Sally war zum erstenmal seit Beginn des Rennens still geworden und starrte mit weit aufgerissenen Augen dem Unheil entgegen, das ihren Jem betroffen hatte. Jetzt riß sie ihren prachtvollen Federhut vom Kopf und schwenkte ihn an den Bändern wie ein Rad in der Luft, um den Geliebten aufzumuntern. »Hurra, Jem! Schnell, schnell! Vorwärts! Hurra!« Der Chor der Blauroten, der etwas schwächer geworden war, brauste unter diesem Gefühlssturm seiner Führerin wieder auf, die sich durch das Hutschwenken rasch Platz verschafft hatte und jetzt auf der Tribünentreppe eine hervorragende Stellung einnahm. Aber Jonathan gewann noch immer. Fünf Minuten mußten vergehen, ehe Parker Dampf genug hatte, um das verlorene Terrain wiederzugewinnen.
Nun aber war es an mir, etwas bange zu werden. Mein Opernglas war gut, so daß ich die Bewegungen der zwei Leute auf jeder Maschine genau beobachten und fast sehen konnte, was sie sich sagten. Es war klar, sowohl Stone als Parker hatte das Programm völlig vergessen. Vielleicht hatte der erstere den Hohn seiner Landsleute nicht länger ertragen können, vielleicht war der Stoizismus Parkers den leidenschaftlichen Ausbrüchen seiner hitzigen Geliebten erlegen. Tatsache war: die Maschinen liefen nicht mehr hintereinander her, wie es der Würde eines braven Dampfpflugs entspricht; sie stießen zornige Rauchwolken aus, sie rannten, sie suchten sich zu überholen. Beide Maschinenführer hatten die eine Hand auf den Sicherheitsventilhebeln – ein böses Zeichen –, die erregbaren Heizer drohten sich mit den Kohlenschaufeln und stimmten jauchzend in das Geschrei der Menge ein. – Das Wettrennen war ernst geworden, und von allen Beteiligten wußte eigentlich nur Parker genau, was er tat. Wenn es so fortging, konnte der Spaß jeden Augenblick mit einer Katastrophe enden, und die Zeichen mehrten sich, daß wir einem tragischen Ende entgegentrieben.
Auch der Himmel hatte sich plötzlich verdüstert. Eine schwarze Regenwolke trieb mitten durch den Sonnenschein über den Park hin, eine im März gewöhnliche Erscheinung des Klimas von Louisiana. Das helle Bild lag plötzlich in tiefem Schatten, und eine Minute später schüttete der Himmel Wasser in Strömen auf die Rennbahn. Doch dauerte der sündflutartige Guß nur zwei Minuten lang, dann glänzte die Abendsonne wieder durch das dampfende Gewölke, und alles strahlte und funkelte in frischen Farben.
Auf die Volksmenge hatte das gewohnte Zwischenspiel kaum einen merklichen Eindruck gemacht. Lachend wurden tausend triefende Regenschirme wieder zugeklappt und der gefüllte Rand von hundert Hüten dem zu nahe stehenden Nachbar in den Nacken geschüttet. Dagegen hatten die Elefanten mit einer neuen und jedem, außer mir und Parker, unerwarteten Schwierigkeit zu kämpfen. Während des Regens war John Bull wieder vorgeeilt und hatte Jonathan um zwanzig Schritte überholt. Beide rangen jetzt mit allen Mitteln um den Sieg. Sie waren noch hundert Schritte vom Ziel, aber auf dem nassen Rasen, auf dem der kurze stürmische Regen da und dort kleine Seen zurückgelassen hatte, glitten und glitschten jetzt die Triebräder in hilflosem Eifer. Auch die Vorderräder, durch deren Stellung die Maschine gesteuert wird, hatten keinen Halt mehr und schlüpften nach rechts oder links mit unberechenbarer Willkür. Die wuchtigen Lokomotiven schwankten hin und her wie Betrunkene, blieben stecken, schossen vorwärts, versuchten sich quer zur Bahn zu stellen. Es war ein tolles Ringen mit den Elementen, die sich gegen beide Renner gleichmäßig verschworen hatten.
Da hielt Parker plötzlich still und sprang von seiner Maschine, Bucephalus ihm nach. Zischend heulte der gepreßte Dampf durch die sich weit öffnenden Sicherheitsventile. Stone, wenn auch mühselig und in unregelmäßigen Stößen sich fortbewegend, fuhr an der stehenden Maschine vorüber. England brüllte vor Wut; Amerika brach in brausenden Siegesjubel aus. Sally verlor den zweiten Perlmutterknopf über dem gepreßten Herzen: »Vorwärts, Jem! Vorwärts! O Jerusalem, vorwärts!«
Parker, der noch hundert Meter der überfluteten Rennbahn vor sich sah, war nicht stehen geblieben, um Luft zu schöpfen, und verstand sein Geschäft. Mit aller Macht, aber stumm drauf los arbeitend, den willigen, aber ungeschickten Bucephalus nur mit Rippenstößen anleitend, seine rotblaue Jacke mit Schmutz und Lehm bedeckend, befestigte er an den Triebradreifen ein halbes Dutzend sogenannter »Sporen«, gewaltige eiserne Schaufeln, die, in den Boden einhauend, auch auf nassem, schlüpfrigem Felde die Maschine vorwärts bringen. Stone hatte trotz seiner Nöte sechzig Schritte Vorsprung gewonnen, ehe Parker mit dieser Arbeit fertig war. Er war nur noch vierzig Schritte vom Ziel, aber seine Maschine, kaum mehr steuerbar, die Räder handhoch mit Lehm bedeckt, taumelte hilflos hin und her. Jetzt sprang Parker wieder auf den Tender, ließ die Dampfpfeife spielen, und stolz und ruhig hieb sich die Maschine vorwärts.
Das Geschrei wurde betäubend. John Bull klatschte mit einer Sicherheit durch das Wasser, als sei er darin geboren. Sally warf ihren Federhut in die Luft, der einen wild gestikulierenden, achtbaren Geistlichen unter ihr zudeckte. »Hurra, Jem! Hurra, Jem!« So dampfte Parker an uns vorüber. Noch zwanzig Schritte, und England hatte gesiegt.
Doch plötzlich stockte auch John Bull wieder. Die Hinterräder drehten sich, aber die Maschine ging nicht vorwärts. Auf einen Augenblick wurde die tausendstimmige Menge fast still; das Interesse war aufs höchste gestiegen. Wasser spritzte nach allen Seiten; große Klumpen Erde flogen in die Luft. Die Nächststehenden stoben entsetzt auseinander; sie wußten nicht, was vorging. Ich wußte es nur zu gut: Parkers Maschine war auf eine besonders weiche Stelle geraten; die Sporen, anstatt einzuhauen und die Maschine vorwärts zu treiben, warfen den Boden nach hinten und begannen nach den besten Regeln der Kunst der Maschine ihr eignes Grab zu graben. Parker sprang wieder herab und riß Bucephalus mit. Beide hoben mit Anstrengung aller Kräfte, Bucephalus laut heulend vor Wut, ein Stück der nächstgelegenen Barriere aus dem Boden und warfen das gewonnene Gebälk unter die Räder. Aber es half nichts. Knirschend, alles zermalmend arbeiteten die Sporen das Holz in die tiefer und tiefer werdende Grube. Die Maschine sank – sank! – Der Schornstein neigte sich wie zum Sterben. Im nächsten Augenblick saß der Tender auf dem Boden, und alle weiteren Versuche, vorwärts zu kommen, waren zu Ende.
Und langsam, bedächtig, durch nichts entmutigt, kroch Stones Maschine hinterher. Jetzt passierte sie Parker. »Hipp, hipp, hurra!« schrie der kleine Jem, ganz außer sich vor Freude, obgleich ihm Bucephalus ein Stück Kohle an den Kopf warf. Glitschend und gleitend, oft fast quer über die Bahn stehend, quälte sich Jonathan weiter. Drei Minuten brauchte er zu den letzten zehn Schritten. Aber keuchend und röchelnd, platschend und scheinbar halb schwimmend, über und über mit Schmutz bedeckt, glitt er endlich durch das heiß erkämpfte Ziel.