rief ich innerlich hocherfreut und schickte Stone in die Stadt, um noch zwei Banner zu bestellen, mit denen ich Jonathans Schornstein schmücken wollte. Die Sterne und Streifen waren nicht so schlimm, als ich seit einigen Wochen zu fürchten begonnen hatte.
Noch am gleichen Nachmittag, als meine zwei Renner blank und glänzend, mit Kohlen, Wasser und Öl versorgt, hinter der geschmückten Tribüne aufgestellt waren, fuhr ich nach dem Zollamt und überreichte dem Generalzolldirektor von New Orleans den »Picayune« und die »Crescent City News« mit ihren Telegrammen aus Washington. Der Herr, ein dünner, schwarzgekleideter Yankee mit der Miene eines Kirchenältesten, schien in eifrigem Geschäftsgespräch mit einem seiner Unterbeamten. Beide hatten zerrissene Taschenbücher in der Hand und ließen sich durch meinen Eintritt kaum stören. Zwei gegen eins auf Jonathan; so weit wollte der Zolldirektor gehen, während der Assistent zögernd an seinem Bleistift kaute. Beide Herren empfingen mich unwirsch, als ich eintrat, und sehr höflich, als ich mich zu erkennen gab. Mit sichtlichem Widerstreben entfernte sich der Assistent auf einen energischen Wink seines Vorgesetzten. Ich zog den »Picayune« hervor und zeigte ihm den dickunterstrichenen Paragraphen.
»Sehr gut, sehr gut, Sir!« sagte er mit unerwarteter Zuvorkommenheit. »Ich gratuliere Ihnen, Herr – Herr Jed! Nebenbei: würden Sie vielleicht die Güte haben, mir den Unterschied, die wesentlichen inneren Eigenschaften von Jonathan und John Bull zu erklären? Ich verstehe nicht viel von Dampfmaschinen, interessiere mich aber doch außerordentlich für die Fortschritte der Technik. Die beiden Elefanten seien äußerlich ziemlich ähnlich, habe ich mir von sachverständiger Seite sagen lassen. Welchen – ganz unter uns – welchen halten Sie bei einem Viereinhalbmeilen-Rennen für den leistungsfähigeren? Sie wissen, die Bahn ist anderthalb Meilen lang.«
Hier handelte es sich offenbar um ein unerwartet glückliches Zusammentreffen von Umständen, das ich nicht ungenützt vorübergehen lassen durfte.
»Ich komme, verehrter Herr,« sagte ich, »um Sie auf den Paragraphen bezüglich der rückwirkenden Kraft dieser Zollbestimmung aufmerksam zu machen.«
»Sehr interessant!« rief der Zöllner. »Ich höre, Jonathans Feuerbüchse sei um zehn Zoll länger. Wenn dies der Fall ist, muß er ein verdammt guter Dampfer sein –«